Der Versöhnungssex: Fuck The Hate Away

Erst sehr streiten, dann sehr streicheln - jedes Paar kennt diese Abfolge. Aber wie passen Sex und Wut eigentlich zusammen?
Von Meredith Haaf
versoehungssex cover
Foto: Herzschlag / photocase.de

Beim Wort Versöhnungssex muss ich immer an den Film „Ein unmoralisches Angebot“ denken. In der Anfangsszene sieht man wie Demi Moore und Woody Harrelson als frisch verheiratetes Paar gerade ihr neues Haus einrichten. Aus irgendeinem dämlichen Grund kommt es zu einem Disput zwischen den beiden, es fliegen die Fetzen und das Geschirr, die beiden starren sich zornentbrannt und wortlos an – und im nächsten Moment wälzen sie sich unbekleidet und keuchend auf dem Küchenboden. Die Szene ist eigentlich eine Art „Tableaux Vivant“ des Ausdrucks „Junge Leidenschaft“. Ernst nehmen kann sie trotzdem niemand, der sich jemals mit seinem Verliebten gestritten hat.

Schon klar, Sex und Streit gehören zum Verknalltsein, wie die Gitarre und das Groupie zur Rockmusik. Sex und Streit machen den wesentlichen Unterschied zwischen einer Liebesbeziehung und einer guten Freundschaft aus. Den besten Kumpel schreit man normalerweise eher nicht auf offener Straße an, weil er einen seit Tagen nachlässig behandelt. Man reißt ihm aber auch nicht ein paar Stunden später die Kleidung vom Leib, weil man seinen nackten Körper seit Tagen so wahnsinnig vermisst hat.

Sex und Streiterei sind auch nicht nur Elemente der Definitionsmenge einer Beziehung. Sie hängen auch unmittelbar miteinander zusammen. Das sagt zumindest der amerikanische Psychologe David Schnarch in seinem neu erschienenen Buch „Die Psychologie sexueller Leidenschaft“. Er hat in einer Studie heraus gefunden, dass Paare, die sich Auseinandersetzungen liefern, im Bett wesentlich mehr Freude aneinander haben, als solche, die ihr Verhältnis in den Dienst der Harmonie stellen. Entscheidend ist dabei aber nicht die Erotik des Sich-gegenseitig-Anschreiens. Sondern die Prämisse, dass Menschen, die Konflikte nicht scheuen tendenziell eigenständige Persönlichkeiten sind, die in die Belastbarkeit ihrer Liebe vertrauen. Wer sich einem anderen permanent unterordnet, um das gute Verhältnis aufrechtzuerhalten, leugnet nicht nur sich selbst – er lässt sich auch nicht vollständig auf seine Beziehung ein.

Dass sich solche Fragen der Persönlichkeitsstruktur relativ direkt auf die bettinterne Beziehungskonstante übertragen, ist nicht gerade Astrophysik. Wer weiß, was er will, mag und braucht ist am Schluss immer der bessere Liebhaber, als derjenige, der immer nur versucht herauszufinden, was sein Bettgenosse gerne hätte und bräuchte. Nicht, dass hier ein Zusammenhang zwischen Egoshooter-Mentalität und Orgasmusdichte hergestellt werden soll. Aber wenn zwei Leute miteinander ins Bett gehen und die Liebe dabei mitspielt, dann geben sie sich sowieso von selbst alles, was sie haben. Es liegt aber an jedem einzelnen, sich das zu nehmen, um wirklich Spaß an der ganzen Angelegenheit zu haben.

Spaß wiederum tritt mit aller Wahrscheinlichkeit nur dann auf, wenn man sich mit der Person, die man gerade vögelt, auch gut versteht. Und genau das tut man normalerweise eben nicht, wenn man sich streitet. Streit kommt im Beziehungskontext nämlich meistens dann vor, wenn man gerade überhaupt nicht kapiert, was mit dem anderen jetzt los ist. Das erzeugt Entfernung – allerdings zwischen den Köpfen, nicht zwischen den Geschlechtsorganen. Den Abbau dieser Entfernung nennt man genau aus dem Grund auch Versöhnung – nicht vögeln. Sich wieder vertragen ist genauso mühsam wie streiten, aber für die Qualität in- und außerhalb der Kiste eben unabdingbar. Denn jemand, den man nicht begreift, kann man auch als fremd bezeichnen. Und Sex mit einem Fremden ist vielleicht mal aufregend, in erster Linie aber furchtbar irritierend und anstrengend.

Der andere Film, an den ich bei Versöhnungssex immer denken muss, ist übrigens der ausgezeichnete dänische Film „Das Fest“. Er besteht aus vielen verstörenden Szenen und eine von ihnen geht so: Der jähzornige Bruder der Hauptperson und seine Frau bereiten sich in ihrem Gästezimmer auf das Abendessen vor, er stellt fest, dass sie seine Schuhe nicht eingepackt hat und brüllt sie an, was ihr einfalle. Sie fragt kreischend warum er seinen gottverdammten Koffer eigentlich nicht selbst gepackt hätte, er schüttelt sie, sie schreit wie am Spieß und der Zuschauer bekommt langsam Angst, dass es jetzt gleich zum Schlimmsten kommt. Doch statt etwa eines Mordes im Affekt passiert etwas, das in diesem Moment fast abstoßender wirkt: Von einem Moment auf den anderen beenden die beiden ihren hysterischen Streit und beginnen den wahrscheinlich unattraktivsten Geschlechtsakt, den das Kunstkino in den letzten 15 Jahren so zu bieten hatte. Denn was man da sieht, sind zwei Menschen, die sich gerade völlig fremd sind und nun verzweifelt ihre Körper in eine Nähe zwingen, die sie gar nicht wirklich empfinden.

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