Girly-Adopter

Unser Autor beobachtet: Viele seiner Freunde ziehen sich neuerdings an den beruflichen Erfolgen ihrer Freundinnen hoch, während sie selbst in ihrem Leben nichts auf die Reihe bekommen. Was hat das zu bedeuten?
Von Gregor Rudat
Illustration: Daniela Rudolf

Da kommt Freund D. plötzlich richtig ins Schwärmen. Seine Freundin, sagt D., sei „supererfolgreich“: Die Promotion schon angemeldet und der nächste Workshop zusammen mit dem Professor geplant. Drei Jobs nebenbei und am Wochenende muss sie wieder einen Vortrag auf irgendeinem Kongress halten. Im Laufe des Gesprächs wird mir klar: Mein Freund trägt seine Freundin wie ein edles Kleidungsstück - von dem er jedem ungefragt erzählt, dass es teuer war.

Seit einiger Zeit beobachte ich diesen Mechanismus verstärkt bei meinen Freunden. Das könnte ja zunächst sehr erfreulich sein. Es bricht mit dem Klischeebild vom „ganzen Kerl“, der sagt, wo’s langgeht. Doch irgendetwas daran ist auch irritierend. Denn fragt man diese Männer dann, was sie denn so machten, erfährt man, dass es bei ihnen eher so mittelmäßig läuft gerade. Vieles an der Uni vor sich hergeschoben. Bisschen abhängen im Moment. Noch offen halten, wo das alles so hingeht mit dem Studium.

Ist ja grundsätzlich nicht schlimm, wenn jemand noch nicht weiß, wo es so hingeht im Leben. Doch so, wie mein Freund die Geschichte erzählt, fühlt sie sich komisch an. Und scheint gleichzeitig höchst interessant. Denn man kannte das Phänomen bislang ja eher vom Frauen-Typ der Sorte „Arzt - oder Unternehmergattin“, die bei Kaffee und Kuchen ein bisschen angeben mit den beruflichen Erfolgen des Gatten. Auch um selber besser dazustehen. Oder? Was steckt sonst hinter penetrant nach außen getragenem Lob für den Partner, wenn nicht der Wunsch nach Erhöhung des eigenen Egos?

Und bei meinem Freund sehe ich dieses erhöhte Ego auch. Allerdings nur an der Oberfläche. Untendrunter kommt er mir nicht gerade wie ein besonders glücklicher Mensch vor. Es ist vielmehr so, als hätte er aufgeben und sich mit seinem Schicksal in der Bedeutungslosigkeit abgefunden. Mit der erfolgreichen Freundin führt D. einen Kampf um gemeinsame Zeit und Beachtung - möchte er ihn gewinnen, muss er nachgeben. Seine eigenen Pläne werden kontinuierlich ein bisschen weniger wichtig, während die Freundin das Tempo des Alltags vorgibt. Ihre Prüfungen oder Deadlines für Hausarbeiten entscheiden, ob die beiden die Staffel „Breaking Bad“ jemals zusammen durchgeschaut bekommen - oder er ihr die Kurzzusammenfassung schnell am Frühstückstisch erzählen muss. Man bekommt schnell das Gefühl einer fehlenden Selbstreflektion, wenn er von ihr erzählt. Ihr Erfolg, so scheint er zu glauben, wird automatisch auch zu seinem Erfolg. D. muss sich um die Freundin drehen, wie die Erde um die Sonne. Denn ohne ihrenGlanz und ihr Licht, wäre Leben auf seinem Planeten gar nicht möglich.

Kommt es jetzt also auf die Frau an, die man hat – oder eben nicht? Ist mein Freund ein Early-Adopter der weiblichen Überlegenheit? Zumindest hat er erkannt, dass bei ihr mehr geht als bei ihm. Er packt die Evolution bei den Hörnern und versucht seine Freundin noch stärker zu machen, indem er sie unterstützt und ihre Erfolge in die Welt hinaus trägt. Das klingt erstmal schön, doch wenn er dabei sich selbst vergisst und die eigenen Bedürfnisse zurückstellt, wacht er vielleicht eines Tages auf und merkt, dass der eigene Lebenslauf nur spärlich bedruckt ist.

Und das fällt dann auf seine Freundin zurück. Denn nur weil sich Arzt-Gattinnen schon immer an ihren Männern aufrichteten und dann irgendwann merkten, dass das Leben an ihnen vorbeigezogen ist, sorgt es nicht automatisch für ausgleichende Gerechtigkeit, wenn es jetzt auch immer mehr Männer gibt, die so leben. Denn das Hochziehen am Partner war eines schon immer - und wird es auch immer bleiben: Unsexy und unselbstständig! Ich sollte mal seine Freundin fragen.

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