Ich finde einfach nicht den Richtigen

Lisa und Tim haben eines gemeinsam: Sie sind Singles. Zwei Erfahrungsberichte von der Suche nach der Zweisamkeit.
Von Verena Kuhlmann
single cover
Foto: Roarky / photocase.de

Lisa ist 24 Jahre alt und studiert Politikwissenschaften in München. Sie ist jung, blond, sportlich und wenn man ihre Freunde fragt, was sie an ihr schätzen, dann sagen die: Dass Lisa immer gute Laune hat. Sie ist aufgeschlossen und trifft sich gerne mit ihren Leuten, um Billard zu spielen oder durch die Clubs zu ziehen. Trotzdem ist Lisa mit einer Sache unzufrieden: Sie ist seit vier Jahren Single. Sie weiß, dass sie noch viel Zeit hat, fühlt sich wohl und schon gar nicht wie ein Außenseiter. Trotzdem fehlt was.

In den letzten vier Jahren hat sie sich gut kennen gelernt, hat es genossen, für sich zu sein und sich nur um sich selbst zu kümmern. Genau deshalb glaubt sie jetzt auch zu wissen, was ihr fehlt: Sie sucht nach der perfekten Kombination, will einen Mann, der gleichzeitig bester Freund und Lebenspartner ist, der sie zum Mittelpunkt seines Lebens macht und auch gerne ihr Mittelpunkt wird. Bisher hat sich so einer jedoch noch nicht blicken lassen. Klar hatte sie immer wieder Dates – der ein oder andere war ziemlich vielversprechend, aber für mehr als eine kurze Affäre oder eine gute Freundschaft hat es  nie gereicht. Einer entpuppte sich als chronischer Lügner, ein Anderer wiederum hätte sie am Liebsten gleich nach zwei Wochen geheiratet. Einfach gut war es irgendwie mit keinem. Dabei muss es in der Single-Hauptstadt München doch einen brauchbaren Kerl geben, der zu ihr passt!

So gut wie jeder kennt in seinem Umfeld Menschen wie Lisa. Menschen, die man nie für den typischen Single halten würde, die aber irgendwie seit längerer Zeit nicht über kurzweilige On/Off-Geschichten hinaus kommen. Wenn man sie nach ihrem Liebesleben fragt, wissen sie selbst meist nicht, warum sie einfach niemand Passendes finden, flüchten sich in Selbstironie, erklären sich für beziehungsunfähig. Niemand weiß so richtig, warum er oder sie immer noch auf der Suche ist, während die anderen drumherum schön zweisam sind.

Der Paarberater Michael Mary vertritt in seinem Buch die These, dass jeder Single, in gewisser Weise selbst schuld ist. Zu Lisas Fall befragt fällt ihm vor allem auf, dass sie offenbar mit einer Art Annonce im Kopf durchs Leben läuft. „Sie sucht besten Freund und liebenswerten Partner, der bereit ist, sein Leben nur noch mir zu widmen und das bitte sofort" – auf eine solche Anzeige käme ziemlich sicher keine Antwort, würde sie in der Zeitung stehen. „Klar ist es möglich, dass man einen solchen Menschen findet, der alles für einen sein kann und der ebenfalls genau das sucht", erklärt er, „aber so etwas muss sich immer erst entwickeln, schließlich entsteht eine Freundschaft ja auch nicht in zwei Minuten, ganz zu schweigen von einer innigen Beziehung.“

Von Freunden hört Lisa einen Haufen nett gemeinte Ratschläge, Dauerbrenner ist zum Beispiel: „Du suchst zu intensiv“. Dabei fühlt es sich für sie nicht wie eine Suche an, schon gar nicht intensiv. Im Gegenteil, sie geht durchs Leben und wartet darauf, dass etwas passiert, das jemand Besonderes in ihr Leben tritt, so wie es bei den anderen doch auch geschehen ist oder dauernd geschieht. Aber irgendwie zieht sie immer nur die Nieten. Sucht sie falsch? Was ist überhaupt aus „Wer suchet, der findet“ geworden? Kann man tatsächlich „zu intensiv“ suchen?

Für Michael Mary kommt es schon darauf an, wie man sucht. Wer mit fertigen Erwartungen, der inneren Checkliste auf die Mitmenschen zugeht, der kann nicht fündig werden. Er nennt dieses Phänomen das „Schnellgericht“: Man sieht etwas, das einem überhaupt nicht passt und hakt den Gegenüber sofort ab, mit der Randnotiz „Das geht ja gar nicht!“. Es geht nicht darum, seine Erwartungen zurück zu schrauben, sondern dem anderen die Chance zu geben, diese vielleicht auf den zweiten oder dritten Blick zu erfüllen.

„Du bist einfach zu anspruchsvoll“ – auch diesen Satz bekommen Singles ziemlich häufig zu hören. Während man sich aber Mitte Zwanzig noch ganz leicht damit beruhigen kann, dass die Zeit ja nicht drängt und meist genug temporäre Singles im Freundeskreis sind, wird das Alleinsein mit zunehmendem Alter zu einem nagenden Problem.

„Hör auf eine Beziehung zu suchen, sondern suche nach interessanten Begegnungen“

So geht es Tim, 30, studierter Maschinenbauer und Hobbymusiker. Viele seiner Freunde sind bereits lange in einer festen Beziehung, haben zum Teil schon geheiratet und sind mit der Familienplanung beschäftigt – das erwartet seine Verwandtschaft in naher Zukunft auch von ihm. Aber Tim gehört seit zwei Jahren zu der Gruppe der alleinstehenden Männer, und wenn er ehrlich ist, fühlt er sich dort nicht wohl. Er wünscht sich eine Frau an seiner Seite, nach all den unverbindlichen kurzen Intermezzi will er endlich etwas Ernsthaftes, etwas das Zukunft hat, dafür ist doch jetzt langsam die Zeit. Groß und attraktiv wie er ist, macht er nicht unbedingt den Eindruck, Probleme bei Frauen zu haben. Er steht mit beiden Beinen im Leben, widmet sich der Musik, treibt viel Sport – alles ganz normal. Trotzdem liegt er abends alleine in seinem Bett und fragt sich zunehmend panischer, wo und wie er eigentlich die Richtige finden soll. Er sagt, es ergeben sich einfach schon gar nicht mehr so viele Möglichkeiten wie früher. Er verbringt schließlich jeden Tag in der Arbeit, berufsbedingt mit relativ wenigen Frauen und die Partynächte, in denen man vielen neuen Menschen begegnet, werden auch immer seltener.

Bei der letzten Frau in seinem Leben dachte er, er hätte endlich gefunden, wonach er sucht. Fast ein halbes Jahr lang hat er sich mit ihr getroffen, sie waren zusammen im Kurzurlaub, haben sich intensiv kennen gelernt und alles lief super – aber dann hat sie Panik bekommen, wollte ihre Freiheit plötzlich doch nicht mehr aufgeben und war sich  nicht mehr sicher, ob er der Richtige ist. In manchen Momenten hat Tim seither Angst, ewig alleine zu bleiben. Es kommt ihm vor, als ob es in seinem Alter nur noch wenige Single-Frauen gibt, die aus früheren Beziehungen keinen Knacks abbekommen haben, die sich auf etwas Neues einlassen können und auch wollen.

„Wer sich zum ersten oder zweiten Mal verliebt, erwartet nichts von der Liebe, sieht über Differenzen leichter hinweg und hat keine Probleme damit, sich auf etwas einzulassen." Michael Mary nennt das die „Gnade der Blindheit“ und genau diese ist jenen abhanden gekommen, die bereits schlechte Erfahrungen gemacht haben. Mit zunehmendem Alter suchen immer mehr Singles verkrampft nach einem heiratstauglichen Partner. „Hör auf eine Beziehung zu suchen, sondern suche nach interessanten Begegnungen“, ist der Tipp des Experten in diesem Fall. Nur aus längeren Begegnungen können Beziehungen entstehen.

Das hat meist gar nichts mit zu hohen Ansprüchen zu tun. „Viele von uns müssen einfach wieder lernen, sich auf den Gegenüber zu beziehen, statt nur seine eigenen Vorstellungen auf den Tisch zu packen und danach zu urteilen", erklärt Mary. „Und selbst, wenn man der schrägsten Person begegnet ist, die man nie mehr wieder sehen will, so lernt man dabei trotzdem, sich wieder zu beziehen, über scheinbare Mängel hinweg zu sehen. Mit jedem Treffen wird man wieder ein bisschen offener." 

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