Liebling, ich habe das Geschirr geschrumpft

Gläschen statt Bierkrug, Tässchen statt Kaffeebecher - wenn Paare zusammenziehen, werden im Haushalt nach und nach große gegen kleine Dinge ausgetauscht. Das sagt auch einiges über die Rollenverteilung in Beziehungen.
Von Christian Helten

Sieht jetzt gar nicht so klein aus, die Tasse. Aber: Die Blumen im Bild sind Gänseblümchen.

Foto: Francesca Schellhaas / photocase.de

Tim und Babsi sind vor etwa eineinhalb Jahren zusammengezogen. Als ich sie vor einem halben Jahr das letzte Mal besucht habe, gab es noch große Saftgläser und Kaffeebecher in ihrem Küchenregal. Als ich mich jetzt bei ihnen umblicke, sehe ich nichts mehr davon. Tim und Babsi haben ihren Haushalt geschrumpft.

Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich das begriffen habe. Es ist ein Samstagmorgen, ein paar Mitt- bis Endzwanziger sitzen um einen Esstisch, Tim und Babsi haben zum Frühstück geladen. Croissants, Joghurt, Rührei, Kaffee, Tee und Saft. Alles ist auf eine angenehme Art nett und normal. Aber irgendwas ist komisch.

Es ist die Frequenz, mit der hier Sachen über den Tisch gereicht werden. Frühstücksutensilientransaktionen im 20-Sekunden-Takt: Max übergibt die Obstsalatschüssel an Felix, Leni fragt nach der Teekanne, während Tim gerade reihum Orangensaft nachschenkt. Babsi wartet schon auf den Joghurt, den Moritz grade von Flo bekommen hat. Ein ständiges Hin- und Her.

Der Grund dafür: die Größe des Geschirrs. Wir trinken unseren Saft aus kleinen Zwei-Schlücke-Gläschen und unseren Tee aus sehr kleinen japanischen Teetässchen. Joghurt und Obstsalat füllen wir uns in Schüsselchen, die nach vier Mal löffeln wieder leer sind – obwohl auch die Löffel einen Tick kleiner sind als die meisten Teelöffel. Entschuldigung, eigentlich muss man auch den Löffeln ein -chen geben. Löffelchen. Alles ist hier voller -chens. Deshalb muss ständig nachgefüllt und -geschenkt werden.

Seit diesem Frühstück beobachte ich das öfters: Wenn ein Mädchen und ein Junge zusammenziehen, werden viele Dinge immer kleiner. Das Telefon im Flur steht nicht mehr in einem Ikea-Regal, sondern auf einem filigranen Schränkchen vom Flohmarkt. Die Saftschorlen-Humpen und Caipi-Gläser verschwinden aus dem Regal, die bierflaschengroßen Salz- und Pfeffermühlen auf dem Küchentisch werden durch kleine Töpfchen oder Schälchen mit noch kleineren Holzlöffelchen ersetzt. Überhaupt fällt auf: Die Schrumpfungsprozesse finden überwiegend in Küchen und Esszimmern statt, und zwar vor allem dort, wo es nicht mehr um die Zubereitung des Essens geht, sondern um dessen Präsentation: Das große Küchenmesser bleibt, aber was damit geschnibbelt wird, landet in kleinen Schälchen auf dem Tisch.

Es heißt ja oft, dass Partner sich einander angleichen, wenn sie zusammenziehen. Wer in getrennten Wohnungen mehr gegessen hat als der andere, isst in der gemeinsamen Wohnung kleinere Portionen und umgekehrt. Wer mehr Fleisch gegessen hat als der andere, ernährt sich plötzlich grünzeughaltiger und umgekehrt. Es ist ein wechselseitiger Prozess, beide übernehmen Gewohnheiten des jeweils anderen. So wachsen Paare zusammen.

Die Haushaltsschrumpfung scheint aber eine Ausnahme zu sein. Wo auch immer ich die Invasion der -Chens beobachten konnte, war diese das Werk des Mädchens. Mädchen erfreuen sich an kleinen Dingen; für sie ist ein kleines Glas nicht in erster Linie klein, sondern süß. Bei den meisten Jungs funktioniert die Sinneswahrnehmung da anders: so, wie für viele Jungs ein Neugeborenes einfach ein kleiner Mensch ist und kein garantierter Auslöser für Quietsch-Geräusche und Knuddelverlangen. Während mir beim Frühstück bei Babsi und Tim der Kleinkram als Auslöser für das ständige Hin- und Hergereiche der Speisen negativ auffiel, waren die weiblichen Frühstücksgäste voller Lob für die süßen neuen Gläser. Und wann immer ich Jungs auf die -Chen-Invasion in ihren Wohnungen angesprochen habe, reagierten sie auf meine Beobachtung mit resigniertem Achselzucken oder Beschwerden über die Entsorgung ihrer Schorlehumpen, die sie jetzt zwingt, während eines Films fünf Mal in die Küche zu laufen und sich nachzuschenken.

Es ist eindeutig: Das Heer der -Chens bekommt seinen Befehl zum Vorrücken nur von einem Kommandanten: einem weiblichen. Und das bedeutet wohl auch, dass klassische Rollenverteilungen in Beziehungen noch nicht ganz aufgehoben sind. Offenbar haben Mädchen noch immer die Hoheit über die Gebiete Geschirr, Besteck und Dinge, die man auf Esstische stellt. Über die Bereiche, in denen es nicht nur um Funktion geht, sondern vor allem um Schönheit und Anmut. Bereiche, die die meisten Jungs vielleicht doch noch ein Stück gleichgültiger betrachten und in denen sie sich deshalb zurückhalten. Zumindest so lange, bis ihnen jemand ihren letzten großen Krug weggenommen hat.

Mehr aus dem Beziehungsleben:

  • teilen
  • schließen