Weckerdilemma im Pärchenbett

Der eine muss um sieben Uhr raus, der andere kann noch zwei Stunden schlafen und dreht sich unter genüsslichem Seufzen noch mal um. Darf man das? Eine Sexkritik über Längerschläfer- und Frühaufsteher-Partner
Von Eric Mauerle
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Foto: willma... / photocase.de

Es gibt nur eine Sache, die grausamer ist als ein Wecker, der einen aus dem Schlaf reißt und zum Aufstehen zwingt: ein Wecker, der einen aus dem Schlaf reißt und zum Aufstehen zwingt, während jemand anderes noch weiterschlafen darf. Es ist grausam zu sehen, wie dieser Mensch kurz aufwacht, schlaftrunken blinzelt, sich dann aber mit einem erleichterten Seufzer umdreht.

Umgekehrt gibt es kaum etwas Besseres als den Moment, in dem man feststellt, dass das Weckerklingeln nicht für einen selbst bestimmt war, sondern für jemand anderen. Dass man sich noch mal umdrehen und weiterschlafen kann.

Diese zwei morgendlichen Gefühlslagen liegen zwar sehr weit auseinander auf der Zufriedenheitsskala. Gleichzeitig gehören sie aber untrennbar zusammen, sie bedingen einander. Wo kein Wecker für jemand anderen klingelt, gibt es keine Freude darüber, dass man selbst noch nicht aufstehen muss. Wo kein anderer liegenbleiben darf, gibt es keinen Grund für Neid auf den Längerschläfer. 

So ein Weckerdilemma ist Alltag in Pärchenbetten. Man geht nicht ein Leben lang in die Schule, die freundlicherweise immer um 8 Uhr (oder unwesentlich früher oder später) beginnt und allen dieselbe Zeit zum Aufstehen vorgibt. Irgendwann diktieren Uni- und Arbeitsleben den Tagesbeginn und nehmen dabei keine Rücksicht auf maximale Pärchenkompatibilität. Der eine muss um 9 Uhr raus, der andere schon um 7. Der eine hat Frühschicht, der andere ist selbstständig und legt sich grundsätzlich keine Termine vor elf Uhr.   Das Aufstehen mag nicht das dringendste Pärchenproblem sein. Aber es ist interessant: weil es ständig wiederkehrt, jeden Morgen aufs Neue. Weil es Unterschiede gibt, wie Menschen und Paare sich in solchen Situationen verhalten. Und weil Menschen selten echter und instinktiver reagieren als im Moment des Aufwachens. 

Der Längerschläfer zum Beispiel existiert in sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Da wäre zum einen der „Brummdreher“. Er kostet den Genussmoment der Rückkehr in den Tiefschlaf hemmungslos aus. Er brummt genüsslich, seufzt, dreht sich in die nächste gemütliche Position, ohne sich darum zu scheren, dass so ein Verhalten wahrscheinlich nicht dazu beiträgt, dem Partner das Aufstehen zu erleichtern. Ist er etwas verständnisvoller, nuschelt er noch ein „Och, du Arme, is ja noch so gemüütlich“. Auf der anderen Seite der Skala rangiert der fürsorgliche Längerschläfer. Nennen wir ihn den „Fargo-Mann“ (den es natürlich auch in weiblicher Ausprägung gibt), nach Norm, dem Ehemann der Polizistin aus dem Film „Fargo“ der Coen-Brüder. Darin gibt es eine Szene, in der die Polizistin Marge am unverschämt frühen Morgen (eigentlich ist es eher mitten in der Nacht) aus dem Schlaf gerissen wird und zu einem Einsatz in der eiskalten Nacht des Mittleren Westens muss. Ihr Mann steht auf und bereitet ihr im Bademantel fürsorglich ein Frühstück, inklusive Eiern und Speck. Das will zwar hierzulande keiner essen, schon gar nicht um vier Uhr früh. Aber es ist eine schöne Geste der Zuneigung und Verbundenheit, aufzustehen, den Kaffee aufzusetzen und mit dem Freund oder der Freundin zu frühstücken, obwohl man noch eine Stunde weiterschlafen könnte. Solche Gesten gibt es auch auf Seiten des Früheraufstehers. Er kann dem Längerschläfer eine Tasse Kaffee ans Bett bringen, bevor er geht. Er kann auf dem Küchentisch ein Schälchen geschnippeltes Obst hinterlassen oder ein Schokocroissant. 

Natürlich ist das alles höchst romantischer Kitschkram, der selten die Zeit eines Beziehungsanfangs mit all seinen Verliebtheitsgesten übersteht und dauerhaft seinen Platz im Alltag findet. Stattdessen öffnen sich da Räume für kleine Genervtheiten und Streits. Der Längerschläfer beschwert sich über das Getrampel, das die Dame bei ihren Gängen zwischen Kleiderschrank und Schuhregal verursacht, oder über die volle Stadionbeleuchtung, die sie anschalten muss, um sich zu schminken, und dann gerne auszuschalten vergisst, wenn sie in die Küche geht. Der Früheraufsteher versucht, aus seiner Benachteiligung in Sachen Schlaf Vorteile in anderen Bereichen des Zusammenlebens zu schlagen: „Wenn du schon immer länger schlafen kannst, kannst du wenigstens mal den Müll rausbringen.“ 

Derlei Probleme verschärfen sich, je geregelter und definierter das Arbeitsleben und damit die Aufstehzeiten werden. Eine Vorlesung kann man eventuell sausen lassen, wenn man es nicht schafft, sich von dem gemütlichen Bett und dem vertrauten Menschen darin loszureißen. Bei einem Geschäftstermin wird das schwieriger. Das Ganze wäre eine ausweglose Situation, nur separate Ankleidezimmer oder gleich getrennte Betten könnten helfen. Glücklicherweise aber werden Aufsteh-Streits nie wirklich ernst. Denn erstens fällt das hier besonders leicht, was Paartherapeuten ihren Klienten raten, nämlich, „sich in die Situation des  anderen zu versetzen“. Jeder kann nachvollziehen, wie es sich anfühlt, wenn einem der Schlaf geraubt wird. Und zweitens ist man für einen wirklich heftigen Streit ohnehin einfach zu müde.

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