Viel Lärm um Nippel

Sobald eine Brustwarze unter der Kleidung durchscheint, ist die Empörung groß. Aber eigentlich ist das vollkommen unangebracht.
Von Valerie Dewitt
Foto: view7 / photocase.de

Auf den Filmfestspielen in Venedig hat Gwyneth Paltrow für Aufsehen gesorgt, indem sie nichts gemacht hat. Genauer gesagt haben die Boulevardmedien ein Aufsehen daraus gemacht: Die Schauspielerin stieg, mädchenhaft hübsch wie stets, aus dem Wassertaxi und unter ihrem weder besonders engen noch zu kurzen oder zu weit ausgeschnittenen Chiffon-Minikleid zeichneten sich ihre Brustwarzen ab. Die Fotos davon wurden damit kommentiert, Paltrow lasse ihrem Busen „Luft zum Atmen", trage keine Unterwäsche und zeige ihre Nippel. Dass die Boulevardpresse sich auf alles stürzt, was ein Körper so hergibt, ist natürlich nichts Neues. Aber sich unter dem Stoff abzeichnende Nippel sorgen auch in Kreisen, in denen man nicht über den roten Teppich läuft, für schlüpfrige Gedanken und Kommentare. Und das ist aus verschiedenen Gründen völlig unangebracht.

Zunächst einmal sind es natürlich die Herren, die bei der Deutung der erhärteten Brustwarze unterm T-Shirt gerne fehlgehen. Weil sie dieses Phänomen hauptsächlich aus Situationen kennen, in denen es heiß hergeht und die Aussicht auf Sex besteht, sind die sichtbaren Nippel für sie auch beim Mittagessen in der Kantine oder beim Spaziergang im Park ein Zeichen der Erregung, ungefähr gleichbedeutend mit einer männlichen Erektion. Dieser Trugschluss ergibt sich wohl daraus, dass die Männer einfach nicht glauben können, dass es am Körper der Frau kein eindeutiges und auf den ersten Blick sichtbares Zeichen einer plötzlich auftretenden Lust gibt, obwohl es bei ihnen selbst doch so unverkennbar ist. Es wird aber Zeit, dass sie es endlich hinnehmen: Die weibliche Brustwarze zieht sich zwar zusammen und erhärtet, wenn es zu sexnahen Situationen kommt, sie tut es aber genauso, wenn man aus Versehen mit dem Arm daran vorbeistreift oder wenn man nur mit einem Sommerkleid am Leib in einem Wassertaxi sitzt und ein kühles Lüftchen vorüberweht. Sind eben empfindlich, die Dinger! Die Reaktion ist ungefähr die gleiche wie das Zusammenkneifen der Augen bei zu hellem Sonnenschein oder die Gänsehaut bei Kälte. Gwyneth Paltrow hat also nicht, wie behauptet, ihre Nippel gezeigt, sondern ihre Nippel haben das ganz von selbst getan, so wie ihre Augen ganz von selbst blinzeln.

Doch auch unter Frauen, vielleicht auch wegen der falschen Schlüsse auf Seiten der Männer, sind sichtbare Nippel verpönt. Sie gelten als unelegant oder schamlos und werden auf der Peinlichkeitsskala etwa auf gleicher Höhe mit einem offenen Hosenstall angesiedelt – eben so, als seien sie ein Produkt aus Nachlässig- und Unachtsamkeit und ein Zeichen dafür, dass einem die Selbstbeherrschung einer Dame von Welt und Stil fehlt. Die elegante, in jeder Gesellschaftsschicht anerkannte Brust zeichnet sich makellos gerundet und fest, ohne jegliche Unebenheiten ab. Aus diesem Grund wurde der Pulli-BH erfunden: Gepolstert und ohne Nähte kann man damit alles formen bzw. alles darin verstecken. So manch eine Dame, die schlechte Erfahrungen mit Nippel-Kommentaren gemacht hat, hat sogar immer ein langes Tuch in der Tasche, das um den Hals geschlungen und rechts und links hinabhängend etwaige Busenreaktionen auf Reibung oder Kälte verbergen kann – womit ein ziemlich hoher Gipfel der Schamhaftigkeit erreicht ist.

Und all der Wirbel wegen etwas, das züchtig von Stoff bedeckt und nicht viel aussagekräftiger als ein Niesen ist. Ja, wenn mal eine Brust aus dem Kleidchen purzelt, da darf mit den Händen gerungen sowie „Oh Schreck!“ und „Ein neues Nipplegate!“ gerufen werden, nur zu! In Fällen wie dem Paltrowschen Frösteln am Lido sollte man aber Ruhe bewahren. Und daheim, fern von allen Fotografen und jedem Schaulaufen, erst recht. Nippel unter der Kleidung verdienen nicht mal eine Höflichkeitsfloskel wie das „Gesundheit“ nach dem Niesen, sie brauchen nicht mal eine Sonnenbrille wie die geblendeten Augen, sie sind ganz einfach vollkommen unspektakulär und unglaublich egal. Das haben, so scheint es, bloß noch nicht alle verstanden.

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