Warum in Serien so viele Vergewaltigungen gezeigt werden

Und zwar nicht nur in „Game of Thrones“.
Von Christina Waechter
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Foto: Macall B. Polay / HBO

Kann es sein, dass das goldene Zeitalter der Fernsehserien zu einem goldenen Zeitalter von Vergewaltigung und Folter geworden ist? Dieser Frage ging schon im vergangenen Jahr eine Autorin nach, die festgestellt hatte, dass sexuelle Gewalt in aktuellen Fernsehserien geradezu inflationär eingesetzt wird – und zum Teil auch vollkommen unnötig für den weiteren Verlauf der Handlung ist. Besonders eine Vergewaltigungs-Szene in „Game of Thrones“, einer an der Darstellung sexueller Gewalt nicht gerade armen Serie, wurde da als Beispiel herangezogen: Die Braut Sansa Stark wird in der Hochzeitsnacht von ihrem Bräutigam Ramsay Bolton vergewaltigt. Und diese Gewalttat wird nicht aus der Perspektive von Opfer oder Täter wahrgenommen, sondern aus der eines anderen Protagonisten, der zum Zuschauen gezwungen wird und dadurch eine Lektion erteilt bekommt. 

In einem Stück für das Branchenblatt „Variety“ beschäftigt sich die Journalistin und TV-Kritikerin Maureen Ryan nun damit, warum Vergewaltigung und sexuelle Gewalt momentan so oft in TV-Serien als dramaturgischer Effekt verwendet werden. Dafür hat sie mit mehreren Serien-Machern und Drehbuchautoren über das Thema gesprochen und festgestellt, dass auch in der Branche selbst durchaus ein Problembewusstsein vorhanden ist.

Jeremy Slater, der die Serie „Exorcist“ produziert, sagte, es sei wie eine Plage in seiner Berufssparte. Und um dieser Plage zu entkommen, habe er ein System entwickelt, mit dem er Drehbücher liest: Wenn in einem Buch eine Vergewaltigung vorkommt, die sich durch nichts, was in der Geschichte passiert, rechtfertigen lässt, dann wirft er das Drehbuch in den Müll. Nach diesem System hat er auch Autoren für seine kommende Serie gecastet und dabei gemerkt, wie oft das vorkommt: 30 bis 40 der 200 eingereichten Skripts sind nach diesem System im Papierkorb gelandet.

Eine Drehbuchautorin erklärte das so: „Für männliche Produzenten ist sexuelle Gewalt die Hauptquelle, um eine 'traumatische Vergangenheit' für weibliche Charaktere hinzuzufügen. Man kann das dann gut als Motivation für alles hernehmen, was sie tut. Sie ist körperlich, emotional und mental 'beschädigte Ware'. Ich glaube, das ist eine sehr, sehr schlimme Botschaft, die man damit betroffenen Frauen gibt.“

Ein Grund dafür, so Ryan, könnte auch sein, dass momentan so viele Serien entstehen, dass sich einzelne Produkte dadurch hervortun wollen, dass sie ganz besonders drastische Gewalt darstellen. Michelle Lovretta, Produzentin der Serien „Lost Girl“ und „Killjoys“ erklärt, warum Vergewaltigung so oft eingesetzt wird: „In einer einzigen Szene kann man damit den erzählerischen Bogen einer ganzen Gruppe von Charakteren ändern, und diese Art von Bombe kann für Autoren sehr verführerisch sein. Manchmal ist es absolut valide und wirksam, das Thema zu behandeln. Manchmal ist es nur bequem und ausbeuterisch. Der Unterschied zeigt sich, wenn man sich fragt, warum man diese Geschichte erzählt, durch wen du sie erzählst und was du währenddessen sagst.“  

In anderen Fällen dient die Darstellung sexueller Gewalt der Geschichte, fügt etwas Wichtiges hinzu und das Opfer wird facettenreicher

In vielen Filmen wird die Vergewaltigung einer Protagonistin als Motivation für das Handeln einer männlichen Figur genutzt, der daraufhin die Ehre seiner Mutter/Frau/Schwester/Freundin wiederherzustellen versucht. Weil jeder weiß, was für eine schreckliche Tat eine Vergewaltigung ist und was für eine schreckliche Verletzung der Intimsphäre sie bedeutet, kann das Publikum die Handlung des männlichen Protagonisten leicht nachvollziehen. Doch zu oft wird so ein Vorfall als relativ billiger Trick der Drehbuchschreiber verwendet, die Story zu drehen und den Einsatz zu erhöhen.

Maureen Ryan nennt einige Serien, in denen sexuelle Gewalt nachvollziehbar und sensibel verhandelt wird: In sämtlichen Serien von Shonda Rhymes zum Beispiel (Grey’s Anatomy, Private Praxis, Scandals) oder in der Netflix-Serie „Jessica Jones“. In diesen Fällen dient die Darstellung sexueller Gewalt der Geschichte, fügt etwas Wichtiges hinzu und das Opfer wird als facettenreicher Mensch gezeigt, der nicht alleine durch dieses Erlebnis definiert wird. Die Lösung für die Vergewaltigungs-Epidemie im Fernsehen zeigt sich schon in den ausgewählten positiven Beispielen: Mehr weibliche Stimmen gehören ins Fernsehen, aber mindestens genauso wichtig ist es, so Ryan, dass Männer lernen, Frauen zuzuhören und ihre eigenen Ansichten zu hinterfragen. Männer müssen aufhören zu glauben, dass weibliche Charaktere nur dann interessant sind, wenn sie sexuell verstört sind.

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