Junge Europäer haben ein Problem

Eine Studie zeigt nämlich: Erschreckend viele junge Menschen finden Sex wider Willen okay.
Kommentar von Charlotte Haunhorst
bildschirmfoto 2016 12 02 um 17 50 14

Demonstranten auf dem Berliner "Slutwalk".

Foto: Imago Stock&People

In den vergangenen Tagen wurde viel über eine Umfrage diskutiert, deren Ergebnisse tatsächlich besorgniserregend sind: 27 Prozent der EU-Bürger finden nicht einvernehmlichen Sex unter bestimmten Umständen Ordnung.

Deutschland liegt dabei genau im EU-Durchschnitt, auch hier fanden 27 Prozent der Befragten nicht einvernehmlichen Sex okay. Zum Vergleich: In Spanien und Schweden waren es weniger als zehn Prozent, in Rumänien hingegen sogar 55 Prozent. Zwar ließ die Studie, das von der EU-Kommission regelmäßig in Auftrag gegebene Eurobarometer, offen, ob es sich bei Tätern und Opfern um Männer oder Frauen handelt, basierend auf bisherigen Statistiken muss man aber sagen: Dieses Ergebnis betrifft vor allem Frauen.

Wann ist nicht einvernehmlicher Sex gerechtfertigt? Der Ländervergleich
Screenshot Eurobaromter

Nun beruhigt man sich bei solchen Studien innerlich gerne mit Argumenten wie "Das waren bestimmt nur alte, reaktionäre Säcke, die dieses Ergebnis verbrochen haben". Ist ja – man erinnere sich an die Trump-Wahl kürzlich –  immer erstmal ein gutes Argument: "Die Alten sind schuld - wenn die erst mal weg sind, wird alles rosig." Stimmt aber leider nicht, das zeigt die Studie auf ganz dramatische Art und Weise.

Junge Männer und Frauen (!) sind in ihren Ansichten genau so reaktionär wie die Generation 55 plus

Um herauszufinden, wann Europäer nicht einvernehmlichen Sex in Ordnung finden, wurden den Befragten mehrere Umstände geschildert, unter denen der Geschlechtsverkehr stattfand. Die möglichen Umstände waren:

  • - Die Person trug provokative oder sexy Klamotten
  • - Die Person hatte zuvor mit einem geflirtet
  • - Die Person hat nicht nein gesagt oder sich nicht körperlich gewehrt
  • - Die Person hat verschiedene Sexualpartner
  • - Die Person ist freiwillig mit einem mitgegangen
  • - Die Person war nachts alleine unterwegs
  • - Es waren Drogen oder Alkohol im Spiel
  • - Dem Täter war nicht bewusst was er da tut
  • - Der Täter bereut sein Verhalten danach

Diese Antwortmöglichkeiten waren natürlich zum Großteil klassisches Victim Blaming. Das funktioniert nach der Logik, dass das Opfer es ja doch gewollt habe, mit ihrem kurzen Rock und ihrem flirtigen Blick, und dementsprechend der Täter nicht komplett schuld sein könne. Ein genauer Blick auf die Alterstabelle zeigt, dass diese Ansichten unter jungen Männer und Frauen, also der Gruppe im Alter von 15 bis 24 Jahren, genau so verbreitet sind wie bei der Generation 55 plus, siehe zum Beispiel die Argumente "Sie ist ja freiwillig mitgegangen" oder "Sie hat ja auch sonst viele Sexualpartner", also das klassische "Slut Shaming."

Tabelle aufgeschlüssen nach Alter und Geschlecht
Screenshot Eurobarometer

Beim Thema Drogen und Alkohol als Rechtfertigung sind die Jungen sogar noch überzeugter, dass einvernehmlicher Sex okay sei, als die Alten.  15 Prozent der jungen Männer empfinden das als Rechtfertigung für nicht einvernehmlichen Sex.  Und auch für Täter-Argumente wie "Ich wusste ja nicht was ich tue" oder "Danach tat es mir ja leid, also war es okay", sind die jungen Männer empfänglicher. Man kann da jetzt natürlich mit "Hormonstau" argumentieren, sagen, dass es sich ab 25 bis kurz vor der Rente ja wieder ein bisschen ausbalanciert. Die Tatsache, dass allerdings fast ein Drittel der jungen Männer und Frauen finden, es gäbe Situationen, die nicht einvernehmlichen Sex rechtfertigen (siehe letzte Spalte der Tabelle), ist schon beachtlich, ja bestürzend.

 

Und wirft natürlich auch Fragen auf: Sind junge Menschen für das Thema sexuelle Gewalt ausreichend sensibilisiert? Kommen die ganzen Diskussionen um Themen wie "Nein heißt nein" in Deutschland überhaupt bei den Menschen an? Oder bewegt sich das alles in der berühmten Filterbubble und prallt komplett an der Lebensrealität vieler Menschen ab? Die Macher des Eurobarometers fordern im Schlusswort ihrer Studie, dass die EU zukünftig beim Thema "geschlechterspezifische Gewalt" mehr Aufklärung leisten, Kampagnen starten und gesetzliche sowie professionelle Hilfsangebote fördern soll. Damit Betroffene zumindest wissen, wohin sie sich wenden können. Das ist grundsätzlich natürlich richtig. Aber ob man die Grundprämisse, nämlich dass Sex ohne beidseitiges Einverständnis niemals, ja wirklich niemals, okay sein kann, dadurch tatsächlich in die Köpfe der Menschen hämmert? Fragwürdig.

 

 

 

Mehr über Gewalt gegen Frauen, Männer und warum sie niemals okay ist (okay, wenn das euer beidseitiger Fetisch ist, natürlich schon):

  • teilen
  • schließen