Eine Ode an den versehentlichen Shortcut

Er macht das Leben ein klein wenig bÛnÏÆr.
Von Christina Waechter
Bild: photocase/doxx Illustration: Veronika Günther

Als Kind war ich sicher, später würde ich irgendwas mit Menschen oder Tieren machen – oder mit Gott. Das wurde mir dann nach dem Abi bald ausgetrieben, bestimmt zu Recht. Irgendwann bin ich dann da gelandet, wo die große Mehrheit der Deutschen ihr Leben verbringt: am Schreibtisch. Tag für Tag sitze ich nun an meinem Schreibtisch vor dem Rechner und wenn ich nicht gerade telefoniere oder recherchiere, tippe ich auf einer Tastatur.

Es gibt spannende Momente in meinem Job. Aber natürlich auch einige langweilige. Ich bin insgesamt sehr zufrieden mit meinem Arbeitsleben. Nur manchmal, wenn ich aus Versehen mal wieder auf einen Link geklickt habe, der zu  einer Geschichte über das tolle Freelancer-Leben an Südseestränden führt, fühlt sich mein Leben ein bisschen so wie ein Rihanna-Song an:

junglipunjaban7/8/2016 6:12:09 AM

Doch ich habe gelernt, auch diesen südseesehnsüchtigen Tagen etwas abzugewinnen. Und das hat mit meiner Tastatur zu tun. Wenn man viel und schnell tippt (oder sich während eines Nachmittag-Tiefs aus Versehen auf die Tastatur legt), dann kann diese Tastatur Überraschendes produzieren. Drückt man nämlich aus Hast oder Müdigkeit versehentlich auf mehrere Tastatur-Knöpfe gleichzeitig, kommt es nicht selten vor, dass man unbeabsichtigt einen Shortcut drückt, von dessen Existenz man bis dahin gar nichts wusste.

Auf einmal erscheint dann statt eines langweiligen v ein ◊ oder ein √. Verrückt! Beziehungsweise: "verrückt" genug, um den gemeinen Schreibtischarbeiter aus dem tiefsten Nachmittagstief zu holen.

Der versehentliche Shortcut als Metapher fürs Leben 

Ich mag diese kleinen Tastatur-Überraschungen, denn mit ein wenig Anstrengung kann man sie als Metapher fürs Leben betrachten:

Zum einen erfährt man durch sie, dass unter jeder noch so glatten und organisierten Oberfläche noch eine ganz andere Welt wartet, die man entdecken könnte, wenn man wollte, die Zeit hätte oder den Bedarf. Und selbst wenn ich gerade weder das eine noch das andere habe, freue ich mich darüber, dass diese verborgene Welt da ist und darauf wartet, von mir entdeckt zu werden. So wie die Sterne, die auch tagsüber da sind, wenn wir sie vor lauter Sonnenlicht nicht sehen können. Oder die Tatsache, dass in einer Handvoll fruchtbarer Erde mehr Organismen existieren als Menschen auf der Erde. Nur weil wir etwas nicht sehen können, heißt das ja nicht immer, dass es nicht existiert.

Die versehentlichen Shortcuts erinnern mich aber auch daran, dass Fehlern eine eigene Schönheit innewohnt. Fehler haben keinen guten Ruf in unserer Welt, auch wenn uns Startup-Ideologen gerade etwas anderes erzählen. Wer im Job Fehler macht, wird in den wenigsten Fällen dafür gelobt. Dabei lohnte es sich bisweilen, nach einer verbockten Aktion im Job ein paar Schritte zurückzugehen und sich das Ergebnis anzuschauen. Nur weil es nicht der anvisierten Norm entspricht, heißt das nicht, dass es nicht einen eigenen Wert hätte. Wenn man genauer darauf achtet, wird man feststellen, dass es sogar recht häufig der Fall ist.  

Zumindest aber bei meinen Lieblings-Shortcuts: Auch wenn es unbeabsichtigt war, sieht so ein √ doch viel eleganter aus als das v, das da eigentlich hin sollte. Manche der versehentlichen Shortcuts, die ich schon gedrückt habe, bringen so wunderbar fremdartige Zeichen zustande, dass ich bisweilen versucht bin, sie so stehen zu lassen. Ich finde, das ist eine nicht zu unterschätzende Lektion im Leben.

Selbst die gefürchtete cmd+q-Kombination kann mir gar nichts 

Die wichtigste Lektion lerne ich aber immer dann wieder neu, wenn ich nach längerer Windows-Zeit zum Mac zurückwechsle – und den wahrscheinlich berühmtesten versehentlichen Shortcut der Welt drücke: cmd + q.  Wie oft ich schon mehrere Seiten Arbeit auf einen Schlag vernichtet habe, mag ich gar nicht zusammen zählen. Es waren viele. Viel zu viele.

Aber nach dem anfänglichen Schock stellte ich jedes einzelne Mal fest, dass auch die größte anzunehmende Katastrophe so schlimm nicht war. Noch jedes Mal konnte ich den Text wieder rekonstruieren oder aus dem Gedächtnis wieder neu und oft auch besser aufschreiben.

Nichts ist für immer verloren. Und für alle Lebenslagen gibt es einen eigenen Shortcut. Man muss ihn halt nur kennen. Oder versehentlich darüber stolpern. 

Fundiertes Shortcut-Wissen gefällig?

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