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Wenn ein Sportler ein Bein verliert

Dann muss das nicht das Ende seiner Träume bedeuten. Wie sich Maximilian Huber zurück in sein Leben kämpfte.
Von Felix Schröder
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    Foto: privat

„In dem Moment, als mein abgerissenes, lebloses Bein neben mir lag, wusste ich, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Es war direkt neben mir auf der Straße auf Höhe meines Oberkörpers. Erst dachte ich an einen Albtraum. Ich wollte es nicht wahrhaben. Ich schaute an meinem Körper herab und sah den unteren rechten Teil meines Beines nicht mehr. Mein nächster Gedanke war: Ich bin doch ein Sportler! Wie sollte ich je wieder Sport machen? 

Damals, am 21. Juli 2015, war ich 22 Jahre alt. Ich studierte Sportwissenschaften im Master in Innsbruck. Aufgewachsen bin ich in St. Lorenzen in Südtirol. Die Gegend ist sehr ländlich, viele Berge thronen um mich herum. Im Winter fahre ich viel Ski. Überhaupt bin ich seit meiner frühesten Kindheit leidenschaftlicher Sportler. Im Sommer schwimme ich gerne und spiele Beachvolleyball. Ich war schon als Kind ganz fanatisch und begann früh, mit einem kleinen Motorrad für Kinder zu fahren. Sport bedeutet für mich Lebensqualität, ein Leben ohne könnte ich mir nicht vorstellen. Deshalb war der Gedanke an den Sport wohl der erste nach dem Unfall.

 

Am Wochenende fahre ich aber fast immer zu meinen Eltern, weil ich dort eine Schwimmathletengruppe trainiere und sie bei ihren Wettkämpfen begleite. Am Tag des Unfalls arbeitete ich mit den Jugendlichen in einem Schwimmcamp. Zum Mittagessen fuhr ich mit meinem Motorrad zu meinen Eltern zurück. Abends waren noch Schwimmkurse. Deshalb machte ich mich nachmittags wieder auf den Weg zum Schwimmbad, das sich knapp eine Viertelstunde vom Haus meiner Eltern entfernt befindet. Über den Oberkörper streifte ich meine Motorradjacke. Statt Motorradhose und dazu passenden Schuhen trug ich – wegen der kurzen Distanz - Sporthose und Sportschuhe. Das sollte sich rächen. 

Ich stieg auf mein Motorrad und fuhr los. Auf einer Landstraße beschleunigte ich auf 80 Stundenkilometer, überholte zwei Autos, scherte wieder in die Fahrspur ein, bemerkte aber zu spät, wie ein Auto vor mir in eine Tankstelle abbiegen wollte. Ich bremste und wich dem Auto zwar aus, doch mein Hinterrad hob in die Luft ab und ich verlor die Kontrolle über mein Motorrad. Ich stürzte und rutschte bäuchlings zehn bis 15 Meter über die Straße und unter einer Leitplanke hindurch. Dabei prallte mein Bein an eine scharfe Kante in der Leitplanke und riss durch den starken Aufprall in der Mitte des Unterschenkels ab.

 

Ich weiß bis heute nicht genau, wie das passiert ist, weil alles so rasend schnell geschah. Nachher hat mir jemand gesagt, dass das Bein erst auf der Straße lag und es irgendwer später neben mich legte, so dass ich es sehen konnte. Anfangs spürte ich keine Schmerzen. Ich war geschockt und voller Adrenalin. Sobald ich mich bewegte, tat alles extrem weh.

 

Nach zehn Sekunden kam ein Helfer, der mein Lebensretter wurde. Eigentlich wollte Simon sein Auto betanken, als er plötzlich einen Knall hörte und er zu mir eilte. Er reagierte schnell und blockierte mit seinem Gürtel die Arterie im Bein, weil ich viel Blut verlor. Ich hatte Angst, durch den Blutverlust zu sterben. 'Das wird schon wieder', beschwichtigte er.

 

Doch ich resignierte schon, weil mir bewusst war, dass ich vielleicht meine größte Leidenschaft, den Sport, nie wieder ausüben werde. Bislang war es egal, welche Tages- oder Jahreszeit gerade war – stundenlang konnte ich 'sporteln', wie wir hier in Tirol sagen. Ob im Sommer im Schwimmbad oder im Winter auf der Skipiste. Mir kribbelten sprichwörtlich Arme und Beine, wenn ich mich zu wenig bewegt hatte. In mir war immer ein tiefer Drang, die Probleme des Lebens wegzulaufen oder sich mit meinem Körper gegen sie zu stemmen. Nein, ein Leben ohne Sport war für mich nicht denkbar. All diese Gedanken rauschten damals durch meinen Kopf. Die Gedanken, meine größte Leidenschaft zu verlieren.

 

Der Arzt im Krankenhaus nahm mir jegliche Hoffnung, das Bein zu behalten

 

Ich wollte es nicht wahrhaben, als ich da auf der Straße lag. Ich habe mir eingeredet, ich träume etwas Schreckliches. An meinem Oberkörper fehlte mir nichts. Am linken Bein spürte ich auch Schmerzen. Dort ist mein Schuh durch das Rutschen vorne aufgerissen. Dadurch habe ich an dem heilen linken Bein einen Zeh verloren. Mein rechter Oberschenkel war gebrochen und mein ganzer Körper war mit Schürfwunden übersät. Meine Mutter hatte mir vorher geraten, wenigstens die lange Sporthose anzuziehen, was ich dann auch getan hatte. Ursprünglich wollte ich eine Short anziehen. Ich schätze, meine Motorradhose aus Leder hätte zwar die zahlreichen Abschürfungen verhindert, trotzdem hätte ich auch damit mein Bein verloren. Es war komplett abgetrennt, da hätte die Hose nicht mehr viel retten können. 

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      Foto: privat
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      Foto: privat
    • maximilian an der unfallstelle
      Foto: privat
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      Foto: privat

Simon schlug vor, das abgetrennte Bein zu kühlen, es vielleicht in Eis zu legen. In dem Moment hoffte ich noch, dass im Krankenhaus vielleicht alles gut wird und sie mir das Bein wieder annähen. Eine hilfsbereite Frau benachrichtigte meine Eltern: „Ihrem Sohn ist etwas ganz schlimmes passiert“. Meine Eltern fuhren daraufhin schnell los und waren noch an meiner Seite, als ein Arzt mir Morphium verabreichte und Sanitäter mich für den Transport mit dem Rettungshubschrauber vorbereiteten. 

 

Der Arzt im Krankenhaus nahm mir jegliche Hoffnung, das Bein zu behalten. Sie könnten mir es annähen, sagte der Arzt, doch damit wäre ich immer auf Krücken angewiesen. Er sprach von einer Prothese. Vorher hatte ich noch nie etwas davon gehört. Vor allem mit Morphium aufgeputscht und komplett benebelt verstand ich noch viel weniger, was das bedeutete. Sie operierten mich fünf Stunden lang. Um drei Uhr morgens wachte ich auf der Intensivstation auf, mir war speiübel. Im Halbstunden-Takt musste ich mich übergeben. Morgens um sieben Uhr besuchten mich mein bester Freund und meine Mutter. Sie war sehr angeschlagen, vielleicht sogar mehr als ich. Nicht auszudenken, wie sich Eltern sorgen, wenn ihrem Kind plötzlich 25 Zentimeter des Beines fehlen.

Einen Tag nach meinem Unfall verfasste ich einen Beitrag auf Facebook. Es überwältigte mich, wie viele Menschen mir liebevolle Nachrichten zuschickten. Das hat mich damals sehr aufgebaut, zu wissen, wie viele Menschen mir schnelle Genesung wünschen. Meine Freunde und Bekannten meldeten sich auch in den Tagen nach dem Unfall bei mir. In dieser schweren Zeit bemerkte ich, auf welche Menschen ich zählen kann und auf welche nicht. Einige meldeten sich nur ganz kurz und knapp und waren nicht für mich da.

 

Schwarzer Humor hilft

 

In der Zeit nach dem Unfall spürte ich eine völlige Leere. Trotzdem überlegte ich, was ich noch bewerkstelligen kann. Und nicht, was ich eben nicht mehr machen kann. Nie dachte ich ans Aufgeben. Klar hatte ich Tage, an denen ich mich schlecht fühlte, aber ich bin glücklicherweise nie in ein richtig tiefes Loch gefallen. Ganz sicher hat mein sportlicher Ehrgeiz viel mit meiner Einstellung zu tun. Der Wille zu kämpfen, den ich als Sportler in den verschiedenen Sportarten erlernt hatte.  

 

Damals bekam ich von einem Krankenpfleger den Kontakt zu einem Läufer, der mit einer Unterschenkelprothese an den Paralympics teilgenommen hatte.  Wir schrieben über Whatsapp und er erzählte mir, was er alles trotz seines verlorenen Beines erreicht hat. Ich war unheimlich fasziniert von ihm. Er riet mir, dass schwarzer Humor das Leben vereinfacht. Oft sage ich: 'Wenn du mir schon auf den Fuß trittst, dann nimm den rechten, weil ich dort eh nichts spüre' Es ist heilsam, über sich selbst zu lachen.

 

Insgesamt bin ich fünf Mal operiert worden. Es gab einige Komplikationen: Mein Körper hat zum Beispiel die transplantierte Haut am Anfang abgestoßen. Nach etwa fünf Monaten bekam ich erst die Prothese, weil ich mit den Krücken während der Reha auf den frisch zusammengewachsenen Stumpf gestürzt bin, verzögerte sich das Befestigen der Prothese wegen einer erneuten OP damals um zwei Monate, bis die Prothese an meinem Bein angebracht wurde.

Im Dezember 2015 verließ ich die Reha-Klinik. Durch ein Luftvakuum haftet die Prothese an meinem Knochenstumpf. Es dauerte schon ein bis zwei Jahre, bis alles passte. Je länger ich mich an mein „neues“ Bein gewöhnte, umso besser klappte das Laufen. Möglich ist mit der Prothese viel – nahezu alles. Ich habe unterschiedliche Modelle fürs Ski-Fahren, Laufen oder Schwimmen. Die Prothese wird aber nie einen richtigen Fuß ersetzen, weil sie nicht aus Fleisch und Blut besteht. Wenn ich zum Beispiel während der ersten Wochen mit der Prothese einen Abhang herunterlaufen wollte, war das nicht einfach, weil die Prothese viel steifer ist als ein gesundes Bein. Trotzdem war ich irgendwann wieder an der Kletterwand. Im Sommer konnte ich bald wieder Beachvolleyball spielen und sogar im Winter Ski fahren. Zu Hause hüpfe ich durch das Haus, das trainiert mein Bein und ich bin unabhängig von irgendwelchen Gehhilfen. Die Krücken habe ich irgendwann im Keller verstaut. Wenn ich auf den Stummel schaue, weiß ich, dass er zu mir gehört.

 

Vergangenes Jahr habe ich als Aushilfslehrer an einer Schule Sport unterrichtet, weil die Lehrerin in den Mutterschutz gegangen ist. In Südtirol ist es bereits mit dem Bachelor möglich, eine Aushilfsstelle als Lehrer anzutreten. Nach meinem Masterstudium möchte ich aber lieber im Trainingsbereich arbeiten.“

 

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