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Ich habe keine Ahnung von Wintersport und einen Tag Olympia geglotzt

Und festgestellt: Dabei sein ist nichts für mich.
Von Quentin Lichtblau
Unser Autor beim Olympia-Bingewatchen. Er trägt normalerweise schönere Socken.

Unser Autor beim Olympia-Bingewatchen. Er trägt normalerweise schönere Socken.

Foto: Quentin Lichtblau

Es ist Montagmorgen, 6 Uhr 10, der Himmel höchstens dunkelrot. Ich erwache aus unruhigen Träumen und stelle fest, dass ich heute sechs Stunden lang Olympia schauen muss. Für Dusche, Frühstück oder ähnliches bleibt keine Zeit, ich wanke direkt in mein Wohnzimmer und will den Fernseher anschalten. Erst jetzt stelle ich fest, dass ich weder ein Wohnzimmer noch einen Fernseher besitze. 

Das mit dem Wohnzimmer ist verschmerzbar, Normalfall, wir sind hier ja schließlich in München. Aber wie soll ich ohne Fernseher den Auftrag erfüllen, den mir meine Redaktion gestellt hat? Als wintersportlich ahnungsloser Mensch möglichst recherchefrei Olympia gucken, nonstop, mindestens fünf Stunden lang. Und dabei bestenfalls Dinge über mich, die Gesellschaft, das große Ganze und Ähnliches herausfinden. 

Erst mal wieder hinlegen und das tun, was jeder Mensch meiner Generation tut, wenn er über sich und andere wichtige Dinge nachdenken sollte: zum Smartphone greifen. Google, wo kann ich Olympia streamen? Als Mediatheken-Fan, der lineares Fernsehen nur als fünfminütigen Kick in fremden Haushalten genießt („Wow, die Punkt-12-Frau stellt immer noch so tolle Telefonquiz-Fragen!“) findet Sport auf den Bildschirmen meines Vertrauens nicht statt. In den Mediatheken ist ja dank fehlender Online-Rechte eine Art Sportblocker eingebaut. Für Sport-Desinteressierte wie mich ein Segen.

Aber heute ist alles anders, was nun? Gott sei Dank sagt mir Google, dass das Olympia-Liveprogramm von diesen Regelungen ausgenommen zu sein scheint. Die ARD bietet Streamingoptionen ohne Ende, auf vier Kanälen gleichzeitig. Und ich muss nicht einmal aufstehen! Ich starte den ARD-Standardstream, ich will es real keepen, so glotzen, wie es auch die Elterngeneration tun würde: Eins nach dem anderen, keine Wahl haben. Ich will live bei den Momenten dabei sein, die ich sonst nur per Push-Mitteilung auf mein Handy geschickt bekommen habe. Ich erwarte mir großes Gefühlskino, dabei sein und sowas.

 

Hier gibt es nicht viel zu verstehen. Außer, dass alles gut aussehen muss und das Thema Mann/Frau wichtig ist

6 Uhr 15: Katarina Witt sagt „Guten Morgen“, die kenne ich sogar. Und neben ihr sitzt der Fußballmensch, der sich früher immer mit Günter Netzer angelegt hat. Er sagt, dass es in Deutschland jetzt noch recht früh ist. Dann befragt er Witt zu den Besonderheiten des Eistanzes. Beim Eistanz würden ja ein Mann und eine Frau tanzen, sagt die. Und deswegen spiele das „Thema Mann/Frau“ eine große Rolle. Musik sei auch wichtig. Meinem Halbschlaf-Ich leuchtet das total ein.

Ich werde offensichtlich fitter und das Display meines Smartphones zu klein. Ich krieche also aus dem Bett, setze mich in die Küche vor den großen Mac-Bildschirm und sehe das erste Eistanz-Paar. Sie stammen aus den USA, haben eine vollkommen irre Mimik drauf und eistanzen zu einem okayen Perkussiv-Samba-Stück. Die Disziplin scheint mir ein guter Einstieg zu sein, hier gibt es nicht viel zu verstehen. Außer, dass alles gut aussehen muss und das Thema Mann/Frau wichtig ist. Der Kontrast zwischen der musicalmäßigen Haudrauf-Gesichtsakrobatik und den vollkommen ausdruckslosen Jury-Mitgliedern und Zuschauern an der Bande ist spektakulär.

Dann geht es allerdings schon wieder zurück ins Studio, Witt spricht noch einmal von der Musik, die sei ja im Fall der Amerikaner „sehr erwartbar gewesen“. Die Franzosen allerdings hätten sich mal was getraut und zu – aufgepasst – Ed Sheereans „Shape of You“ getanzt! Ich sehe daraufhin Ausschnitte des Franzosentanzes und stelle erst jetzt fest, dass das alles ja gar nicht live, sondern ein Rückblick auf das Geschehen der vergangenen Nacht ist. Der Französin ist dabei irgendwas am Kleid gerissen, eine Brust schaut kurz raus und ich denke an den Bild-Redakteur, der wohl gerade einen Nippelalarm-Aufmacher zusammensabbelt. Die Olympia-Regie tut auch ihr „Bestes“, sie zeigt den Moment noch mal in Zeitlupe. Für den nächsten Tag kündigt der Kommentator noch ein „Theater der Emotionen“ an, das werden dann wohl die Finalläufe sein, falls es beim Eistanz so etwas wie ein Finale gibt und man einen Durchgang als Lauf bezeichnet.

Dann wieder zurück zu Witt und Gerhard Delling (ich habe inzwischen „Netzer Feind“ gegoogelt). Witt betont, dass der Eistanz viel zu wenig Aufmerksamkeit erführe, weil… dann klingelt ein Alarmsignal im Studio. Witt schaut verstört, sie kann aber nichts machen, denn es ist 6 Uhr 30, „Olympia-Wecker“-Zeit! Per Whatsapp kann man sich mitten in der Nacht Ergebnisse und Sendetermine aufs Smartphone schicken lassen, wirbt ein Beitrag und das ist jetzt ja auch wirklich wichtiger als ein Plädoyer für den Eistanz.

Eine grandiose Schlacht zwischen taktierenden Generälen und ihrem Schrubber-Fußvolk. Dramatisch!

6 Uhr 40: Jetzt geht es endlich wirklich mal ins Liveprogramm: Curling, Schweden gegen die Schweiz. Die Schweden sehen mit ihren Undercuts und Muskelarmen zwar aus wie Influencer, die Schweizer allerdings haben Benoît Schwarz, Teamchef und Matthew-Broderick-Double zu Zeiten von „Ferris macht blau“. Curling-Schauen ist cooler als sein Ruf, vor allem mit Benoît Schwarz. Wenn er den Stein (ich habe „Curling Teekanne“ gegoogelt, „Stein“ ist die richtige Bezeichnung) auf seinen Weg schickt, sieht das aus wie früher bei den „Kickers“, wenn Tsubasa sekundenlang im Schuss verharrt, es fehlen eigentlich nur die bunt blitzenden Streifen drumherum. Die mit den Swiffern machen den Rest, was sehr anstrengend und aufopfernd aussieht. Eine grandiose Schlacht zwischen taktierenden Generälen und ihrem Schrubber-Fußvolk. Dramatisch! Die Regeln sind auch nicht besonders kompliziert, wer wie ich mal am Campingplatzstrand Boccia um ein Stracciatellaeis gespielt hat, findet sich gut zurecht.

Gerade habe ich mich eingefunden, Schwarz macht souverän die sogenannten Gassen dicht, wie man das hier so sagt. Er baut quasi eine Verteidigungsmauer aus Steinen, die Schweden schreien nervös rum, was ich leider nicht verstehe. Eine böse Niederlage zeichnet sich ab – aber dann geht es schon wieder zurück ins Studio. „Das soll’s fürs erste Mal gewesen sein“, sagt Delling. Wie bitte? Live-Momente? Mitfiebern? Wie soll das funktionieren? Machen die das bei der Fußball-WM dann auch? Finale, ein Tor Rückstand, 85. Minute – hach naja, jetzt aber mal zurück ins Studio. 

Delling hat einen Studiogast, er ist Doping-Experte. Angeblich hat ein Russe gedopt und zwar – tadaa – beim Curling. Bestimmt ein Schrubber. „Curling darf man nicht unterschätzen, da muss man zweieinhalb Stunden lang Maximalkraft aufs Eis bringen“, sagt der Experte. Es folgt das „Olympia-Telegramm“, Kurzmeldungen aus allen Bereichen. Ich erfahre, dass sich viele Touristen gerne vor den olympischen Ringen fotografieren lassen und dass das Gold der Medaillen aus einer koreanischen Mine stammt. Auch die Russen-Doping-Geschichte taucht wieder auf, der Trainer des Russen sagt, dass sein Schützling ja „komplett bescheuert“ wäre, bei einem Wettbewerb wie Olympia zu dopen. Ich höre aufmerksam zu, finde mich dann aber plötzlich auf einem zugefrorenen See wieder und curle gegen Wladimir Putin. Er trägt ein Kettenhemd und einen lustigen Helm.

 

 

9 Uhr: Verdammt, großer Fehler, sich mit Bettdecke aufs Küchensofa zu legen. Ich habe über eine Stunde geschlafen, der Doping-Experte ist weg, dafür ist eine neue Moderatorin da, die Delling zur Begrüßung eine Panda-Schlafmaske schenkt. Sie begründet das mit dem Satz „damit du nicht einpennst“, die Kausalität dieses Vorgangs kann ich nicht nachvollziehen, vielleicht träume ich ja noch. Ich brauche Kaffee, das Programm wird nun eh für die Tagesschau unterbrochen. Davor gibt es noch Slow-Motion-Bilder eines Bob-Unfalls, der Kopf des Piloten schleift an der Bande entlang, dazu singt jemand „Ich will die ganze Welt tanzen sehen“. Auch das kann ich mir nicht erklären, saß wohl ein Zyniker im Schnittraum.

 

Während ich den Kaffee aufgieße und ein Spiegelei zurechtbrutzle, plaudert Moderatorin Jessy Wellmer mit dem Trainer der Skisprung-Mannschaft und einem Experten, sozusagen der Oliver Kahn des Skisprungs. Um 13 Uhr 30 findet das Teamspringen statt, Deutschland hat offenbar Chancen auf Medaillen. Alle sind sich einigermaßen einig, dass das später „auf jeden Fall spannend“ wird. Der Experte sagt, dass man im Teamkampf „hohe Qualität und Stabilität, auch emotional“ brauche und im Wettbewerb „alles möglich“ sei. Die Moderatorin sagt noch den Namen des Skispring-Kahns, er heißt Dieter Thoma, bei dem Namen klingelt irgendwas in meinem Gedächtnis. Er ist schon ganz nervös, sagt er. Wieder Olympia-Telegramm, dieselben Meldungen. 

 

9 Uhr 25: Wieder Curling, wieder Quereinstieg. Curlingspiele dauern wohl einfach zu lang, um sie am Stück zu zeigen, ich weiß es doch auch nicht. Diesmal Kanada gegen die USA. Die US-Mannschaft sieht mit ihren roten Caps aus wie ein Trump-Wahlkampfteam. Einer der Spieler trägt einen Schnauzer, den seine Frau hasst. Der Reporter muss kurz überlegen, wer gerade eigentlich vorne liegt: „Im Moment sieht es für die…mmmmmmmm.. US-Amerikaner ein bisschen besser aus.“ 

 

„Gibt so ein Nippelgate eigentlich Abzug?“ Witt sagt: „Weiß ich nicht, vielleicht“ 

 

Der kanadische Teamchef heißt Kevin Koe und sieht aus wie der James-Bond-Bösewicht Blofeld. Das Koe spricht man fast wie „Cool“ aus, sein Spitzname ist „Iceman“. Für die emotionale Stabilität, die man auch im Curling braucht, hat er gesorgt: Er hat einfach keine Emotionen. Im Gegensatz zum Schweden-Schweiz-Spiel verstehe ich jetzt, was auf dem Spielfeld geredet wird. Iceman schickt einen Stein los und raunt vollkommen ausdruckslos „that one felt good to me“. Er sprengt mit einem Wurf die ganze Gasse frei. Was für ein Typ, ich bin Fan! Gerade als ich endgültig glaube, im Curling eine neue Passion gefunden zu haben, wischt plötzlich ein Kanadier vor dem US-Stein rum. Warum darf der das? Mein Unverständnis demotiviert, ich denke wieder über Schlaf nach. Noch ein Downer: Von Medaillen sind beide Teams weit entfernt, es geht also quasi um nichts, außer vielleicht ein bisschen Kanada-USA-Derbyfeeling. Trotz Iceman bin ich nicht mehr wirklich aufmerksam. Am Ende gewinnen die USA.

 

9 Uhr 55: Habe ich gerade wirklich eine Stunde lang Curling geschaut? Wieder das Olympia-Telegramm, das ich inzwischen mitsprechen kann. Dopender Russe, „komplett bescheuert“, Goldminen-Bildmaterial. Die Selfies vor den Olympia-Ringen haben sie diesmal weggelassen. Besser isses. Tagesschau!

 

Ich nicke wieder weg. Als ich aufwache, läuft eine Wiederholung des Eistanz-Kleid-Unfalls der Franzosen. Witt wird eine weiteres Mal gefragt, was den Eistanz eigentlich ausmacht. Zumindest in der Antwort variiert sie. „Der Sex-Appeal ist wichtig“, sagt sie, „Sex“ dabei mit weichem s. Gute Gelegenheit, um über die Brüste der Französin zu reden: „Gibt so ein Nippelgate eigentlich Abzug?“ Witt sagt: „Weiß ich nicht, vielleicht.“ 

 

11 Uhr: Beitrag mit Katarina Witt. Sie besucht das Schweizer Mannschaftshaus. Sie zockt mit irgendeiner alten Kollegin Eishockey und redet dabei von einer Schweizer Bewerbung für die Winterspiele in etwa 30 Jahren. Dann isst sie – Überraschung – Käsefondue. Der Film endet, Witt zuckt mit den Achseln: „Das war viel zu kurz, wir haben noch lange über die Bewerbung geredet!“

 

Offenbar rechnet niemand damit, dass jemand sich das hier tatsächlich am Stück anschaut 

 

Die Moderatorin erklärt, dass es heute drei Medaillengelegenheiten für Deutschland gibt: Zweierbob, Skispringen und Eisschnelllauf. Ich könnte also auf meine Kosten kommen, was die Live-Glücks-Momente betrifft. Ein Beitrag zu den Bobfahrern. „Allein Bronze wäre schon eine Sensation!“, sagt einer der Fahrer. Am Vortag ist er auf dem Kopf ins Ziel gerutscht, was ich vorhin als Unfall gedeutet habe, war also sein Zieleinlauf. Doch kein Zyniker im Schnitt.

 

Der Zweierbob-Lauf kommt erst um 12 Uhr 15, meine Konzentration ist so mittel. Als eine Freestyleskierin vorgestellt wird, die nebenher im Pizza Hut in Garmisch arbeitet, versinke ich in mein Smartphone. Dann: Breaking News! Der russische Curler steht unter Dopingverdacht. Das weiß ich bereits. Der Trainer kann sich das nicht vorstellen, wäre ja komplett bescheuert. Es kommt einfach noch einmal derselbe Bericht, offenbar rechnet niemand damit, das jemand sich das hier tatsächlich am Stück anschaut. Langsam komme ich mir vor wie bei einer Autofahrt von München nach Berlin, bei der man 20 Mal die gleichen Nachrichten serviert bekommt. Der auch schon bekannte Doping-Experte berichtet von einem zweiten positiven Test, ok das ist neu. Nach sechs Stunden habe ich aber immer noch keinem richtigen Olympia-Moment beigewohnt. Die Bobfahrer sollen endlich anfangen!

 

12 Uhr 5: Tagesschau vorbei, dann endlich: Eisschnellauf! Doch nicht, Skisprung-Kahn ist wieder da, wird wieder gefragt, ob er schon nervös ist wegen dem Teamspringen später. Ist er. Dann werde ich auf das Teamspringen später vorbereitet: Favorit ist anscheinend Norwegen. Einer von ihnen hat einen phänomenalen Schnurrbart, ich freue mich, ihn später rumfliegen zu sehen, falls ich so lange durchhalte.

 

„Einen astreinen Run in den südkoreanischen Schnee schnitzen“

 

Noch eine Grußbotschaft von einem nicht angetretenen Springer, er wünscht ganz viel Glück und so. Egal ob sie nur Chancen auf Bronze haben oder erst gar nicht dabei sind: Wintersportler scheinen eigentlich nie schlecht gelaunt zu sein. Warum auch? Ihr Leben – und für diese These bekomme ich bestimmt Stress mit den Kollegen aus der Sport-Redaktion – ist ja brachial simpel. Wie toll wäre das denn,  sein Leben einer Sache wie Curling zu widmen. Wie erdend. Wegsprengen oder nicht. Oder jeden Tag Bobs anschieben. Den Rest macht der Pilot. Als ich diese Sätze notiere, wird mir klar, dass ich aus Langeweile den Schreibstil von Franz Joseph Wagner kopiere.

 

12 Uhr 15: Zweierbob geht los! Seltsamerweise werden nur die Piloten namentlich geführt, nicht die Anschubser. Der deutsche Pilot Francesco Friedrich macht die beste Startzeit. Der Kommentator wird immer lauter, weil Friedrich fast den Favoriten aus Kanada, Justin Kripps, erreicht hat. Nur sechs Hundertstel zurück. Ok, das ist spannend. Die Anschieber haben Schenkel wie Oktoberfestpferde. Leider kommt der vierte Lauf erst um 14 Uhr, das Erste switcht zum Eisschnellauf. Come on!

 

Wäre Olympia ein Theaterstück, wäre es ein postmodernes von René Pollesch, bei dem man sich nie sicher sein kann, ob die Handlung irgendeine Richtung verfolgt, ob die ganzen repetetiven Satzungetüme ernst gemeint sind und ob es nicht plötzlich vorbei sein könnte. Aber Polleschstücke sind wenigstens lustig.

 

Ich vertreibe mir die Zeit mit dem Erstellen einer Kommentatorensprech-Favoritenliste:

 

1. „Einen astreinen Run in den südkoreanischen Schnee schnitzen“

2. „Endlich eine Hand an die Medaille anlegen wollen.“

3. „Ordentlich gegen die Bande kacheln.“

4. „Im letzen Drittel nochmal einen rausknallen.“

 

Langsam bekomme ich ein entspannteres Verhältnis zum Sportgeschehen. Ich muss das gar nicht alles komplett durchdringen, es reicht schon, wenn das nebenher läuft. Man hört ja auch recht selten stundenlang konzentriert Musik, und kann trotzdem Musikliebhaber sein. Hauptsache, die Deutschen gewinnen irgendwas, darum sollte es mir doch gehen. Ich beschließe also, den Patrioten in mir zu entdecken. Ich will später sagen können: WIR haben gestern die und die Medaille geholt, WIR sind richtig gut dabei, und ICH habe live am Fernseher Unterstützung gegeben.

 

Vielleicht sollte man lieber in einem anderen Land geboren sein, um hier mitfiebern zu können.

 

Der deutsche Schnellläufer tritt an, er macht laut Kommentator einen „guten, aber keinen außergewöhnlichen Lauf“. Schrecklich fad, auch im Sport scheint Deutschland der unspektakuläre Durchschnitt zu sein. Vielleicht sollte man lieber aus einem anderen Land kommen, um hier mitfiebern zu können. Dort wird das Geschehen sicher auch mit besserer Musik unterlegt. Ich will die ganze Welt tanzen sehen, nur Deutsche nicht.

 

13 Uhr: Meine Motivation ist am Ende, die emotionale Stabilität sowieso. Zum hundertsten Mal das Olympia-Telegramm, gedopte Olympiaringe, Selfies mit dem russischen Curlingteam, komplett bescheuerte Goldmine. Es reicht. Ich schalte ab, draußen liegt auch Schnee. Ich habe Sehnsucht und Hunger nach frischer Luft und Billig-Vietnamesisch. Außer Iceman konnte mich heute nichts wirklich begeistern. Ich denke an die Leserkommentare zu diesem Text: „Wenn er mit Wintersport nichts anfangen kann, warum hat er dann überhaupt…“ oder schlimmer „wer Deutschland nicht liebt...!!!!“ Dabei habe ich es doch versucht! Aber wie lange soll ein Mensch bitte warten, bis endlich mal einer Medaillen holt? Soll ich verhungern? Dabeisein ist nichts. Für mich.

 

Eine halbe Stunde später holt  der Deutsche Francesco Friedrich Kopf an Kopf mit Kanada Gold im Zweierbob. Als ich die Push-Mitteilung erhalte, stampfe ich auf den verschneiten Gehweg und rutsche aus.

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