Slackline-Meister Lukas Irmler über Angst

Und die Erwartungen von Sponsoren und Medien.
Interview: Patrick Wehner

Lukas Irmler in 60 Metern Höhe.

Foto: Armin Weigel/dpa

In 60 Metern Höhe ist Lukas Irmler in Straubing zwischen zwei Türmen über eine Slackline gelaufen. 169 Meter lang war die Leine, hunderten Zuschauern ist die Kinnlade runtergefallen. Wir haben den 28-Jährigen angerufen und gefragt, warum er sowas eigentlich macht. 

jetzt: Lukas, vor was hast du Angst?

Lukas Irmler: Vor vielem. Vorm Versagen auf der Slackline, vorm Nicht-Schaffen. So was. 

Du hast vermutlich mal klein angefangen, so im Park zwischen Bäumen ...

Eigentlich war's auf der Wäscheleine unserer Nachbarin, vor etwa zehn Jahren. Geeignete Bäume gabs bei uns in der Nähe nicht. 

Mittlerweile bist du über die Victoria-Wasserfälle gelaufen, in den Anden auf 5200 Metern Höhe. Jetzt zwischen den 60 Meter hohen Türmen in Straubing.  Wie kommt so was?

So genau weiß ich das gar nicht. Jeden Tag etwas Neues auszuprobieren, das hat mir einfach Spaß gemacht, neue Herausforderungen zu finden. Das hat sich ziemlich schnell zu einer Sucht entwickelt. Immer wieder neue Ideen umsetzen, ausprobieren, die Dinge planen. Das macht sehr viel Spaß. Irgendwann wurde ich gesponsert, und dann kannst du halt einfach auch mal sagen, du willst was am Tafelberg in Südafrika machen. Und wenn man dann mal sowas gemacht hat, kriegst du mediale Aufmerksamkeit, das ist so ein Prozess, der sich selbst verstärkt. Je bekannter du wirst, desto mehr kannst du machen. 

 

Wird man dann nicht auch schnell von den Erwartungen der Menschen, der Sponsoren, getrieben?

Das ist natürlich eine weitverbreitete Ansicht, gerade was den Extremsport angeht. Ich hab schon ein wenig Druck gespürt, aus den Möglichkeiten, die ich auf einmal hatte, etwas zu machen. Das ging aber eher von mir selber aus als von Sponsoren oder anderen Menschen. 

 

Wenn du auf dem Seil stehst, 60 Meter weit oben, an was denkst du da? Den Brexit? Die letzte Folge Game of Thrones?

An beides hab ich gestern gedacht. Aber nicht auf der Slackline. Da konzentrierst du dich komplett auf den Balanceakt, auf den Moment, in dem du gerade bist. Du schaust schon mal nach rechts und links und realisierst dann: Ist schon geil, so einen Ausblick zu haben. Zu wissen, hier war vor dir noch niemand. 

Lukas Irmler.

Foto: Vale Rapp/oh

 

Reizt es dich, auch mal ungesichert zu laufen? Als Steigerung des Ganzen?

Mh, probiert hab ich's natürlich schon. Man ist zwar gesichert, aber in der Regel fällst du als Slackliner nicht in die Sicherung, sondern hältst im Ernstfall mit Armen und Beinen am Seil fest. Das heißt, im Grunde bist du ja deine eigene Sicherung. Aber ich hab da eine Vorbildfunktion, und da muss ich aufpassen. Ich will niemanden dazu animieren, seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen. 

 

Noble Einstellung. 

Versteh mich nicht falsch. Ich find, das ungesicherte Laufen kann man schon machen. Aber das macht man dann eben für sich persönlich. Und nicht, um sich zu profilieren. Und ein wenig egoistisch ist es ja auch. Wenn was passiert, ist es dir egal, aber deine Freunde und Familie sind die Gelackmeierten. 

  • teilen
  • schließen