160819 trauer
Illustration Jessy Asmus

Es gibt ein Foto von Marius und mir im Sandkasten, da sind wir vielleicht drei Jahre alt. Er schenkt mir imaginären Tee aus einer grünen Plastikgießkanne ein und ich grinse stolz in die Kamera. Bis zur Pubertät gibt es viele von diesen Fotos, auf denen wir immer ein bisschen ganovenhaft aussehen, wie Komplizen, die den nächsten Coup planen. Eine klassische Kinderfreundschaft, die mit der Pubertät langsam ausfranste, weil jeder neue Komplizen fand. Nach der Schule zog es uns in unterschiedliche Städte und der Kontakt brach ganz ab. Trotzdem blieb Marius mein ältester Freund. Und ist jetzt der erste, der nicht mehr da ist.   

Von seinem Tod habe ich über Facebook erfahren. Eine Verwandte hat scheinbar seine Freundesliste durchforstet und allen eine Privatnachricht geschickt. Ihre Nachricht hat etwas Komisches mit mir gemacht. Nicht nur, weil der Tod einen immer mit dieser fassungslosen Ohnmacht dastehen lässt. Oder weil Marius gerade mal 24 Jahre war, als er starb, genauso alt wie ich. Oder weil ich mir wünsche, wir hätten den Kontakt nicht verloren, nur weil unsere Interessen nicht mehr die gleichen waren. Sondern weil auf Facebook noch alles genauso aussieht wie immer. Auf seiner Profilseite bedankt sich Marius in drei Sprachen für die Glückwünsche zum Geburtstag. Da ist noch die Musik, die er gern gehört hat. Da sind die Fotos, auf denen er auch mit Anfang 20 noch ein bisschen ganovenhaft aussieht. Der Ausschnitt aus seinem Leben wirkt so unmittelbar lebendig. Und das macht meine Fassungslosigkeit umso größer.

Geistesabwesend klicke ich mich durch den Querschnitt eines Lebens, das es nicht mehr gibt und Facebook fragt mich: „Und was machst du gerade?“. Ich könnte ausrasten. Facebook ist ein Medium ohne Mitgefühl, ohne Sinn für das Leben. Warum gibt es keinen Algorithmus der erkennt, welche Art von Nachricht ich gerade gelesen habe? Und wie soll ich reagieren? Was soll man auf die Nachricht vom Tod einer Person antworten, die man mal sehr mochte? Früher hätte ich vielleicht eine Todesanzeige in der Zeitung gesehen. Oder es von einer Person erfahren, die mich in den Arm nehmen kann. Ich wäre zur Beerdigung gegangen. Vielleicht hätte ich es aber auch erst Jahre später mitbekommen. Oder überhaupt nicht.

Zumindest gibt es in der analogen Welt tradierte Umgangsformen, die es zu befolgen gilt, wenn etwas Schlimmes passiert. Rituale, an die man sich klammern kann und die man mit anderen Menschen gemeinsam begeht. Auf Facebook ist das anders. Facebook liefert keine Gebrauchsanweisung zum Umgang mit dem Tod. 

Alle drei Minuten stirbt in Deutschland ein Facebook-Nutzer 

Es gibt noch keine erprobten Formen für traurige Nachrichten in der Internetwelt, weder, wie wir sie mitteilen, noch, wie wir sie erfahren oder wie wir damit umgehen. Das Internet ist vielleicht noch zu neu, um eine tröstende Trauerkultur entwickelt zu haben. Und das, obwohl es mittlerweile tausende Seiten wie die von Marius geben muss.

Alle drei Minuten stirbt in Deutschland ein Facebook-Nutzer. Das macht mehr als 375.000 Profilleichen jährlich. Tausende digitale Gräber mit Fotos, Videos und Kommentaren. Da soll man sich doch bitte vorher überlegen, was mit den Daten passieren soll, finden die Initiatoren von „machs-gut.de“. Die Kampagne wurde im letzten Jahr von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz initiiert und soll jungen Menschen (zumindest werden bei machs-gut.de alle geduzt) erklären, wie man seine Facebook-, Tumblr- und Twitterkonten auf einen Todesfall vorbereiten kann. Das Ministerium hat zu toten Facebook-Accounts eine klare Meinung: Man muss auch digital sterben. Hierfür solle man Passwörter für Hinterbliebene zugänglich speichern oder sich gleich die Erklärung zum digitalen Vermächtnis runterladen und eine Person bestimmen, die sich um die Verwaltung der Accounts kümmert. Auf jeden Fall soll nirgends der Eindruck aufkommen, der oder die Verstorbene sei noch am Leben.

Aber das ist gar nicht so leicht. Auf Facebook müssen Angehörige den Tod einer Person, sofern diese kein besonders berühmtes Leben führte, zunächst nachweisen, bevor ein aktiver Account zu einer „Gedenkseite“ wird. In anderen Netzwerken ist das schon schwieriger. Bei Twitter müssen Hinterbliebene die Passwörter des Verstorbenen kennen und den Account dann selber löschen, auf Flickr haben sie gar keine Möglichkeit, auf alte Bilder zuzugreifen.  

Unser digitaler Output ist eben auch eine Spur, die wir im Leben hinterlassen  

Aber was, wenn der Tod ganz plötzlich kommt? Wenn keine Zeit bleibt, sämtliche Accounts zu löschen oder die nötigen Vorkehrungen zu treffen? Wie hätte sich Marius gewünscht, dass mit seinem digitalen Vermächtnis umgegangen wird? Eine Frage, auf die sich nur mit Spekulationen antworten lässt. Und vielleicht deshalb die falsche Frage. Vielleicht geht es wie bei jedem Nachlass vielmehr um Marius' Angehörige und darum, was sie wollen.

 

Was wäre eigentlich meine Strategie? Würde ich wollen, dass meine albernen Kommentare oder peinliche Blogeinträge weiterhin durchs Internet geistern, obwohl ich schon längst nichts mehr liken kann?

 

Ich denke, ja. Weil unser digitaler Output eben auch eine Spur ist, die wir im Leben hinterlassen und damit etwas, woran Angehörige und Freunde sich vielleicht noch ein bisschen festhalten können. Worüber sie noch lachen oder weinen können. Wie sie sich an gemeinsame Erlebnisse erinnern, wenn sie alte Fotos ausgraben oder Briefe lesen, so kann eine Profilseite eben auch ein Ort sein, an dem Freunde Bilder oder Kommentare wie Kerzen und Blumen auf einem Grab ablegen.

 

Manche Menschen finden diese Trauer-Posts makaber. Online an die Vergänglichkeit der zahllosen Mitteilungen aus dem Leben zu erinnern, gleicht für sie digitaler Grabschändung. Vielleicht, weil Kommentare auf Facebook schnell mal zu Missverständnissen oder maßloser Selbstinszenierung führen können – und so womöglich die Gefühle von Hinterbliebenen verletzen. Oder, weil sie beim Trauern doch noch in der analogen Welt hängengeblieben sind. Sie finden: Die Toten soll man in Ruhe lassen. Finde ich nicht. Pietätlos finde ich an digitaler Trauer höchstens, wenn andere sich aufregen: Das hätte der oder die Verstorbene doch nicht gewollt!

 

Am Ende sind alle mit ihrer Trauer um Marius allein, die auf demselben Weg wie ich von seinem Tod erfahren haben. Über Facebook. Warum sollte Facebook dann nicht auch der Ort sein, wo man seine Ohnmacht zum Ausdruck bringt? Oder wenigstens zurückschreibt und den Hinterbliebenen sein Mitgefühl ausdrückt, so wie man auf eine altmodische Trauerkarte auch reagiert hätte?

 

Für meinen persönlichen Abschied trauere ich on- und offline. Auf die Pinnwand schreibe ich zwar nicht, das fühlt sich irgendwie an als könnte es Unglück bringen, aber ich schaue mir die kleinen Ausschnitte aus diesem Leben an, das mir so fremd geworden ist und trotzdem noch so lebendig wirkt. Genauso wie die Fotos aus unserer Kindheit. Es sind Erinnerungen, digitale und analoge. Und vielleicht werde ich mich von diesem digitalen Stück Leben auch erst verabschieden können, wenn ich an Marius’ Grab stehe und mit einem echten gemeinsamen Freund trauern kann.

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