16 auf 16 Meter misst das futuristisch wirkende Gebäude in Frankfurt, das den Namen „Cubity“ trägt und zwölf Cubes, also Wohnzellen, beherbergt.

16 auf 16 Meter misst das futuristisch wirkende Gebäude in Frankfurt, das den Namen „Cubity“ trägt und zwölf Cubes, also Wohnzellen, beherbergt.

Foto: Peter Krauch
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Foto: Peter Krauch

Ein Schritt zum Bett, zwei ins Bad und dann ist man auch schon mit einem Schritt wieder draußen. Mehr als drei Personen können  bei Leonie nicht zu Besuch sein, denn dann wird die Luft schon fast knapp und man stößt sich am Schreibtisch.

Frankfurt am Main gilt beim Wohnraum als eine der teuersten Städte Deutschlands. Das Forschungsprojekt „Cubity“ in Frankfurt-Niederrad lässt seine studentischen Bewohner für 250 Euro Miete in Würfeln von 7,2qm Größe leben. Das funktioniert nur, wenn man mit den anderen Bewohnern klarkommt. Denn selbst gegenüber einer WG ist die Privatsphäre beim „Cubity“ nochmals extrem minimiert. Damit muss man leben. Und mit der ein oder anderen Schwäche des Prototyps.

Betreut wird das Projekt unter anderem von der TU Darmstadt. Elisa Stamm, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Entwerfen und Gebäudetechnologie, erklärt den Hintergrund des Projekts: „Es geht darum, den städtischen Raum nachzuverdichten. Cubity steht auf einer Restfläche: Mit diesen Flächen ergibt sich vor allem für Studenten bei dem geringen Preis eine Möglichkeit, stadtnah zu wohnen.“ 

16 auf 16 Meter misst das futuristisch wirkende Gebäude in Frankfurt, das den Namen „Cubity“ trägt. Der „Cubity“ ist nach dem „Haus im Haus“-Prinzip modularisiert entworfen und ein Plusenergiehaus, das heißt, es produziert mit einer Photovoltaikanlage mehr Energie, als benötigt wird. Dadurch, und durch die diversen Sponsoren, kann die Miete von 250 € für sieben Quadratmeter ermöglicht werden. Das klingt erst einmal nach ziemlich viel für so wenig Raum. Hinzu kommen allerdings die Gemeinschaftsfläche von 120 Quadratmetern, inklusive Fernseher und Beamer, eine gesponserte Küche mit Spülmaschine und Ceranfeld, ein Garten von etwa 50 Quadratmetern. Und Strom und Nebenkosten sind inklusive. 

Im „Cubity“ ist Platz für zwölf sogenannte „Cubes“, in denen die Studierenden auf je 7,2 qm leben. In der Mitte befindet sich ein Gemeinschaftstisch, der sogenannte „Marktplatz“. In den Cubes selbst gibt es: ein Bett, ein Badezimmer, Schubladen und einen ausziehbaren Schreibtisch. Das war’s.

Wie lebt es sich aber auf so kleinem Raum? Studentin Helena erzählt: „Für mich persönlich ist es nicht zu klein, weil ich viele Sachen nach draußen verlagert habe. Die Dusche ist schon etwas klein, wenn man eine Badewanne gewohnt ist.“ Stefanie ergänzt allerdings, dass man im Wohnheim manchmal gar kein eigenes Bad habe. Dann doch lieber ein kleines für sich selbst.

 

Vor Helenas Tür steht ein Kleiderständer, auf dem Boden liegen diverse Schuhe. Nicht alles passt also in den Wohnwürfel. Und auch nicht alles außerhalb des persönlichen Cubes lässt sich so einfach ausblenden, erzählt Leonie: „Man kann hier schon seine Privatsphäre haben, man kann Fenster und Tür zumachen, dann ist alles dicht. Aber so richtig alleine fühlt man sie nie, weil man fast alles hört, was draußen passiert.“ Das könne unter Umständen beim Lernen stören, meint Bewohnerin Stefanie. 

 

"Alle meine Freunde sagen, sie könnten sich nicht vorstellen, hier zu wohnen."

 

Das Leben im Wohnwürfel ist also nicht durchgehend optimal. Die Bewohner beklagen den ständigen Besuch von Pressevertretern. Das Interesse ist groß, wie auch schon in der Vergangenheit bei ähnlichen Projekten, die versuchten, Studenten auf kleinstem Wohnraum unterzubringen. Denn Wohnraum – vor allem in Großstädten – ist teuer und die Studenten sind knapp bei Kasse. Die Idee des Würfels ist nicht deshalb auch nicht gerade innovativ. Die Faszination geht beim „Cubity“ allerdings davon aus, dass er auf Nachhaltigkeit und das Wohnen in der Gemeinschaft setzt.

 

Auch  technische Probleme gehen nicht nur den Mitbewohnern, sondern auch den Initiatoren selbst manchmal auf die Nerven. Heute gibt es im Wohnwürfel ein Problem mit der Heizung, im Winter ist sie zwei Tage ganz ausgefallen. Die Isolierung ist noch nicht perfekt, manchmal ist die Temperatur nicht gut reguliert. Für die meisten Bewohner ist das jedoch zu verkraften, denn so etwas kann auch in einer ganze normalen Wohnung passieren. Außerdem betont die Koordinatorin Elisa Stamm: „Es ist klar, dass der Cubity die Probanden – damit meine ich die Bewohner – auch an ihre Grenzen bringen kann, eben weil er ein Forschungsprojekt ist.“ Deswegen kann jeder Student das Projekt verlassen und in ein „normales“ Wohnheim des Studentenwerks Frankfurt umziehen. Bis heute hat das allerdings noch keiner getan.

 

Das Experiment hat für viele eine nachhaltige Faszination, denn der Austausch zwischen den Studierenden im Cubity erfolgt quasi automatisch: im Gemeinschaftsbereich, auf den die Planer großen Wert gelegt haben. Für die Forscher von der TU Darmstadt war er ein zentraler Punkt: „Meistens bleiben Studenten gerne in ihrem Studienfach unter sich. Größere Wohngruppen ermöglichen interdisziplinären Austausch, der für die Entwicklung der jungen Menschen besonders wichtig ist.“

 

Unten am „Marktplatz“-Esstisch lacht Studentin Stefanie: „Alle meine Freunde sagen, sie könnten sich das nicht vorstellen, hier zu wohnen.“ Und eins  ist nach einem Besuch im Cubity klar: Wenn man in diesem Projekt wohnt, sollte man nicht menschenscheu sein. Kochen, Partys, Essen - das alles findet fast immer in der Gemeinschaft statt.

Beobachtet wird dieses Zusammenleben regelmäßig von einem Soziologen. Einmal im Monat kommt er für eine Woche und zieht in den „Cubity“ ein. Dann gibt es Fragebögen, die die Studierenden ausfüllen, Gruppendiskussionen oder Beobachtungen der Bewegungsabläufe und der Raumnutzung der Studierenden.

 

Elisa Stamm erklärt: „Die Bewohner kannten sich vorher gar nicht und natürlich war es spannend, wie sich die Gruppe entwickelt. Es ist schön zu sehen, dass es harmoniert. Auch wenn es natürlich, wie in jeder anderen WG oder in jedem anderen Wohnheim, mal zu Unstimmigkeiten kommt.“

 

Gefördert wird das Projekt der TU Darmstadt von der Deutschen Fertighaus-Holding, zwei hessischen Ministerien, dem Wohnbauunternehmen „Nassauische Heimstädte Wohnstadt“, sowie dem Studentenwerk Frankfurt. Noch mindestens zwei Jahre soll der Würfel in Frankfurt als Projekt stehen.

 

Für die Forscherin der TU Darmstadt hat der Cubity allerdings auch Potential in anderen Bereichen: „Als wir Tag der offenen Tür hatten, waren viele Nachbarn da, auch ältere Leute. Viele der älteren Besucher konnten sich vorstellen, in so einem Wohnwürfel zu leben. Alte wohnen oft in viel zu großen Wohnungen, denn die Kinder sind aus dem Haus. Der Cubity könnte auf dem Prinzip der Nachbarschaftshilfe funktionieren. Das war eine Option, die wir vorher noch gar nicht auf dem Schirm hatten.“

 

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