„Es gab den ein oder anderen Arschtritt“

Tom Kraftwerk hat sich an der Uni Zeit gelassen – und jetzt einen Ratgeber für ein entspanntes Langzeitstudium geschrieben.
Interview von Madeleine Buck

Tom Kraftwerk ist Twitter-Star und passionierter Langzeitstudent.

Foto: Lefty Neumann

Warum man nie fremdes Bier aus dem WG-Kühlschrank nehmen sollte, wie man Nachfragen rund um das Studium gekonnt aus dem Weg geht und mit welchen Studenten es sich am besten zusammenlebt: Langzeitstudent und Twitter-Berühmtheit Tom Kraftwerk gibt jetzt Tipps für das Studentenleben – in Buchform. In „Warten auf Foucault – Anleitung zum Nicht-Studieren“ erklärt der 25-Jährige anhand seiner eigenen 13 Semester langen Erfahrungen, wie man am einfachsten durch das Studium kommt.

Er muss es ja wissen: Acht Semester Soziologie (inklusive Bachelor), gefolgt von einem Masterstudium in der Mediensoziologie (exklusive Abschluss) und mittlerweile zwei Semester des Masterstudiengangs Medienwissenschaften hat er bereits hinter sich. Aber wie bleibt man unter dem Druck von Uni, Eltern und Co. so gelassen?

jetzt: Fangen wir mit der beliebtesten Frage von Langzeitstudenten an: Wie läuft das Studium denn so?

Tom Kraftwerk (stöhnt leise): Ich kann mich nicht beklagen. Die Uni hat gerade erst wieder angefangen und ich habe dieses Semester recht coole Kurse belegt. Die anfängliche Motivation ist also noch nicht verflogen. Ich habe jetzt auch tatsächlich vor, meinen Master in Regelstudienzeit zu machen.

Warum wirkt der Druck des Studierens nicht bei dir?

Eine gesunde Mischung aus Scheiß-egal-Stimmung und Zeitmanagement. Ich mache mir den Stress einfach nicht. Es gibt Zeiten, wo man den Druck hat, zum Beispiel in der Prüfungsphase, aber das muss ja kein Dauerzustand sein. Man kann das schon so koordinieren, dass man den größten Teil des Jahres ganz entspannt studiert.

Ist diese angebliche Gelassenheit vielleicht auch einfach nur eine Ausrede zum Faulenzen?

Nee, ist es nicht. Klar, habe ich gerade am Anfang viele Seminare so gelegt, dass ich ausschlafen und Party machen konnte. Und gefaulenzt habe ich auch mal, das gehört dazu. Es war wichtig für mich, dass ich ab und zu mal die Uni ausfallen lassen konnte. Aber ich habe ja auch nicht das ganze Studium nur Zuhause rumgesessen. Ich habe mich in einem Verein und einer Partei engagiert, Nebenjobs gehabt und mit 19 Jahren eine Selbstständigkeit angemeldet. Ich habe die Zeit des Studierens nur einfach nicht so gelebt wie die Uni und Bildungspolitiker das gerne hätten. Ich habe also nicht 24/7 in der Bib gehockt, sondern das Beste rausgeholt, um mich selbst zu verwirklichen.

Was sagt denn deine Familie zu deinem verlängerten Studium?

Sie meinten, solange ich mich selbst finanziere, kann ich tun und lassen, was ich will. Es gab natürlich schon einmal den ein oder anderen Arschtritt, aber davon habe ich mich nicht beirren lassen. Bildung ist etwas Individuelles. Und da muss jeder für sich selbst entscheiden, wie er das am besten angeht. Man muss sein eigenes Tempo und seine eigenen Interessen finden.

 

Du hast ja den wesentlichen Teil deines Studentenlebens BAföG bekommen. Hast du ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Staat, ihm solange auf der Tasche gelegen zu haben?

Nee, tatsächlich nicht. Ich bin schon dankbar, verglichen mit anderen Ländern, so einfachen Zugang zur Uni zu haben. Damals hatte ich auch eine Zeit lang das Hirngespinst, etwas zurückgeben zu müssen. Ich war ehrenamtlich im Verein, habe dort mit Hauptschülern zusammen gearbeitet und war auch politisch aktiv. Ich wollte mein BAföG nicht einfach grundlos annehmen, habe sogar über eine Beamtenkarriere nachgedacht. Nach einem Praktikum war aber klar, dass das nichts für mich ist.

 

Du gibst Tipps, welche Studenten am besten für WGs geeignet sind. BWLer haben nach deinen Angaben beispielsweise keinen Nutzen. Was können denn Soziologen beziehungsweise Medienwissenschaftler zum WG-Leben beitragen?

Das ist eine gute Frage. Um ehrlich zu sein, habe ich nie mit BWLern zusammen gelebt. Dieser dargestellte Hass gegen sie ist auch nicht so ernst zu nehmen. Und ein Soziologe in der WG ist genauso wenig zu irgendetwas zu gebrauchen. Aber der ist recht viel zu Hause, weil er wenig Seminare hat und kann dementsprechend natürlich immer aufräumen und kochen – theoretisch.

 

Du bedienst also einige Klischees im Buch. Der unnütze BWLer, der alles reparierende Elektrotechniker oder der Chemiestudent für Drogen. Ist das nicht ein bisschen oberflächlich?

Klischees existieren ja aus einem bestimmten Grund, Soziologen wissen das. Oberflächlich ist es, klar, aber auch witzig, sie überspitzt darzustellen. Auf Twitter mache ich ja nichts anderes: Der dauerpennende, verpeilte Soziologiestudent ist mein Alter Ego geworden.

 

Du schreibst in deinem Buch, dass es dich vor der Arbeitswelt nach dem Studium graut, da das immerhin den Großteil unseres Lebens ausmacht. Ist das herausgezögerte Ende des Studiums vielleicht auch eine Rebellion gegen das Erwachsenwerden?

Ja, schon. Diese „Quarter Life Crisis“ betrifft viele junge Studenten. Kurz vor dem Ende des Studiums merkt man plötzlich: Okay, jetzt wird es ernst. Und dieses Festlegen auf einen Job, den man sein Leben lang machen soll, ist schwierig. Vor allem, wenn man aus einer Zeit kommt, in der man sich im Studium viel ausprobieren konnte. Deswegen ist mir dieser Absprung vor allem beim Bachelor sehr schwer gefallen.

 

„Man tritt ja ein Studium ja an, um es zu beenden“

 

In den letzten Kapiteln sagst du selbst, dass es um dich etwas ruhiger geworden ist, es weniger spontane Ausflüge oder „nächtelanges Tanzen“ gibt. Verabschiedest du dich langsam aus dem Studentenleben?

Ganz, ganz langsam. Das ist die Kunst beim Dauerstudieren: Man hat früher oder später mal die Schnauze voll. Man tritt ein Studium ja an, um es zu beenden. Man lernt seine Stärken und Schwächen kennen, um das später auch auf dem Arbeitsmarkt anzuwenden.

 

Fühlst du dich denn jetzt bereit für die Erwachsenenwelt?

Ja, da hat das Buch auch zu beigetragen. Am Anfang hat man ja immer die Idee, dass man möglicherweise einen Bestseller schreibt oder danach direkt ein weiteres Buch veröffentlicht. Man hat deshalb zuerst den Anspruch, so zu schreiben, dass es der breiten Masse gefällt. Aber je mehr ich in dem Buch mein Studentenleben reflektiert habe, desto sicherer wurde ich mir, dass ich dieses Buch nicht mehr für andere, sondern hauptsächlich für mich schreibe. Dieser Rückblick auf mein Studentenleben hat mir noch einmal unglaublich viel gebracht.

 

Was hat es dir denn genau gebracht?

Nun, das Zusammenfassen der Erfahrungen, die ich im Studium und vor allem nebenbei gesammelt habe: Das alles mal aufzuschreiben und sich vor Augen zu halten, ist schon ein cooles Gefühl gewesen. Das Studentenleben dreht sich halt nicht nur um das Studium, sondern auch um das, was man in dieser Zeit außerhalb der Uni macht. Und ich war überrascht, als ich das alles während meiner Recherche mal aufgeschrieben habe und mir vor Augen halten konnte.

 

Und eine weitere beliebte Frage bei Studenten: Wie geht es denn nun weiter?

(Stöhnt wieder) Oh Gott. Gute Frage. Also das Autorenleben ist vorerst einmal vorbei. Ich werde mein Studium beenden, weiter bloggen und mich auch weiterhin politisch einmischen und nach einem neuen Projekt suchen. Es gab nie eine Zeit, in der ich wirklich auf Dauer still gestanden habe.

 

Und nach dem Studium?

Auf jeden Fall etwas Kreatives. Bei den Medienwissenschaften liegt mein Schwerpunkt auf Informatik, ich suche also nach einer Möglichkeit, das Kreative mit dem Technischen irgendwie zu verbinden. Es gibt ja auch im Beruf so viele Möglichkeiten, dazuzulernen. Ich hatte gegen Ende meines Bachelors vor allem Angst, mich mit einem Job festzufahren. Mittlerweile glaube ich nicht mehr, dass das passieren wird. Ich bin bisher den richtigen Weg gegangen und schaue jetzt erst einmal, was noch so kommt. Nur kein Stress.

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