An der Spielzeugfront

Seit dem Amoklauf von Winnenden diskutiert ganz Deutschland über den Einfluss von Computerspielen. Dabei ist in den Kinderzimmern das Kriegsspielzeug längst zurückgekehrt.
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Illustration: Julia Schubert

Raketenwerfer der Firma Forces of Valor aus der Serie Baghdad 2003 Ein neuer Rüstungswettlauf hat begonnen, und keiner hat etwas gemerkt. Die Waffenschmieden entwickeln neue Kriegsmaschinen, die Händler melden hohe Absatzzahlen und die Kunden – tja, die Kunden wundern sich. Es geht um Kriegsspielzeug. Mit Befremden stehen Eltern, aufgewachsen in den friedensbewegten Siebziger- und Achtzigerjahren, bei Karstadt vor dem Flugzeugträger »Freedom«, der zum Kampfpreis von zehn Euro angeboten wird. Nebenan, am Drehständer mit den Siku-Modellautos, reihen sich Kampfhubschrauber, Panzer und Panzerspähwagen zwischen Polizeiwagen und Müllautos. Bei den Plastikbausteinen dasselbe Bild: Die Lego-Konkurrenten Best-Lock, Mega Bloks und Cobi erobern ein Terrain, von dem sich Lego bisher ferngehalten hat. Aus Mega Bloks lässt sich beispielweise das Minenboot »Gromitz« zusammenstecken, ein »Leopard-2«-Panzer und der Eurofighter »Typhoon«. Cobi stellt eine komplette »Small Army« auf, und auch Best-Lock bietet Mili-tärisches zu Lande, zu Wasser und in der Luft an; Altersempfehlung: ab drei Jahren. Wer schon etwas älter ist, kann mit den originalgetreuen Militärmodellen der US-Firma Forces of Valor spielen, mit denen sich nicht nur historische Schlachten nachstellen lassen, sondern auch Feldzüge wie »Desert Storm« und »Iraqi Freedom«. Tamiya, die Modellbautochter des Nürnberger Spielwarengiganten Simba-Dickie, bietet Kriegsspielzeug verschiedener Epochen an, oft ferngesteuert und mit realistischen Motorengeräuschen versehen; selbst der Mündungsblitz der Kanone wird simuliert. Sogar die friedlichen – und inzwischen insolventen – Modelleisenbahner von Märklin haben vor zwei Jahren eine »Metal Military Mission« mit Militärgerät im NATO-Look ins Programm genommen. Früher wäre all dies allenfalls in Spezialgeschäften erhältlich gewesen. Doch seit ein paar Jahren sickert Kriegsspielzeug im überraschenden Umfang in die Sortimente der Hersteller und etablierten Handelsketten ein. »Mit den Militärmodellen haben wir auf Kundenwünsche reagiert«, erklärt Vera Exter von Siku. »Sie laufen gut und werden eifrig geordert, obwohl wir sie nicht bewerben.« Torsten Geller, Vorstand von Best-Lock, hat einen grundlegenden Wandel in der Branche ausgemacht: »Die Zustimmung ist eine andere als früher. Vor zwei, drei Jahren hörte ich von den Fachhändlern noch: ›Alles, was mit Krieg zu tun hat, darf ich mir gar nicht ins Regal stellen, das gibt Proteste.‹ Heute ist die Akzeptanz da. Bei den Händlern, die es bestellen, läuft es auch.« Für den Spielzeugmanager ist das eine positive Entwicklung: »Der Umgang damit ist gesünder geworden.« Von Thomas Röbke Foto: Attila Hartwig Hier kannst du weiterlesen.

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