Bla Bla Bla: Warum alle nur texten und keiner mehr zuhört

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Von: Gabriela Herpell (Text); Olaf Blecker (Foto) Vor einiger Zeit, als noch Boulevard Bio im Fernsehen lief, war ein 18-jähriges Mädchen, Katharina, zu Gast, das an Mukoviszidose litt. Katharina ist inzwischen gestorben. Damals, zu Bio, kam sie mit ihrem Freund. Alfred Biolek las eine Frage von seiner Karte ab: »Streitet ihr auch manchmal?« Katharinas Freund zögerte und antwortete schüchtern: »Schon.« Darauf Biolek, geistesabwesend: »Ach, ja, schön.« Das Publikum buhte, Biolek las die nächste Frage von seiner Karte ab. Hier hatte einer nicht zugehört, und das ärgerte die Zuschauer. Immerhin. Denn das Zuhören, darüber sind sich die Theoretiker einig, gerät ins Abseits in einer Gesellschaft, die immer selbstbezogener, schneller, effizienter ist, in der alle unter Druck arbeiten, lesen, essen, sprechen, Zuhören ist etwas Langsames, es signalisiert Interesse an der Welt, Interesse an anderen. Und widerspricht damit einer dominanten Kultur. Die Erinnerung schwindet, dass das Zuhören Bestandteil eines Lebens in der Gesellschaft ist. »Wenn jemand heute hören würde, dann – leider – vor allem in sich selbst hinein«, sagt die Berliner Erziehungswissenschaftlerin Christina Thürmer-Rohr. »Viele Menschen reden und reden und halten es für selbstverständlich, dass alle Welt ihnen zuhört.« Der Mensch, so scheint es, entwickelt sich im Laufe seines Lebens vom guten zum schlechten Zuhörer. Bei alten Menschen fällt auf, dass sie in der Regel nur noch reden und nicht mehr zuhören wollen. Und das liegt nicht bloß daran, dass ihre Oh-ren oft schlecht geworden sind, aber es verstärkt den Eindruck, dass sie das Zuhören verlernt haben. Zu Beginn des Lebens ist es genau anders herum: Zuzuhören ist die einzige Möglichkeit des Menschen, in Kontakt mit seiner Umwelt zu treten: Das Baby horcht auf die näher kommenden oder sich entfernenden Schritte der Mutter und entwickelt daraus eine erste Logik; es hört die vertraute Stimme, die zärtliche Laute von sich gibt und eine Sprache spricht; es erlernt diese Sprache dann selbst, indem es die Mutter imitiert. Das Zuhören ermöglicht Orientierung, erschafft einen Lebensraum, in dem das Baby sich geborgen fühlt, weil es die Geräusche wiedererkennt, die ihm immer vertrauter sind. Jedes Kleinkind hört begeistert Geschichten zu. Ich habe meinem Sohn, als er zwei Jahre alt war, sicher hundertfünfzig Mal den König der Löwen vorgelesen. Er hat mir auch beim hundertundfünfzigsten Mal hochkonzentriert zugehört und es sind ihm immer neue Fragen zu dem Buch eingefallen. Ich hingegen wusste manchmal nicht einmal, an welcher Stelle wir gerade waren. Zum Glück hat mein Sohn immer aufgepasst wie ein Luchs. Doch dann: Je älter das Kind wird, desto weniger hört es zu. »Gleich«, sagt mein Sohn, heute 14, wenn ich ihn um etwas bitte, und fängt an, etwas anderes zu tun. Erwidere ich, gleich heiße gar nichts, antwortet er: »Du sagst doch immer: gleich. Und dann passiert gar nichts.« Was stimmt. Wie häufig habe ich ihm höchstens halb zugehört, während ich Salat gewaschen, Socken aufgehängt, E-Mails gecheckt habe. Früher konnte er gar nicht genug bekommen von den Geschichten seiner Großmutter. Heute mault er, wenn die Oma zu Besuch kommt und man von ihm erwartet, dass er sich zu ihr an den Tisch setzt. Am liebsten würde er sich die Kopfhörer seines iPods aufsetzen und laut Musik hören. Und in gewisser Weise hat er sogar recht damit: Indem ein junger Mensch anfängt, nicht zu hören, löst er sich von den Eltern, widersetzt sich der Autorität, emanzipiert sich. »Wer nicht hören will, will möglicherweise nicht gehorchen«, sagt die Kulturwissenschaftlerin Ute Bechdolf. Hören – horchen – gehorchen, da besteht keine zufällige etymologische Verwandtschaft. Zuhörende waren seit je die, die auf andere hören mussten: Schüler, Gläubige in der Kirche, Frauen, Untergebene. Den zweiten Teil der Geschichte findest du auf sz-magazin.de.

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