Das Drama des Dschungels

Alle reden vom Klimawandel, von schmelzenden Gletschern, heißen Sommern und Wirbelstürmen. Um den Regenwald in Südamerika, einst das liebste Sorgenkind der Umweltschützer, ist es still geworden. Heißt das etwa, ihm geht es heute besser? Wir sind ins Herz des Dschungels gefahren und widmen dieser Expedition ein ganzes Heft. Ein Bericht aus Amazonien, der leider wenig Hoffnung macht.
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von Rainer Stadler (Text und Bild) Als unser Bootsführer nach zwei Stunden Fahrt den Motor ausschaltet, um Benzin nachzufüllen, wird zum ersten Mal klar, was der brasilianische Regenwald wirklich ist: Stille. 4,1 Millionen Quadratkilometer Stille. Kein tropisches Tollhaus, wie man es aus dem Zoo kennt oder den Tier- und Abenteuerdokus im Fernsehen: kreischende Papageien, schreiende Affen, heulende Wildkatzen. Auf dem Rio Negro, fünfzig Kilometer stromaufwärts von Manaus, summen nicht einmal die Mücken. Eine ganz und gar unerwartete Ruhe umgibt uns im Herzen des größten Dschungels der Erde. Verwirrt beginnt das Gehirn zu suchen nach irgendeinem Geräusch, dem Knarren eines Baumes am Ufer, dem Flügelschlag eines Vogels, dem Gluckern eines Wasserstrudels, dem zarten Hauch des Windes. Aber der stoische Wald und sein Fluss verweigern jedes Lebenszeichen.

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Illustration: Julia Schubert

Der Kontrast könnte kaum größer sein: soeben noch am Hafen von Manaus, typische Dritte-Welt-Stadt, dreckig, laut, überall Lautsprecher, die Latinomusik und die neuesten Sonderangebote auf die Straßen hinausbrüllen. Lautsprecher sogar vor den Kirchen, aus denen am Sonntag frühmorgens die Predigt dröhnt. Und nun auf dem Rio Negro eine Stille, wie man sie sonst nur in der Wüste erlebt. Der Rio Negro: einer der größten unter den 1100 Amazonas-Nebenflüssen, dreißig Kilometer breit an manchen Stellen. Links und rechts vom Boot zeichnet sich in blassem Grün der Wald am Ufer ab, der aus zwei oder drei Kilometern Abstand abweisend wirkt wie eine undurchdringliche Wand. Nach vorne Wasser bis zum Horizont, Wasser und Himmel, ein Ausblick wie auf dem offenen Meer. Die Regenzeit neigt sich dem Ende zu, der Wasserspiegel ist seit der verheerenden Dürre im Amazonasbecken vor zehn Monaten um 17 Meter gestiegen. Eben kam wieder ein Guss vom grauen Himmel, eine warme Dusche, bei dreißig Grad Lufttemperatur. Wir werden nass bis auf die Haut und schwitzen trotzdem. Etwas später erreichen wir unser Quartier, eine leer stehende Urwaldlodge am Ufer eines Seitenarms des Rio Negro. Die Sonne hat einige Lücken in die Wolken gefressen, der ganze Wald dampft und tropft. Direkt hinter der Lodge wuchert Dickicht, das gleichzeitig zu verrotten scheint. Schimmelgeflechte und Moose haben Bäume, Sträucher und Blätter in allen Farben überzogen, weiß, rot, grün, braun, schwarz. Dicke Lianen winden sich um die Stämme wie Würgeschlangen um ihr Opfer. Das diffuse Licht an diesem Tag unterstreicht den morbiden Charakter der Landschaft. Selbst bei strahlend blauem Himmel würde das Blätterdach der vierzig, fünfzig Meter hohen Bäume die meisten Sonnenstrahlen wegfiltern. Die Tierwelt präsentiert sich an Land kaum üppiger als zu Wasser, mit Ausnahme der absurd fleißigen Ameisenheere. Den ganzen Abend über ist nicht mehr zu hören als Froschgequake und vereinzelt der gellende Schrei des Tukans – ein schwarzer Spechtvogel mit einem überdimensionierten, bunten Schnabel. Henry Walter Bates, einer der großen britischen Naturforscher, schrieb 1863, die seltenen Schreie der Vögel verstärkten eher noch »das Gefühl der Einsamkeit« im brasilianischen Amazonasgebiet, »als dass sie ihm einen Hauch von Leben und Heiterkeit verleihen würden«. Der Mensch hat den Wald schon immer verehrt und gefürchtet: als Inbegriff der Natur, als Gegenwelt zur Zivilisation, als Heimat der Geister und Götter. Im Amazonas-Regenwald kommt noch hinzu, dass seine ungebändigte schöpferische Kraft keine Grenzen zu kennen scheint. Auf der Erde gibt es nur wenige Orte, die dem Menschen so deutlich vor Augen führen, wie klein und vergänglich er ist: das Himalaja-Gebirge, die Wüsten der Sahara, die Antarktis und eben der Amazonas-Regenwald. Die tiefe Ehrfurcht, die den Menschen bei ihrem Anblick erfüllte, drückt sich in den zahllosen Mythen aus, die sich um diese Orte ranken, und in den Beinamen, die er ihnen gab: Dach der Welt. Ewiges Eis. Grüne Hölle. Weiterlesen >> Das aktuelle Heft >>

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