Das Ende vom Lied

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Von: Max Fellmann 

In der Mitte des Films taucht plötzlich Herbert Grönemeyer auf. Es dauert einen Moment, bis man ihn erkennt, eine kleine Rolle, mit Perücke und Seniorenbrille, dann ist die Szene auch schon vorbei. »Mein Freund Herbert hat mir jahrelang gesagt, ich sollte Filme drehen. Also hab ich gesagt: Gut, mach ich, aber du musst mitspielen«, erzählt Anton Corbijn. »Außerdem war er einer von zwei Leuten, die mir geholfen haben, als mir auf halbem Weg das Geld für den Film ausging.« Der andere, erwähnt er, war Martin Gore, der Musiker und Songschreiber der Band Depeche Mode.

Im Gespräch mit Corbijn fallen oft solche Namen. Aber er will nicht einsehen, dass andere Menschen es als etwas Besonderes sehen, wenn man sich ein paar hunderttausend Euro bei richtigen Stars leiht. »Nein«, sagt er und schüttelt sacht den Kopf, »für mich sind das einfach Freunde. Ich rufe ja auch Bono an, wenn ich einen Rat brauche.« Und was rät der U2-Sänger so? »Er hat mal gesagt, ich müsse lernen, das Leben mehr zu genießen. Einer der wichtigsten Ratschläge meines Lebens.«

Das passt. Der Holländer wirkt nicht wie einer, der auf Partys singend den Bierkasten ins Wohnzimmer trägt. Ein Winternachmittag in Berlin, der Himmel so grau wie auf seinen Fotos, er trinkt Tee. Ein stiller Kerl, 52 Jahre alt, groß, leicht gekrümmt, schüttere Haare, schwermütige Augen. Kein Genießertyp. Dabei könnte er durchfeiern: Er ist der erfolgreichste Musikfotograf der Welt, durch seine Arbeit für Bands wie U2 und Depeche Mode selbst ein Star. Auch wer mit seinem Namen nicht sofort etwas anfangen kann – jeder hat schon einmal eins seiner Fotos gesehen. Bruce Springsteen, Johnny Cash, Nirvana, die Rolling Stones; würde man die Namen aller auflisten, die er schon fotografiert oder für die er Videos gedreht hat, wäre diese Seite voll. Corbijns Stil ist immer erkennbar, bei ihm sehen Stars oft staatstragend aus, ikonenhaft. Schwarz-weiß, körnig, oft ein bisschen düster, auf jeden Fall immer sehr ernst.

 

Corbijn redet sogar in Schwarz-Weiß. Amüsante Erinnerungen aus der jahrelangen Arbeit? Beeindruckende Begegnungen? Hm, also eigentlich, nein. Er überlegt, irgendwann fällt ihm Bob Dylan ein, ja, das sei nicht schlecht gewesen, den zu treffen. »Das Problem ist, ich kann nicht gut über diese Begegnungen sprechen, weil ich mit meinen Fotos immer etwas abschließe, verstehen Sie? Ich tauche in die Welt von jemandem ein, und das, was ich daraus mitbringe, sind keine Geschichten, sondern Bilder.«

 

Den zweiten Teil der Geschichte kannst du auf sz-magazin.de lesen.

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