Das Prinzip: Kopfhörer

Im Grunde ist es ein Rätsel, wie der Kopfhörer überhaupt zum modischen Accessoire werden konnte.
julia-rothhaas
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Von Tobias Kniebe

Denn eigentlich ist er doch dazu da, seine Träger von der Umwelt zu isolieren. Es geht um eine individuelle Klangwelt, die nur für eine Person gültig ist. Der globale Erfolg von iPod & Co. beweist, wie wertvoll es für den modernen Menschen sein kann, auf Reisen, auf dem Weg zum Arbeitsplatz, bei Spaziergängen und Einkaufstouren die akustische Welterfahrung einzudämmen und in den Kosmos der eigenen Lieblingsmusik abzutauchen. Wer diesen Schritt in die Innenwelt tut, denkt man, könnte doch auch die Mitmenschen im Grunde ignorieren: der perfekte Hörgenuss als Sache zwischen mir und meinen Ohren, an dem niemand sonst teilhat und dessen äußeres Erscheinungsbild auch niemanden etwas angeht.

Aber so ist es natürlich nicht: Die seinerzeit ungewöhnliche Farbe Weiß, die Apple für seine Ohrstöpsel wählte, lud sich in kürzester Zeit zum Code für Trendbewusstsein und Mobilität in Denken, Fühlen und Leben auf. Das ging so weit, dass Microsoft-Angestellte ihre iPods mit schwarzen Fremdkopfhörern bestückten, um nicht mit dem Weiß des Feindes am Arbeitsplatz gesehen zu werden, und Apple-Guru Steve Jobs sich im Jahr 2005 mit einem persönlichen Kondolenz-Anruf bei den Eltern eines 15-jährigen Jungen meldete, der in Brooklyn erstochen worden war, weil er seinen – an den Ohrstöpseln weithin sichtbaren – iPod nicht an eine Straßengang herausgeben wollte. Dazu kam eine Gegenbewegung, die sich von der technoiden Kälte und dem Miniaturisierungs-Optimismus des weißen Ohrstöpsels wieder distanzierte. Sie brachte riesige Secondhand-Kopfhörer zurück ins urbane Straßenbild, deren abenteuerliches buntes Marsmännchen-Design aber auch nicht viel mit dem Klang selbst zu tun hat: Ihre Botschaft ist genauso an die Umwelt gerichtet wie das Apple-Weiß.

 

Hier findest du den zweiten Teil des Prinzips auf sz-magazin.de

  • teilen
  • schließen