Der Albtraum-Killer

Chemischer Wirkstoff löscht Einzelheiten aus dem Gedächtnis
christina-waechter
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Illustration: Julia Schubert

Die Konsequenzen wären gewaltig, gelänge es, mit einer Chemikalie gezielt Erinnerungen aus dem Gedächtnis zu löschen. Traumatisierte Menschen könnten von belastenden Erlebnissen befreit werden. Aber auch Missbrauch wäre möglich. Was wie der Stoff für einen Hollywood-Thriller kling, ist Neurobiologen zumindest im Tierversuch mit Ratten soeben erstmals gelungen. Sie haben die Erinnerung an ein unangenehmes Erlebnis aus dem Gedächtnis gelöscht (Nature Neuroscience, online). Besonders daran ist, dass nur eine einzelne Erinnerung gelöscht wurde und das Gedächtnis ansonsten unbeeinflusst blieb. Den Versuchsratten wurden zwei verschiedene Musiktöne vorgespielt und gleichzeitig Elektroschocks verabreicht. Die Tiere lernten den Zusammenhang zwischen Schock und Ton und gerieten anschließend beim Erklingen der Töne in Stress, auch wenn der Elektroschock ausblieb. Um diese Erinnerung zu löschen, verabreichten die Wissenschaftler während einer der Töne zu hören war eine chemische Substanz mit dem Namen U0126. Später zeigten die Tiere keine Furcht mehr vor diesem Ton, wohl aber vor dem anderen, der nicht zu hören war, als die Substanz verabreicht wurde. Eine Erinnerung wurde gelöscht, während eine andere erhalten blieb. Wird also eine Erinnerung im Gehirn aktiviert und gleichzeitig U0126 verabreicht, kann diese Erinnerung selektiv gelöscht werden. "Es könnte wahrscheinlich auch mit sehr alten Erinnerungen funktionieren", sagt die Autorin der Studie, Valérie Doyère vom Nationalen Forschungszentrum in Paris (CNRS). Allerdings nur, wenn die Erinnerung aktiviert wird, während der Wirkstoff aktiv ist. Ein Ziel dieser Forschung könnte sein, Patienten mit posttraumatischem Stresssyndrom von quälenden Erinnerungen zu befreien. "Wenn man Prozesse versteht, die dazu führen, dass das Furchtgedächtnis gelöscht wird, hat man einen großen Schritt in Richtung Therapie getan", sagt der Physiologe Hans-Christian Pape vom Uniklinikum Münster. U0126 ist allerdings für Menschen nicht zugelassen, und Eingriffe in das Gedächtnis werfen schwerwiegende ethische und philosphische Fragen auf. Gleichzeitig treibt Forscher die Frage um, wie es überhaupt möglich ist, dass Erinnerungen ein Leben lang gespeichert bleiben, wo doch das Gehirn ständigen molekularen Veränderungen unterworfen ist. Zwei amerikanische Neurobiologen kamen bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage auf einen Prozess im Erbgut. Die sogenannte DNS-Methylierung, bei der Gene lahmgelegt werden, indem Methylgruppen an die Erbgut-Stränge angelagert werden, spielt offenbar eine wichtige Rolle bei der Speicherung von Erinnerung. Auch in ihren Versuchen versetzten Courtney Miller und David Sweatt Ratten Elektroschocks. Die Ratten lernten, diese Erfahrung mit dem Aufenthalt in einer kleinen Kammer zu verknüpfen (Neuron, Bd. 53, S. 857). Ratten jedoch, die vor dem Versuch einen Wirkstoff bekommen hatten, der die DNS-Methylierung verhindert, hatten später keine Erinnerung mehr an das Leiden in der Kammer. Während ihre Artgenossen später in den Kammern auch ohne Schocks Angst zeigten, verhielten sie sich furchtlos, auch wenn sie dort zuvor die Elektroschocks erlebt hatten. Wird die DNS-Methylierung blockiert, können Erinnerungen offensichtlich nicht gespeichert werden. "Die DNS-Methylierung kennen wir als Regulationsmechanismus bei embryonalen Zellen", sagt Courtney Miller. "Offensichtlich nutzen aber auch erwachsene Gehirnzellen diesen Mechanismus." Während der embryonalen Entwicklung sorgt die Methylierung dafür, dass sich Zellen spezialisieren, indem Gene an- oder abgeschaltet werden. In allen Zellen liegen zwar die gleichen Gene vor, sie sind aber nicht alle aktiv. Dieser Mechanismus scheint nun auch das Geheimnis der Erinnerung zu bergen. Autorin: Nora Eichinger, Bild dpa

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