Der planlose Papst

Das Unternehmen Kirche steht in der Kritik wie selten zuvor. Der Vorstnadsvorsitzende Benedikt XVI. erweist sich dabei als mäßig überzeugender Krisenmanager. Ein Porträt
jetzt-redaktion

Von Donna Leon Hallo, jemand zu Hause? Hört jemand zu? Liest man nach dem Tsunami an Enthüllungen über Kindesmissbrauch durch katholische Priester von den entsetzten Reaktionen der Menschen, dann fragt man sich, in welcher Welt diese Leute in den letzten Jahren gelebt haben. Auf jeden Fall saßen sie nicht am Tisch, als ihre Freunde von den grapschenden Fingern der Priester an ihren Schulen erzählten oder sich an die Forderung ihrer Beichtväter erinnerten, die ersten sexuellen Erfahrungen möglichst detailliert zu schildern. Sie scheinen auch nicht Zeitung gelesen zu haben, zumindest nicht in den letzten zwanzig Jahren.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Lasst uns also bitte nicht so tun, als wären wir überrascht, dass es seit Generationen auch Priester gibt, die kleine Kinder missbrauchen, okay? Und weil die Kirche vermutlich jeden Kritiker einen »Nazi« schimpfen wird, der behauptet, der aktuelle Papst habe davon gewusst, es sei ihm aber ziemlich egal gewesen, sollten wir dieses Thema als eine Art Wirtschaftsangelegenheit betrachten, denn mit nichts anderem als fatalem Missmanagement haben wir es hier zu tun. Am Ende ist Religion ein Geschäft. Menschen zahlen für eine Ware und verhalten sich im Gegenzug loyal gegenüber der Marke. Das wiederum schafft Arbeitsplätze für Millionen und bringt den Aktionären und leitenden Angestellten Profit ein. Das Hauptziel eines Unternehmens ist – nicht anders als bei einer Amöbe oder einem Pantoffeltierchen – das Überleben; danach erst kommt der Profit. Anzeige Stellen Sie sich also den Papst als Vorstandsvorsitzenden dieser Firma vor. Er war vielleicht nicht die erste Wahl, saß aber schon eine Weile im Vorstand, wo er sich durch Teamfähigkeit und Produktloyalität einen ganz guten Namen gemacht hat. Aber kurz nachdem er das Büro in der Chefetage bezogen hatte, tauchten diese peinlichen Fotos von ihm in Soldatenuniform auf (und wir alle wissen, welche Armee das war), dann schrie eine nervige italienische Zeitung in großen Lettern Pastore Tedesco, Deutscher Schäferhund, und in seinem deutschen Akzent klingt jede seiner Vorschriften über »l’importanza del bene« (die Wichtigkeit des Guten) wie »l’importanza del pene« (Penis). Und dann ging – genau wie in der Tabakindustrie – der Ärger erst richtig los. Man nehme sich also ein Beispiel an unseren Freunden in Amerika und bestreite alles, lasse Ärzte behaupten, dass Zigaretten harmlos sind, und säe dann Zweifel an den Motiven derer, die eine Verbindung zwischen Rauchen und Krebs ziehen. Wenn einem dann die Lügen um die Ohren fliegen, ziehe man die »Light«-Marken aus dem Hut, stelle aber weiter Zigaretten her und verführe junge Leute mit dem Charme des Rauchens. (Wie die katholische Kirche laut Donna Leon vorgeht, um möglichst unbeschadet aus den Missbrauchsaffären herauszukommen, kannst du hier lesen.)

Text: jetzt-redaktion - Foto: Contrasto / Laif

  • teilen
  • schließen