Die Jugend von morgen

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Von Hans Ulrich Gumbrecht (Text); dpa (Foto) 

Sie sind die erste Generation, die das Schreiben per Lehrplan-Beschluss auf den Tasten von Keyboards lernte, noch bevor sie einen Bleistift oder einen Kuli in die Hand nahmen; sie sind die erste Generation, welche sich wohl einsam und hilflos fühlen müsste in einer Welt ohne Elektronik, weil sie die Gegenwart der Elektronik nicht mehr als Privileg erleben, sondern als unvordenklich. Nun sind die Überflieger unter den Kindern der Bay Area um San Francisco in den Anfängervorlesungen der Universitäten angekommen, und die Colleges haben gerade noch rechtzeitig ihre Hörsäle präpariert. In keinem Raum fehlt mehr der Riesenbildschirm für PowerPoint-Präsentationen, und die Hörsäle sind durchgängig mit WLAN und genügend Steckdosen für Laptops ausgerüstet, was manchen Studenten die Möglichkeit gibt, Vorlesungen in wunderbar komplexen Gliederungen mitzuschreiben – und den anderen immerhin ungestörte Zeit für E-Mails und Computerspiele schenkt.

Seit der Manuskript-Kodex durch das gedruckte Buch und das Pergament durch Papier ersetzt worden sind, ja vielleicht seit der Erfindung der linearen Schrift mag es keine Generation gegeben haben, auf die mehr Innovationserwartung und Entwicklungskapital gesetzt wurde als auf die Kinder von Silicon Valley. Denn die Begründer der Moderne, die Entdecker Amerikas und die Feuerköpfe der Reformation, hatten ja auch zu den Ersten gehört, die mit einem neuen Medium, den gedruckten Büchern, aufgewachsen waren. Neben aller in ihr Leben gelegten Technologie sind die Kinder von Silicon Valley nun die Ersten, welche nicht mehr unter einer langfristigen Folge der Existenz mit Büchern leiden.

Ihre Eltern und Großeltern, wo immer sie geboren sein mochten, waren noch beeindruckt und sogar traumatisiert von der immer neu gemachten Entdeckung, dass ihr Leben, ihr Leben im Beruf zumindest, ausschließlich zu einem Leben des Bewusstseins werden konnte, sozusagen zur Erfüllung von Descartes’ Traum, dass Denken die einzige Wirklichkeit unserer Exis-tenz sei. Deshalb sehnten sie sich, wie schon ihre eigenen Ahnen und Urahnen, nach einer physischen Konkretheit des Alltags und der Wirklichkeit, an der man – im ganz wörtlichen Sinn – seinen Körper reiben konnte und die der analytischen Intelligenz körnige Trägheit entgegensetzte. Es war die Sehnsucht von Buch-Lesern, die eben in der Zeit von Descartes den frü-hen, ganz auf die Leistungen der menschlichen Sinne konzentrierten Materialismus erfand und ihn umsetzte in die Kritik an einer »entfremdeten« Kultur. Diese Klagetöne sind den Kindern von Silicon Valley so fremd wie die Walzer von Johann Strauß. Wenn sie je wandern oder Leistungssport treiben, dann gewiss nicht, weil sie glauben, dass es in ihrem Leben an physischer Konkretheit mangelt.

Den Rest des Textes findest du auf sz-magazin.de.

Ihre Eltern und Großeltern, wo immer sie geboren sein mochten, waren noch beeindruckt und sogar traumatisiert von der immer neu gemachten Entdeckung, dass ihr Leben, ihr Leben im Beruf zumindest, ausschließlich zu einem Leben des Bewusstseins werden konnte, sozusagen zur Erfüllung von Descartes’ Traum, dass Denken die einzige Wirklichkeit unserer Exis-tenz sei. Deshalb sehnten sie sich, wie schon ihre eigenen Ahnen und Urahnen, nach einer physischen Konkretheit des Alltags und der Wirklichkeit, an der man – im ganz wörtlichen Sinn – seinen Körper reiben konnte und die der analytischen Intelligenz körnige Trägheit entgegensetzte. Es war die Sehnsucht von Buch-Lesern, die eben in der Zeit von Descartes den frü-hen, ganz auf die Leistungen der menschlichen Sinne konzentrierten Materialismus erfand und ihn umsetzte in die Kritik an einer »entfremdeten« Kultur. Diese Klagetöne sind den Kindern von Silicon Valley so fremd wie die Walzer von Johann Strauß. Wenn sie je wandern oder Leistungssport treiben, dann gewiss nicht, weil sie glauben, dass es in ihrem Leben an physischer Konkretheit mangelt.

 

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