Die Krise und wir

Wie verändert sie uns, unser Denken, unser Leben? 85 Antworten aus Deutschland hat das SZ-Magazin eingesammelt.
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Illustration: Julia Schubert

Petra Henkel (39, im Bild), arbeitslos und alleinerziehende Mutter von zweijährigen Zwillingen: »Bis jetzt macht mir die Krise keine Angst. Wenn man nichts hat, kann man auch nichts verlieren.« Erdmut Wegmann (70), Pensionärin: »Ich bemerke mit Bedauern, dass die Containerschiffe auf der Elbe teilweise nur noch zu einem Drittel beladen sind. Das ist mir neu und schlecht für Hamburg.« Wolfgang Joop (64), Modeschöpfer: »Mich beunruhigt nur die Krise der Herzen. Die Wirtschaftskrise dagegen wird zeigen, wer Herzensstärke hat und damit zum Gewinner wird. Ich mache Kunst jetzt selbst, statt sie zu kaufen.« Anton Forster (52), Florist: »Blumen sind ein Luxusartikel. An Weihnachten und auch jetzt zum Valentinstag hatten wir 60 bis 70 Prozent Umsatzeinbußen im Vergleich zum Vorjahr. Viele Kunden kaufen nun auf Rechnung - bezahlt wird aber selten sofort. Zwei bis drei Mahnungen sind normal geworden. Wenn das so weitergeht, sehe ich mich in fünf Jahren unter der Brücke.« Jutta Damm-Zinser (59), Goldschmiedin: »Wenn ich mir die jungen Leute anschaue: Die wuseln wie verrückt. Die 80er-Jahre waren toll, die 90er auch noch. Aber jetzt wuseln auch wir Alten wieder wie verrückt.« Angela Jürgens (24), Angestellte in einem Sonnenstudio: »Ich merke, es gibt auf einmal überall Rabatte. Sogar bei teuren Sachen, bei Markenartikeln, bei Autos. Mir macht das Angst: Wenn alles verschleudert wird, verliert ja alles an Wert.«

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Rolf Herdegen (36, im Bild), Boutiquenbesitzer: »Am schlimmsten war es im November bei den Horrormeldungen, da ist der Umsatz rapide abgestürzt - mittlerweile ist, glaube ich, das Schlimmste überstanden. Wir jammern alle auf hohem Niveau. Ich habe meine Teilzeitkraft entlassen und eine kleinere Wohnung gesucht. Ich hatte Pläne, auf Mallorca einen Laden aufzumachen - aber dort sieht es auch nicht gut aus. Also: erst mal abwarten. Mein Plan B: In die Schweiz gehen und dort als Angestellter arbeiten. Mein Plan C: Nach Berlin gehen, eine Ein-Zimmer-Wohnung nehmen und von Hartz IV leben.« Eva Fetzer (49), Leiterin einer Stadtbibliothek: »Unsere Regale sind voll mit Büchern über Aktien und Geldanlage. Aber die sind ausgerechnet jetzt richtige Ladenhüter.« Dieter Wedel (67), Regisseur: »Ich habe im letzten Sommer alle Aktien verkauft, weil ich die Immobilienkrise in Amerika heraufziehen sah. Leider bin ich der Empfehlung eines Freundes gefolgt und habe Geld bei einem Schweizer Vermögensverwalter angelegt. Obwohl ich ihn beauftragt habe, nur ein minimales Risiko einzugehen, hat er gemeinsam mit einer renommierten Schweizer Bank meine Unterschriften gefälscht und alles verzockt.« Stephan Lipke (33), jesuitischer Seelsorger: »Das Schlimmste wäre, wenn durch die Krise Vertrauen und Hilfsbereitschaft kaputtgehen würden.« Erwin Huber (62), Politiker: »Ich fahre in Dingolfing am BMW-Werk vorbei, und es ist Stillstand. Ich treffe am Heimatort Fachkräfte, die auf Kurzarbeit sind. Sie sind erstaunlich gefasst.« Sebastian Turner (42), Chef der Werbeagentur Scholz & Friends: »Neulich treffe ich am Bahnhof einen Chefredakteur, nettes Gespräch am Bahnsteig, das man auf der Fahrt gut fortsetzen könnte. Er: ›Ich muss jetzt in die zweite, Sie fahren doch sicher noch erster Klasse.‹ - ›Nee, ich fahr immer zweiter.‹ Es wurde ein nettes Gespräch im Zug. Und dann noch ein interessantes Wahrnehmungsphänomen: Ein Restaurant erscheint leer. Vor einem halben Jahr hätte man gedacht: Ist der Laden neu oder überteuert oder ist der Koch schlecht? Jetzt denkt man: Ja klar, die Krise.« (Fotos: Konrad R. Müller) Weiterlesen auf sz-magazin.de

Text: max-scharnigg - Fotos: Konrad R. Müller

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