Die Nippel der Welt

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Text: Susanne Frömel; Fotos: Wiebke Bosse »Sie dürfen unsere Namen nicht aufschreiben«, sagt die Frau gleich am Anfang, »wir sprechen nur, wenn wir anonym bleiben.« Es ist komisch, wenn man diesen Satz in einem Raum eines kirchlichen Gemeindezentrums hört. Noch seltsamer ist es, wenn dieser Raum mit gemütlichen Matten ausgelegt ist. Ein wenig Spielzeug liegt herum. Davon abgesehen, dass auf den Matten kreisförmig Kissen ausgebreitet sind, deutet nichts darauf hin, dass hier gleich ein Treffen stattfinden wird. Erst recht keines, dessen Inhalt der Geheimhaltung bedarf. Orte, an denen sich Menschen wie Don Vito Corleone oder John Gotti treffen, sehen anders aus. Trotzdem denkt man sofort: Aha, es stimmt also doch, was man hört. Die sind hier tatsächlich wie die Mafia. Sechs Frauen bewegen sich im Raum, manche sitzen, manche stehen und jede hat ein Baby oder wenigstens ein Kleinkind bei sich. Zwei von ihnen sind Laktationsberaterinnen der »La Leche Liga«, sie zählen also nicht richtig, weil sie schon wissen, worauf es ankommt. Abgesehen von den Matten, dem Kissen und dem Spielzeug ist der Raum nahezu leer. Nur auf einem flachen Regal in einer Ecke des Zimmers steht eine Kiste voller Bücher. In der Kiste stecken die Standardwerke. Bücher im Namen der Sache, zum Ausleihen. Für ein Still-Treffen braucht man ja auch nicht viel Equipment, eigentlich nur jeweils zwei Brüste und ein Kind. »Sind wir uns da einig, was die Anonymität betrifft?« Man kommt sich ein wenig bescheuert vor. Schließlich geht es doch nur um ein bisschen Milch. Allerdings ist aus dieser Milch, genauer: Muttermilch, in bestimmten Kreisen in den letzten Jahren mehr geworden als ein Nahrungsmittel für kleine Menschen. Der im Grunde simple, recht schnörkellose Prozess des Die-Brust-Gebens ist zu einer Weltanschauung herangewachsen, und wehe der Frau, die es wagt, anderer Meinung zu sein, als der, dass man ein Kind stillen muss, und zwar am besten, bis es sich eigenhändig Stullen schmieren kann. Aus einer radikalen Splittergruppe, die man anhand ihrer Batik-T-Shirts und den langen Röcken ausmachen konnte, ist eine gesellschaftliche Unterströmung geworden. Heute sind sie viele. Sie tragen enge Leibchen von Bellybutton in dezenten Farben und praktische Hosen. Sie sind überall. Ihre Meinung klebt fester als angespeichelte Reiswaffeln, sie sind besessen von dem Glauben, wer nicht stillt, könne seinem Kind schließlich ebenso gut eine Flasche voller Tütensuppe verabreichen. Die Waffe dieser Mütter ist die gesellschaftliche Ächtung. Wenn jemand eine Flasche anstelle seiner Brust auspackt, heißt es: Leon, geh da weg! Es gibt Leute, die sprechen in diesem Zusammenhang von Still-Faschismus. Andere nennen sie Still-Nazis. Man muss mit solchen Begriffen aufpassen, vor allem, wenn Eva Herman mitmischt. »Ach ja, Eva Herman«, sagt die eine Laktationsberaterin nun. »Ein tolles Buch. Vielleicht das Beste überhaupt.« Das Buch von Eva Herman heißt Vom Glück des Stillens. Ursprünglich ist das Buch als Plädoyer für die Ernährung des Kindes mit der Brust gedacht, aber inzwischen ist es eine Kampfschrift für die Bewegung geworden, Propagandamaterial. »Beim Stillen erlebt die Mutter nicht nur mütterliche, fürsorgliche Gefühle, sondern durchaus auch erotische«, schreibt die Autorin etwa. Aber auch: »Nichtstillen darf keine Schuldgefühle verursachen.« Vielleicht ist es Eva Hermans Schicksal, immer ein bisschen anders verstanden zu werden. Wer noch nie bei einem Still-Treffen war, muss sich das vorstellen wie eine Art Supervisionssitzung. Eine Frau formuliert ihre Probleme und hofft auf eine gemeinschaftliche Lösung. Lies weiter bei den Kollegen vom SZ-Magazin: "Er hat schon Zähne und ich Angst, dass er mich beißen wird."

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