Ein bisschen krass muss sein

Bushido, Sido, Fler: Die Rapper des Plattenlabels Aggro Berlin galten jahrelang als Bürgerschreck, heute sind sie längst salonfähig. Aber in ihren Texten bleibt erhalten, was sie wie sonst niemand auf den Punkt gebracht haben: das manchmal brutale Lebensgefühl der Nullerjahre.
max-scharnigg

Bushido hat es weit gebracht. In dieser Woche läuft der Film "Zeiten ändern dich" an, ein von Bernd Eichinger geschriebenes, von der Lebensgeschichte Bushidos inspiriertes »modernes Märchen«, wie es heißt; besetzt mit Moritz Bleibtreu, Hannelore Elsner, Uwe Ochsenknecht. Bushido ist vom Kinderzimmerschreck zum Popstar aufgestiegen. Bald möchte er ein zweites Buch schreiben, nachdem seine Biografie schon in den Bestsellerlisten gelandet ist: Ein Buch über Frauen soll es werden. Und sogar die CSU flirtet mit dem Gangsterrapper: Horst Seehofer erklärte vor Kurzem, er könne sich gut einen Wahlkampfsong von Bushido vorstellen.

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Illustration: Julia Schubert

Es war ein langer Weg in den deutschen Massengeschmack. Er begann bei einer Plattenfirma, die ihren Betrieb vor ein paar Monaten eingestellt hat: »Aggro Berlin«, einstmals Deutschlands härtestes Label, das Rüpelrapper wie Sido, Bushido, Fler, B-Tight oder Tony D. hervorgebracht hat. Die Geschichte von Aggro Berlin ist gleichzeitig eine Skandal- und eine Erfolgsgeschichte; sie handelt vom Werden und Vergehen einer Jugendkultur, die viel über das letzte Jahrzehnt in Deutschland aussagt. Die Büroräume von Aggro Berlin gibt es immer noch, in einem Berliner Hinterhofgebäude in Kreuzberg. Sie sehen nicht so aus, als habe man sich hier einmal das Böse ausgedacht: Eine Kaffeemaschine hustet Milchschaum heraus, und auf dem Tisch liegt eine Packung Babywindeln – einer der Mitarbeiter ist Vater geworden. Von diesem Büro aus haben die Erfinder des deutschen Gangsterrap, die nur Spaiche, Specter und Halil genannt werden wollen und heute Ende dreißig sind, im letzten Jahrzehnt das Land in Atem gehalten: die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, Eltern, die Bild-Zeitung, Jugendforscher. Plötzlich war deutscher Rap nicht mehr niedlich, wie jener der Fantastischen Vier, sondern öffnete ein Fenster in eine Welt, in der es Rütli-Schulen gab und eine neue Unterschicht, die nicht mehr still sein wollte, sondern stolz, laut und schmutzig. Die Geschichte von Aggro Berlin beginnt an einem Herbsttag in Berlin im Jahre 2001, als der ehemalige Profi-Breakdancer Spaiche, groß, blond, beide Unterarme tätowiert, und der feingliedrige Specter, ein Graffitisprüher und Grafiker, in ihren verbeulten Golf steigen, um ein paar Jungs zu finden. Sie kennen bis dahin nur die Stimmen dieser Jungs, die sie auf einer Musikkassette gehört haben, unten in den kalten Räumen des Plattenladens »Downstairs« in Schöneberg; den betreibt ihr Freund Halil, ein Berliner Deutschtürke. Im Downstairs können Rapper Kassetten mit selbst gemachter Musik abliefern, und wenn sie Glück haben, kauft sie jemand für ein paar Mark. Eine Kassette ist besonders: Die Musik darauf klingt brutal. Die Jungs rappen über ihre Geschlechtsteile, das Kiffen, das Leben als Sozialfall; sie benutzen Wörter wie »Schlampe« oder »Pussy« wie Kaugummi, ganz nebenbei. Keiner kennt diese Jungs. Nun aber haben Spaiche und Specter einen Tipp bekommen: Sie sollen es im Wedding versuchen, in der Müllerstraße. Sie finden die Rapper in einer Sozialwohnung ohne Heizung, zu acht, zwischen Sperrmüllmöbeln und vollen Aschenbechern. Dort sitzen sie, ungewaschene Pullis übereinandergezogen gegen die Kälte, Joints im Mund. »Wir wollen mit euch eine Plattenfirma gründen«, sagten Specter und Spaiche damals. Heute ist einer der Jungs aus der Absteige der zweite große Rap-Star in Deutschland: Sido, der zu Anfang seiner Karriere mit einer Totenkopfmaske auftrat. Bushido, der seine Kassetten auch im Downstairs abgegeben hatte, unterschrieb wenig später bei Aggro Berlin. Damals, sagt Spaiche, war Aggro eine Familie. Kaum einer der Rapper hatte ein Konto oder eine Krankenversicherung. Specter, Spaiche und Halil verhandelten mit Sozialämtern, legten Steuergelder zurück, und sie buchten am Ende sogar einen kompletten Fahrschulkurs für ihre Rapper. »Fast jeden Tag saßen wir beieinander und hatten Ideen, bis morgens um acht«, sagt Sido heute. Specter, der Grafiker, lieferte das ästhetische Konzept dazu. Für jeden Rapper dachte er sich eine extreme Werbestrategie aus, wie man sie vom amerikanischen Gangsterrap kennt: Sido wurde zum Maskenmann, Bushido zum gefährlichen Vorstadtkanaken, B-Tight zum frauenfressenden Schwarzen, Fler zum Überdeutschen mit Steinadler auf dem Arm, Tony D. ein bulliger Psycho: »Supermann-Outfits« nennt Specter diese wie im Comic überzeichneten, oft befremdlichen Profile. Er entwarf das Tattoo-Logo an Bushidos Hals wie auch Sidos Maske. Die Plattencover und Specters Videos dazu sahen aus wie eine Mischung aus Comics, Playstation-Spielen und Sex- und Horrorfilmen – also aus allem, was Jugendliche mögen. Die Aggro-Rapper hauten auf Randgruppen, die Kirche, Frauen, andere Rapper, aber auch auf Hartz IV, saufende Eltern, das Leben als Ausländer; wie selbstverständlich verhandelten sie dabei die prägenden Themen der sogenannten Nullerjahre: Integration, soziale Ungleichheit, Armut, der Moloch Berlin. Sie verhandelten dies in der Sprache, die Jugendliche auf Berliner Kiez-Schulhöfen sprechen. B-Tight, selber halb schwarz, rappte: »Wer hat das Gras weggeraucht – der Neger! Wer haut dir den Penis in den Bauch – der Neger!«, als Anspielung auf Vorurteile gegen Schwarze: Tabubruch und Gesellschaftskritik in einem. »Wir haben den Grenzgang gepflegt«, sagt Specter. Bald wurden Aggro-Berlin-Veröffentlichungen auf vielen Schulhöfen gehandelt wie heiße Ware: Von den 60 Alben erhielten fünf Goldstatus – allerdings dürfen auch sechs nicht mehr an Jugendliche unter 18 Jahren verkauft werden. 2004 bekam Bushido ein Angebot vom Entertainment-Giganten Universal und beendete seinen Vertrag mithilfe von ein paar Arabern, die er seine »Beschützer« nennt. Mit Sido aber konnte Aggro Berlin als erste unabhängige Hip-Hop-Plattenfirma einen Nummer-eins-Hit platzieren. Bald wurde das Label zum Mittelpunkt einer ganzen Jugendkultur: Von überall her reisten Fans an und hingen im Hof des Büros ab, um auch ein bisschen »aggro« zu sein. Weiterlesen auf sz-magazin.de

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