Gegen die Wand

David Lama,16, ist der vielleicht talentierteste der jungen Kletterer. Jetzt muss er sich in der Erwachsenenwelt beweisen. von TOBIAS HABERL, Foto: OLAF UNVERZART
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Illustration: Julia Schubert

Bist du ein guter Schüler?

Gut genug.

Willst du nach dem Gymnasium studieren?

Ich wüsste nicht, was.

Weil dich nichts außer Klettern interessiert?

Ganz genau.

Woran denkst du beim Klettern?

Ans Klettern.

Das Gespräch mit David Lama beginnt zögerlich, wird schleppend, irgendwann sagt er fast gar nichts mehr, nickt nur noch oder schüttelt den Kopf, spielt an seinen verhornten Fingerkuppen und scheint ganz abgetaucht zu sein an einen Ort, den niemand kennt außer ihm selbst.

Hat Klettern mit Religion zu tun?

Ich bete nicht. Definitiv nicht.

David Lama ist nicht unhöflich oder arrogant. Er vermittelt einem nur das Gefühl, dass man nicht mehr über ihn erfährt, indem man sich mit ihm unterhält. Sprache ist Ballast für ihn. Und wenn es überhaupt etwas gibt, was er über sich erzählen könnte, dann will er es auf seine Weise tun.

Die Martinswand in Zirl, Nähe Innsbruck – seine Heimatwand. Beim Aufstieg ist David Lama vollkommen in sich versunken, als könnte sich jeder einzelne Teil seines Körpers unabhängig von den anderen konzentrieren. Seine Beine scheinen sich Zeit zu lassen beim Gehen, seine Augen beim Schauen. Oben, direkt vor der Wand, kann man ihm zusehen, wie er die Karabinerhaken einen nach dem anderen in die Schlaufe seines Sicherheitsgurtes steckt, wie er mit den Handflächen die Schuhsohlen sauber streicht, sodass kleine Magnesiumwölkchen davonfliegen. Erst suchen seine Finger an einem winzigen Vorsprung Halt, dann zieht er den Körper in einem Millisekunden-Kraftakt nach oben – eine Szene, so geräuschlos, als wäre sie aus einem Stummfilm, präzise, mit großer Ruhe, doch voller Energie. Genau jetzt hat man eine kleine Chance zu begreifen, wer dieser Junge ist, wie er funktioniert, was ihn antreibt, woran er glaubt. Warum man fast ein bisschen neidisch auf ihn wird, wenn man verstanden hat, dass da einer schon als Kind etwas gefunden hat, wofür er lebt.

David Lama ist Freeclimber, einer der besten der Welt, vielleicht sogar der beste. Das Verblüffende: Er ist gerade erst 16 geworden, nur 165 Zentimeter groß und 55 Kilogramm schwer. Seine Konkurrenten sind zwischen 20 und 30, ausgewachsene Männer, die in diesem Jahr vor dem großen Problem stehen, dass David Lama aus Götzens, Sohn einer Österreicherin und eines Nepalesen, zum ersten Mal bei den Erwachsenen mitklettern darf.

Seit David Lama im Alter von sechs Jahren von der Bergsteigerlegende Peter Habeler bei einem Kinderkletterkurs entdeckt wurde, hat er fast jeden Wettbewerb gewonnen, wurde Jugendeuropameister, Jugendweltmeister. Aber ob er sich in der Männerkonkurrenz würde behaupten können, das war bislang die große Frage in der Kletterszene, auf die David Lama seit Wochen Antworten gibt. Bei seinem ersten Erwachsenen-Weltcup in Belgien wurde er Zweiter, den folgenden in Dresden gewann er. Gerade kommt er von der Herren-Europameisterschaft in Ekaterinburg in Russland. »Da habe ich auch gewonnen«, sagt er, wieder knapp und schnoddrig. Der Pokal steht im Wohnzimmer der Eltern. Es ist einer der wenigen, die ihm so viel bedeuten, dass er ihn behalten hat. »Die meisten hat er an den Vereinstrainer in Innsbruck weggegeben«, erzählt die Mutter, »damit der neue Schildchen draufmachen und sie für regionale Wettkämpfe wiederverwenden kann.«

 

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Illustration: Julia Schubert

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