Gestatten, meine Namen sind ... Der TKKG-Autor über seine Pseudonyme

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SZ-Magazin: Wie möchten Sie gern angesprochen werden? Rolf Kalmuczak: Am liebsten mit meinem Namen. Aber mit welchem? Laut Eymers Pseudonymen-Lexikon heißen Sie Joe Adler, Claus Alden, Thomas Alden, Ralf Berger, Don Boston, Frank Burger, Fred Burger, Ralph Burger, Red Burger, John Cain, Ray Carson, Henry Carter, Norbert Clausen, Pat Clifford, Cliff Collins, Glenn Collins, Christian Conradi, Cliff Corner, Jerry Cotton, Cecil Count, Perry Dayton, Sefton Deal, Ralph Decker, Harry Delson, Cliff Dexter, Herb Diary, Mike Donner, Alec B. Dorn, I. Dorn, Frank Douglas, Lionel Dust, Sebastian Eich, Robert Falck, Hector Falk, Robert Falk, Pierre Farot, Helga Fechner, Claus Fellner, Jean-Pierre Ferrer, Henri Ferier, Georg Fleiden, Tobby Hammer, Jörg Heldt, Martin Hillenburg, Bert Hillsen, Norbert Hofberg, Udo Horsten, Pierre Jolas, Robbie Kellog, Robert Kellog, Thomas Kolber, Frank Lambert, Tony Lambert, Robert Loewen, Michael Martin, Phil Moreno, Thomas Ness, Tim Norden, Henry Orlik, Jens Orlik, Frank Orloff, Ted Owens, Fred Parker, Robert Paulsen, Fred Plogau, Ross Randall, Rolf Reiher, Simon Remple, Peter Schadeck, Siggie Seon, Claus Stein, Sebastian Stern, Erik Stettner, Evan Surbank, Martin Tänzer, Peter Trenk, Allan Turner, Marcello Venerdi, Martin Vondrey, Thomas Wank, Tim Wells, Martin Welz, Stefan Welz, Thomas Welz, Michael Wilkow, Stefan Wolf und Bert Wolfgarten. Mein richtiger Name fehlt in der Aufzählung. Mir wäre es am liebsten, wenn Sie mich Kalmuczak nennen würden. Warum nennen Sie sich dann nicht selbst so? Die Pseudonyme brauche ich nur für meine Arbeit. Und die meisten sind schon sehr alt. Viele habe ich nur einmal benutzt. Wie viele Titel sind unter einem Ihrer Namen erschienen? Ich habe bis heute - alles in allem - 400 bis 500 Romane geschrieben, davon knapp 150 Jugendbücher, dazu ungefähr zwei oder drei Dutzend Illustriertenromane, 110 Hörspiele und zirka 2700 Kurzgeschichten. Also kommt man auf weit mehr als 3000 Veröffentlichungen. Sie veröffentlichten auch als Jerry Cotton. Ja. Mein allererstes Pseudonym war Jerry Cotton. Das ist aber ein Sammelpseudonym. Das gebe ich kaum an. Nur noch der Vollständigkeit halber. Wie wurde aus Ihnen der Mann der Pseudonyme? Das hat so ungefähr vor 35 Jahren angefangen. Ich war damals Journalist. Eines Tages kam ein Angebot von Lübbe, das war damals noch ein ganz kleiner Verlag. Der Chef dort bot mir einen Job als Redakteur an. Es ging darum, Romane zu redigieren. Ich habe Jerry Cotton bei einer Auflage von 40000 Exemplaren übernommen und in fünf Jah-ren mit denselben Autoren auf 500000 hochgebracht. Zuerst habe ich denen die Treatments geschrieben, Handlungsskizzen, und wurde irgendwann einer von mehreren Jerry Cottons. Mit Anfang Dreißig habe ich mich selbständig gemacht.

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Illustration: Julia Schubert

(Foto: dpa) Wie kam es zu der inflationären Vermehrung der Pseudonyme? Ich hatte damals einen Vertrag mit dem Agenten Ferenczy. Über den habe ich meine Geschichten verkauft. Ich habe alles mögliche geschrieben: populärwissenschaftliche Serien, Agententhriller, Schmalzromane, wirklich jeden Kitsch. Wenn die Sachen erfolgreich waren, wollte die Quick , die Revue oder die TV Hören und Sehen den Autor exklusiv an sich binden. Auf diese Weise hatte ich sieben Exklusivverträge. Und das können Sie nur mit Pseudonym machen. Sie haben die Pseudonyme gebraucht, um vertragsbrüchig sein zu können. Wenn Sie das so ausdrücken wollen, ja. Aber ich habe keinem weh getan, denn ich habe nie eine Story doppelt verkauft. Es ging wirklich nur darum, nicht in mehreren Heften mit demselben Namen zu firmieren. Sie haben sich aber selbst Konkurrenz gemacht. Das war ein Problem. Einmal sitze ich bei einem Chefredakteur, und dieser Kerl, ein ziemlich arroganter Typ, schmeißt mir ein Konkurrenzblatt rüber. Er sagte: Schauen Sie sich das mal an! Können Sie das? Ich habe draufgeguckt und gesagt: Ja, das kann ich. Die Geschichte war nämlich von mir. Haben Sie nicht irgendwann den Überblick verloren? Über die Arbeiten nicht, nur über die Namen. Ich mußte mir ständig neue ausdenken. In den Redaktionen gab es jedes Vierteljahr irgendeinen neuen Wichtigtuer. Der sagte: Wir brauchen jetzt Romane für die Frauen von zwanzig bis 28. Und deshalb brauchen wir einen neuen Autor. Meistens wußten die gar nicht, daß ich der neue Autor war. Mit jeder neuen Idee, jeder neuen Reihe kam ein neuer Name. Wer inspirierte Sie zu solchen lustigen Namen wie Robbie Kellog? Die meisten gibt es wirklich. Ich habe ein New Yorker Telephonbuch von 1952, das ich häufig für Krimis verwende. Krimis bekommen immer amerikanische Autoren? Die besten Krimis sind von Amerikanern wie Raymond Chandler. Da hat man sich gern drangehängt. Einmal wechselten Sie sogar die Seite und tauften sich Helga Fechner. Ja, das mußte sein. Das waren Themen wie "Meine böse Schwiegermutter", geschrieben aus dem Herzen einer gequälten Frau. Dann gibt es Namen, die eher jung wirken: Sebastian Stern oder Jörg Heldt. Ja, das könnte was für die Bravo gewesen sein. Ich habe Kurzkrimis für Jugendliche geschrieben, wo der Held ein Zwanzigjähriger war. Da habe ich dann diese Pseudonyme untergebracht. Die Zielgruppe ist alles, dazu muß auch das Pseudonym passen. Wie lautet zum Beispiel ein Pseudonym für einen richtig guten Liebesroman? Den würde eine Frau schreiben. Der Name müßte den weichsten Vokal enthalten, der den größten Schmelz vermittelt - das a. Julia ist ein unnachahmlicher Name. Marie-Louise vom Ammerwald klingt auch prima. Überhaupt sind Adelstitel sehr gut. Wie Moritz von Uslar? Sehr geeignet. Das klingt nach großem Konfliktroman. Sehr gut. Ihr erfolgreichstes Pseudonym dürfte Stefan Wolf sein. Der schreibt die Serie TKKG . Wolf ist einer der prominentesten Autoren Deutschlands. Sein Bekanntheitsgrad liegt in der Zielgruppe bei hundert Prozent. Ihr Verlag weist darauf hin, daß Sie in Deutschland mehr Platten verkauft haben als Michael Jackson. Ja, das stimmt. Es sind insgesamt mehr als 21 Millionen Tonträger, die größte Jugend-Hörspielreihe der Welt. TKKG ist ein Konzern. Schreiben Sie das wirklich alles selbst? Ehrenwort, ja. Es gibt die Bücher, die Hörspiele, eine CD-ROM, eine Fernsehserie und einen Kinofilm. Bei dem hat mir aber meine Frau geholfen. Sie ist sehr talentiert. Bei so vielen Veröffentlichungen muß man fragen: Sind Sie ein Schundautor? Ich bin gar nicht beleidigt. Jerry Cotton lief und läuft immer noch unter dem Etikett Trivialliteratur. Das ist pure Unterhaltung. Auch für die Illustriertenromane traf das ganz sicher zu. Wenn man dasselbe allerdings von meiner jetzigen Arbeit behaupten würde, wäre ich schon gekränkt. Dagegen würde ich mich wehren. Aber Sie haben nie einen wirklich langen Roman geschrieben. Etwas, das man große Literatur nennt. Darauf und auf die Länge eines Buches kommt es auch gar nicht an. Übrigens bringt es ein Illustriertenroman mit 18 Folgen schon so auf 250 Manuskriptseiten. Aber mehr als zweihundert Seiten sind nicht so gefragt. Wir nennen dieses Maß in der Verlagssprache einen Ziegelstein. Würde es Sie gar nicht reizen, einmal unter Ihrem richtigen Namen zu veröffentlichen? Ich würde gern, aber irgendwie geht es nicht. Ich wollte mal einen historischen Roman schreiben. Es war schon alles recherchiert, aber ich scheiterte daran, daß ich Hemmungen hatte, die Figuren reden zu lassen. Lasse ich sie sprechen wie wir heutzutage? Lasse ich sie reden, wie Luther die Bibel übersetzt hat? Nehme ich die Sprache aus der Barockliteratur? Das wäre immer haarscharf daneben. Ich kriege das nicht fertig - ich habe zuviel Respekt davor. Aber das wäre doch endlich mal die Chance für einen Autoren, der schon sehr viele Bücher verkauft, auf die Spiegel-Bestsellerliste zu kommen. Mag sein, vielleicht denke ich langsam an mein Alterswerk. Unter Rolf Kalmuczak werde ich es aber bestimmt nicht schreiben. Kalmuczak ist kein Name. Autor: Philipp Bestier

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