"Ich bin die beste Nutte, die es gibt."

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SZ-Magazin: Frau Roche, Ihr Roman Feuchtgebiete hat sich bis heute mehr als eine Million Mal verkauft und wird in 26 Sprachen übersetzt. Sie sind dreißig Jahre alt. Was macht eine wie Sie jetzt? Charlotte Roche: Ich weiß es auch nicht. Das hat mich so überrollt, zu meiner großen Freude, aber auch zu meinem tiefsten Erschrecken. Ich bin im Schockzustand. Ganz viele Freunde sagen mir, ich könnte mit einem nächsten Buch nie mehr an diesen Erfolg anknüpfen. Aber das kann ja wohl auch nicht das Ziel sein. Schreiben für Verkaufszahlen, ach. Aber jetzt bin ich sowieso so was von versaut, das gibt's kein zweites Mal. Ich komme mir so vor, als hätte ich einen Weihnachtshit gelandet. War dieser Erfolg überhaupt das, was Sie wollten? Nein. Es gibt ganz viele, die denken, ich hätte das geschrieben, um so einen Erfolg zu landen. Blödsinn. Ich werde behandelt wie eine Art Kräuterhexe, die die Formel gefunden hat. Sogar Schriftsteller flüstern mir zu: »Wie hast du das gemacht?« Aber das ist alles viel unschuldiger, als alle denken. Es gab nie einen Plan. Haben Sie sich manchmal totgelacht angesichts der ganzen Aufregung, die Sie ausgelöst haben? Nein, ich bin kein Zyniker, der mal einen Brocken Fleisch in die Arena geworfen hat und jetzt zuschaut, wie die da unten sich darum streiten. Übrigens habe ich ja keinen einzigen Artikel über mich gelesen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Sie werden die Aufregung trotzdem mitbekommen haben. Am Rande, ja. Aber was genau geschrieben wurde, das weiß ich nicht. Unter den unzähligen Artikeln waren welche dabei, von denen ich kein Wort verstanden habe. Das haben mir Freunde auch so gesagt. Mein Buch sei verglichen worden mit irgendwelchen Päpsten und Autoren, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Ich hörte oft den Satz: »Dieses Buch, über das der Journalist geschrieben hat, das hättest du gern geschrieben.« Sie haben auch Hass auf sich gezogen. Mit dem Hass hatte ich schon vorher gerechnet. Womit ich nicht gerechnet hatte, war dieser intellektuelle Hype und diese totale Liebe, die mir plötzlich von so vielen Menschen zuteil wurde. Das hat meine Grundhaltung irritiert: Ich rechne immer mit dem Schlimmsten und wundere mich dann, dass es nicht eingetroffen ist. Sie sind eine Zweckpessimistin? Ich wirke nicht so. Von außen gesehen bin ich ja eine Lustige, die am laufenden Band Sprüche macht. Das entspricht aber nicht dem, wie es in mir drin aussieht. So. Und das dachte ich auch beim Schreiben von Feuchtgebiete: »Du musst ganz, ganz stark sein und wirst mit viel Dreck beworfen werden.« Sie wappnen sich im Voraus, sodass Ihnen nichts etwas anhaben kann? So ist es. Sie hat also vor allem die Bewunderung, die Sie erfahren haben, erschreckt? Schrecklich. Und es hörte einfach nicht auf. Ich weiß auch nicht, warum ich so etwas ausgelöst habe. Zeitgeist nennt man das wohl. Vor unserem Gespräch waren Sie erstmals seit diesem Ereignis im Urlaub. Haben Sie jetzt nachgedacht und wissen mehr? Nein, der Urlaub war eine Flucht vor mir selbst. Ich hatte zu viel gemacht. Ach, dieses Buch, ich habe wirklich gedacht, das wird ein Ladenhüter, weil es doch so eklig und abstoßend ist. Und dann dachte ich, ich muss viel Werbung dafür machen. Ich habe vor dem Erscheinen viele Interviews gegeben. Ich hatte so viel gegeben. Und im Urlaub hatte ich das Gefühl, dass von mir nicht mehr viel übrig ist. Sie haben den Erfolg als Monster erlebt? Absolut. Eine Sturmwelle. Sie haben doch dieses Monster schon einmal erlebt. Ja, als meine Brüder auf dem Weg zu meiner geplanten Hochzeit in London tödlich verunglückt sind. Es war der nackte Horror. Da hat mich die Bild-Zeitung erpresst. Aber das war nur diese eine Zeitung, nicht alle gleichzeitig wie jetzt. In der FAZ wurde Ihre Mutter, die den damaligen Autounfall überlebt hat, mal für tot erklärt. Ich hoffe, sie hat das nicht mitbekommen, ich hab's ihr nicht gesagt. Ja, es gibt ein Leben vor und eines nach dem Buch. Kein Mensch kennt mich mehr als Moderatorin, ich habe auch meinen alten Beruf verloren. Ich bin jetzt die Bestsellerautorin. Das ist so riesig, dass sich nicht nur mein Leben verändert hat, sondern auch der Blick von jedem Menschen auf mich. Damit muss man erst mal zurechtkommen. Ich bin jetzt dreißig und habe mit 18 angefangen zu moderieren. Alles war immer auf einem Niveau, immer in einer Nische, so klein und angenehm, so unschuldig. So viel Lob, so wenig Zuschauer. Sind Sie eigentlich eher ein trauriger Mensch? Jeder, der beruflich lustig zu sein hat, ist im Grunde traurig. Ich wollte das früher nie zugeben. Auch Leute, die in meinem Umfeld was medial Lustiges machen, zum Beispiel Rocko Schamoni und Heinz Strunk, sind traurig. Ich bin ja eine ganze Ecke jünger und dachte früher: Stellt euch nicht so an! Ihr findet es schick, privat depressiv zu sein. Heute kann ich dazu stehen: Ich mache mir den ganzen Tag nur Sorgen, wie ein peinliches Hausmütterchen. Worum machen Sie sich Sorgen? Um alles. Weiterlesen auf sz-magazin.de: "Ich bin eigentlich ein ganz armes Würstchen."

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