"Ich bin gezwungen, mich beschwerdeführend an Sie zu wenden"

Berlin, das Mecker-Mekka: Seit Jahrhunderten ärgern sich die Menschen in der Hauptstadt über Müll und Gestank, über Polizei und Nachbarn. Neun Beschwerdebriefe von 1695 bis heute.
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Illustration: Julia Schubert

"HIERMIT BITTEN WIR MIETER" Anzeige wegen Geruchsbelästigung Hiermit bitten wir Mieter, uns von dem unzumutbaren Gestank zu befreien. Von 9.30 Uhr bis in den Morgenstunden stinkt es nach Mittagessen und altem Fett. Die Küche ist 6 qm groß und hat kein Fenster. Das Kochen wurde schon vor 1 1/2 Jahren einem anderen Pächter untersagt. Hochachtungsvoll W. W. , 1 Berlin 48 (und sechs weitere Mieter) "GESTATTEN SIE MIR, DASS ICH IHNEN FOLGENDES UNTERBREITE" Sehr geehrter Herr Senator! Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen folgendes unterbreite: Es wird Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen sein, dass vor etwa 4 Wochen gegen die sogenannten Halbstarken in Berlin N 65, Afrikanische Strasse, vorgegangen wurde und das in einer Art und Weise, die auch mich betrifft und mir ausserordentliche Sorgen für meine Zukunft macht. (…) Vor etwa 3 Jahren haben sich Motorradfahrer regelmässig donnerstags bei mir eingefunden. Aus Gründen, die mir unbekannt sind, hat sich der Kreis dieser Jugendlichen ständig vergrössert, so dass in letzter Zeit an den Donnerstagen etwa 100 Personen einschliesslich der Damen hier waren. (…) Nachdem nun die Polizei aufkreuzte, ist mein Geschäft ausserordentlich in Mitleidenschaft gezogen worden. (…) Die erste Auswirkung zeigt sich darin, dass im Monat Juli 1956 ein Umsatzrückgang von DM 1.000,-- in Erscheinung trat. Das bedeutet, dass der aus dem Fleiss meiner Frau und mir zustehende Monatsverdienst praktisch hin ist, so dass ich um die zukünftige Entwicklung ausserordentlich besorgt sein muss. (…) Ich bitte aus diesem Grunde, mir Gelegenheit zu geben, die Dinge noch im Einzelnen mit Ihnen besprechen zu dürfen, und wäre Ihnen außerordentlich dankbar, wenn die Bearbeitung und Erledigung meiner Eingabe schnellstens eine Antwort einbringen könnte. Hochachtungsvoll! "ICH FLEHE ALLERUNTERTHÄNIGST UND DEMÜTHIGST" Ew: Excellente und einem Könglich Hochlöblichen Armen Directorio wage es unterthänigst vorzustellen, daß ich (…) durch verschiedene Unglücksfälle, meistentheils aber, da ich in einem Revier wohne, wo die meisten Eltern ihren Kindern entweder Hauslehrer halten oder selbige auf hohe Schulen schicken, so heruntergesunken, daß ich kaum für meine Familie den Lebensunterhalt, vielweniger Holtz, Miete und Kleidung, erwerben kann. Da ich nun in Erfahrung gebracht, daß die Schulhalterstelle in Vogtland vocant werden wird, so flehe ich einen Königlich Hochlöblichen Armen Directorium allerunterthänigst und demüthigst an: mir bey angezeigten traurigen Umständen die schon bemerkte Schulhalterstelle allergnädigst zu ertheilen. Allunterthänigster Carl Friedrich Heering, Schulhalter

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