Ich stottere.

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Von Lars Spannagel Foto: Fabian Zapatka Mein ganzes Leben lang. In allen möglichen Situationen, mal stärker, mal schwächer. Wohin ich auch gehe: Mein Stottern habe ich immer dabei, wie einen kleinen Bruder, der mir auf die Nerven geht. Manchmal wie eine Eisenkugel, wie sie Sträflinge früher hinter sich herzogen. Ich bin gerade dreißig Jahre alt geworden. Lange hatte ich gehofft, mein Stottern würde irgendwann einfach verschwinden, wie Pubertätspickel. Aber es ist immer noch da, und ich bin gerade dabei, mich mit der Tatsache abzufinden, dass ich den Rest meines Lebens stottern werde. Wenn ich es schon nicht loswerden kann, möchte ich wenigstens verstehen: Warum stottere ich? Was sagt mein Sprachfehler über mich?

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Illustration: Julia Schubert

Obwohl ich und mein Stottern alte Bekannte sind, überrascht es mich immer wieder; manchmal schockiert es mich geradezu. Bei mir ist es nicht so, dass ich den Anfangsbuchstaben eines Wortes krampfhaft wiederhole (G-g-g-g-g-g-guten Tag), sondern dass ich beim Sprechen blockiere. Mitten im Wort stoße ich an einen Buchstaben und komme nicht weiter. Im Moment habe ich die größten Probleme mit K, G und T, aber die schwierigen Buchstaben können in ein paar Monaten schon andere sein, ich bin da flexibel. Eine typische Stotter-Szene spielt sich so ab: Ich stehe beim Bäcker in der Schlange und will ein Kürbiskernbrot kaufen. Ich habe viel Zeit, über das Wort nachzudenken. Zu viel Zeit. Wenn ich dran bin, sage ich: »Ich hätte gern ein K--------. Ein Kü---------.« Ich versuche, das Wort rauszupressen, den Satz möglichst schnell zu Ende zu sprechen. Bloß nicht genau hinsehen, was da gerade passiert. Manchmal kriege ich die Kurve, es kommt aber auch vor, dass ich Gewalt anwenden muss. Unter Druck lege ich meinen Kopf in den Nacken und schließe die Augen, während ich mit dem Buchstaben eine innere Schlacht austrage. (Ich habe das beim Logopäden schon auf Videoaufnahmen von mir sehen müssen.) Wenn ich gegen eine massive Blockade kämpfe, herrscht in mir Chaos. Es ist, als tobe ein Gewitter in meinem Kopf. Die Gedanken zucken, die Gefühle donnern. All die schlauen Übungen, die ich gelernt habe, die Atem-Tricks, sind wie weggeblasen. Wenn es gar nicht geht, gebe ich auf. Dann zeige ich stumm auf das Kürbiskernbrot. Oder ich sage: »Ich hätte gern ein Sonnenblumenkernbrot.« Sonnenblumenkernbrot finde ich okay, Kürbiskernbrot esse ich aber lieber. Verstehen Sie? Ich habe mich natürlich oft gefragt, warum ich stottere. Aber es gibt keine abschließende Erklärung, weder für mich noch für irgendjemand anderen. Die Wissenschaft versucht Stottern schon ewig zu ergründen, das Phänomen ist seit Jahrhunderten bekannt. Wenn man will, kann man Hinweise darauf sogar im Alten Testament finden. Als Gott Moses befiehlt, zu seinem Volk zu sprechen, sagt der: »Ich bin von jeher nicht beredt gewesen. […] Denn ich habe eine schwere Sprache und eine schwere Zunge.« Menschen auf der ganzen Welt stottern, quer durch alle Kulturen und Schichten. Rund fünf Prozent aller Kinder stottern, aber nur noch ein Prozent der Erwachsenen. Bis zur Pubertät verlieren vor allem viele Mädchen ihr Stottern von selbst, sodass achtzig Prozent der erwachsenen Stotterer Männer sind. Warum? Niemand weiß es. Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen sind zu völlig unterschiedlichen Erklärungen gekommen. Mal wurde die Zunge als Verursacher ausgemacht und mit schaurigen Sprechapparaturen und Operationen bekämpft. Psychoanalytiker machten familiäre Probleme verantwortlich, heute glauben Neurophysiologen, die Ursache in Anomalien der linken Gehirnhälfte gefunden zu haben. Stottern ist anscheinend auch genetisch bedingt und bis zu einem gewissen Grad erblich. Mein Opa hat gestottert, leider habe ich ihn nie kennengelernt. Ich hätte mich gern mit ihm darüber unterhalten. Weiterlesen auf sz-magazin.de

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