Immer nur das Eine? 15 Sexprotokolle

Versaute Tagträume, verpasste Chancen, besoffene Quickies: Nichts treibt den Menschen mehr an als sein Trieb. Aber welche Rolle spielt Sex tatsächlich in unserem Alltag? Das SZ-Magazin hat 15 Menschen protokolliert.
max-scharnigg

J, 35, Single, Großstadt Montag 9.30 Anstrengendes Wochenende, aber nur ein kleiner Kater. Trotz Koks und einer Menge Alkohol habe ich seit Samstag nicht an Sex gedacht und frage mich, warum Koks so häufig »Fickpulver« genannt wird. 19.00 Bis jetzt im Musikstudio gewesen. Sexy ist höchstens die Musik, die dabei entstanden ist. 1.30 Im Bett. Jetzt noch Sex? Keine Frau der Welt würde mich dazu bringen. Dienstag 8.20 Sex wäre eine feine Sache, um den Tag zu beginnen. Nach einem Blick in den Spiegel kommt mir der Gedanke, dass ich den höchstens mit mir selber haben könnte, aber dazu fehlt mir die Lust. 18.00 Büroarbeit. Heute Abend muss ich auflegen, das Verlangen nach Sex von heute Morgen hat sich von allein gelegt. 2.00 Zwei Spanierinnen kamen mit Musikwünschen und zweideutigen Angeboten, man könne weiterziehen. Ich bleibe standhaft, obwohl die beiden sexy sind. Ich hätte wohl mehr trinken sollen, schließlich passiert so was auch einem DJ nicht jeden Tag.

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Illustration: Julia Schubert

Mittwoch 9.30 Ich denke an die Spanierinnen und ärgere mich. Zwei, drei Schnäpse mehr, und ich hätte meinen ersten Dreier gehabt! Oft, wenn ich verkatert aufwache, schleicht sich eine leichte Geilheit ein. Selbstbefriedigung. 14.00 Verbringe den Tag im Studio und denke an die Spanierinnen. 22.00 Denke immer noch an den vergeigten Dreier und befriedige mich noch mal. Donnerstag 10.30 Gerade aufgewacht. Denke über heute Abend nach: Eine Freundin, mit der schon oft einiges lief, kommt zum Essen vorbei. 14.00 Ich kaufe Pasta und Rotwein, frage mich aber, ob zu viel Rotwein nicht schon zu eindeutig wirkt. Man will ja nicht als notgeiler Essenseinladungs-Verteiler gelten. 23.00 Der Abend verlief nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Nach einer angeregten Unterhaltung war mein offensichtliches Auf-dem-Sofa-näher-Rücken wohl etwas zu offensiv. Die Dame wurde müde und musste nach Hause. Ich gehe allein ins Bett und befriedige mich selbst. Freitag 9.00 Ich frage mich, ob mein gestriger Besuch den Braten vielleicht gerochen hat, und komme mir schäbig vor. 13.00 Im Studio, Musik machen. Heute Abend kommen Freunde. 23.00 Volle Bude, viel Alkohol. Ein Freund hat eine Bekannte dabei, die mir gefällt. 1.45 Alle sind gegangen, außer der Bekannten meines Freundes. Ich zaubere noch eine Flasche Wein auf den Tisch, die wir nicht mal halb austrinken. Wir küssen uns auf dem Sofa, landen im Bett und haben ausgelassenen, etwas alkoholisierten Sex. Samstag 12.00 Ich wache neben der Bekannten meines Freundes auf. 15.00 Wir haben zusammen gefrühstückt. Sie sagt, dass es ein schöner Abend war, und fragt mich nach meiner Telefonnummer. 22.00 Ich muss auflegen und fahre in den Club. Ich fühle mich verkatert und werde mich besaufen müssen, um durchzuhalten. Sonntag 10.30 Volltrunken und allein komme ich mit dem Taxi nach Hause. Bei meinem Auftritt war eine hübsche Blonde, auf die ich schon lange stehe, aber ich war eindeutig zu betrunken zum Flirten. 17.30 Aufgewacht. Wieder die Restalkohol-Geilheit. Ich befriedige mich selbst. 20.15 Ich schlafe beim Tatort ein. Auf der nächsten Seite: Tagebuch eines Handwerksmeisters. "Manchmal fahre ich in den Puff, finde aber nie besonderen Gefallen daran."


Handwerksmeister, 61, verheiratet, aber getrennt lebend, Kleinstadt Montag 8.00 Frühstücken und Zeitung lesen. Allein. Meine Frau und ich leben getrennt, die Beziehung mit meiner Freundin, einer 22 Jahre jüngeren, verheirateten Frau mit drei Kindern, endete vor vier Monaten. Sie hatte den in mir fast eingeschlafenen Sex wieder zum Vorschein gebracht. Eine Dessous-Werbung in der Zeitung erregt mich. Ich mache es mir selbst. Seit vier Monaten spielt sich mein Sexleben fast nur so ab. Manchmal fahre ich in einen Puff, finde aber nie besonderen Gefallen daran. 10.00 E-Mail-Post. Die AOL-Werbung sticht mir ins Auge, die teils nackten Models. Denke an meine Freundin. Ich weiß nicht, wie ich dieses Gefühl beschreiben soll. Vielleicht einfach mit »üblicher Schmerz und traurig«. 20.00 Am Abend sehe ich fern. Jede Frau erinnert mich an meine Exfreundin. So schaue ich eben N24, Nachrichten. Dienstag 6.10 Ambulant in der Klinik zur Nachuntersuchung. Seit meinem Herzinfarkt bin ich eigentlich auf Viagra angewiesen. Aber bei der letzten Herzkatheter-Untersuchung vor zirka drei Wochen musste eine Krankenschwester die Einstichstelle in der Leiste nach der Nadelentfernung abdrücken. Dabei bekam ich einen Steifen. Die Situation war zwar peinlich, wurde aber stillschweigend übergangen. 15.00 Vor vier Wochen habe ich eine Frau in einem seriösen Internetclub kennengelernt. Kamen uns in der zweiten privaten Mail näher. Sie hat dann den Bann gebrochen und ein Foto ihrer Katze geschickt: Wenn ich sie besuche, dürfte ich auch mit ihrer Muschi spielen. Seither haben wir schriftlich Sex, wie gerade jetzt noch, vor dem Tagebucheintrag. Haben auch Nacktaufnahmen und Detailfotos ausgetauscht. Sie ist zurzeit in Hamburg und wird in zwei Wochen wieder in ihrer Wohnung sein, 25 Kilometer entfernt von mir. Mittwoch 6.00 Frühstück und Zeitung, ebenso der anhaltende Trennungsschmerz. 10.00 Besorgungsgang in die Stadt. Viele Bekannte fragen mich nach meinem Befinden. Am liebsten würde ich weinen. Die Besitzerin eines kleinen Ladens tröstet mich und meint, ich müsste meine Freundin zurückholen, damit ich wieder lachen kann. Heute macht mich nichts sexuell an, nicht einmal die Werbung. 20.00 Abends Besuch meiner Tochter. Donnerstag 6.00 Zeitung, Mails. Wegen der Mädchen von der AOL-Werbung Druck in der Hose. 18.30 Am Abend habe ich meiner jetzigen Brieffreundin geschrieben, sie war online, und so kam es noch mal dazu, dass mein Filius Druck erzeugte. Ich habe sie dann angerufen. Nach fünfminütiger Unterhaltung kam sie, ich auch. Freitag 10.00 Heute musste ich den ganzen Tag arbeiten. Kenne alle Verkäuferinnen und Verkäufer im Baumarkt gut. Eine ist zirka 35 Jahre, Single, vom Freund verlassen. Mit ihr kann man sich schön über Sexszenen unterhalten, als Gaudi. Ich glaube, wenn ich mich bemühe, würde sie auch mit mir ausgehen. 23.00 Nach einem Konzertbesuch und anschließendem Bierchen ins Bett. Denke an meine Exfreundin. Selbstbefriedigung. Samstag 9.00 Die üblichen Trennungsschmerzen im Kopf, Herz und Gemüt. 16.00 Habe nachmittags meiner jetzigen Freundin eine SMS geschrieben. Schon kam es zu mehreren SMS, in denen wir auch über Sex sprechen. Selbstbefriedigung. Früher hatten meine Exfreundin und ich 550 bis 600 SMS im Monat. Keine blieb unbeantwortet. Das Handy hatte ich immer bei mir, es durfte niemandem in die Hände fallen, damals lebte ich noch mit meiner Frau zusammen. Sonntag 10.00 PC seit Donnerstag in der Reparatur. Heute war also ein ruhiger Tag. 20.00 Abends Fernsehen. Beim Umschalten kommt Sexwerbung. Auf der nächsten Seite: Tagebuch eines 19-jährigen Singles. "Eigentlich finde ich dreckige Sprache beim Sex abstoßend, aber bei ihm war es gar nicht so schlimm."
Single, 19, hat gerade Abitur gemacht, Gastronomiejobs, Großstadt Montag 11.00 Wache bei M. auf. Ich hab ihn am Wochenende auf einem Rave kennengelernt. Er ist schon 42 Jahre, aber irgendwie ein jugendlicher Typ. Ich hatte noch nie was mit so einem alten Mann. Ist komisch, weil ich auf dem Weg ins Bad seinen Sohn getroffen habe – er ist so alt wie ich. 15.00 Wir hatten noch mal Sex, aber ich kann mich nicht richtig entspannen. Er scheint aber auch nicht so ganz entspannt, denn er hatte Potenzprobleme. Das zweite Mal war besser. Vielleicht ist Sex ja viel entspannter, wenn man nichts voneinander will. Dienstag 2.30 Wir haben noch mal miteinander geschlafen, aber es funktionierte wieder nicht so richtig. Er hat beim Sex immer geredet; wie gut es ist und wie geil. Auch noch ein bisschen dreckiger. Eigentlich finde ich das immer sehr abstoßend, aber bei ihm war es gar nicht so schlimm. 11.00 Er hat mir Frühstück gemacht, mit allem Drum und Dran. Vorher hat er die Wohnung eingeheizt, dass ich nicht friere. 15.00 Endlich daheim. Ich dusche und gehe dann auf eine Veranstaltung, auf der ich kellnere. Ich denke immer wieder an die Sachen, die er beim Sex gesagt hat. Er hat eine hohe Stimme und hat auch ganz hoch gestöhnt. Wir sehen uns bestimmt wieder, ich glaube, ich könnte ihn immer anrufen, wie bei einen Kumpel. ANZEIGE Mittwoch 12.30 Total kaputt. Musste gestern lange arbeiten. Als ich endlich eingeschlafen bin, hat F. mich besoffen angerufen. Wir haben letzte Woche zusammen in einem Team gearbeitet und rumgeflirtet, aber er ist nicht mein Fall. Er will mich sehen, und ich hab ihm gesagt, dass ich mich melde. Mach ich wahrscheinlich nicht. Trotzdem gut, einen Verehrer zu haben. 17.00 Auf dem Weg zum Babysitten. Donnerstag 13.00 T. hat mich nach vielen Wochen angerufen. Ich war mit ihm auf der Schule, und zwischen uns hat es immer geprickelt. Es ist aber nie etwas passiert. Noch nicht mal ein Kuss. Er will jetzt wissen, ob ich ihm über meinen Vater Konzertkarten besorgen kann. Das nervt mich. 14.00 Ich denke an M. Ich hätte schon gern Kontakt zu ihm. Wäre er 25 Jahre alt, dann wäre er ein klasse Typ. Freitag 11.00 Bin mit H. schwimmen. Mit dem hatte ich mal vor Jahren was. Wir können ganz offen reden: wie lange wir schon keinen Sex mehr hatten, wie der letzte Sex war. Männer springen ja gern auf diese Themen an. Er guckt mir ständig auf den Badeanzug. 14.00 Mir ist noch was zu H. eingefallen. Wir waren mal aus, es wurde spät. Obwohl seine Wohnung am anderen Ende der Stadt ist, wollte er nicht bei mir schlafen. »Ich würde sonst gleich an dir rumfummeln«, sagte er. Samstag 12.00 Auf dem Weg nach Leipzig. Ich treffe dort C. und ihren Freund. Er legt in einem Club auf. 13.00 Sitze noch im Auto und denke an einen Typen, den ich mal kennengelernt habe. Ich fand ihn total super. Aber seine Wohnung ging gar nicht: total versifft und stillos. Da war es vorbei. Sonntag 14.00 C. und ihr Freund haben heute Nacht neben mir im Bett rumgemacht. Eine Hand ist auch zu mir rübergewandert. Ich wusste aber nicht, wessen Hand es ist. Dann hab ich kapiert, dass es meine Freundin war. Ich habe nicht zurückgestreichelt. 15.30 Wir sitzen im Auto auf dem Weg zurück. C. sagt: »Ich bin heute Nacht richtig geil gewesen.« Ihr Freund sagt: »Ist mir gar nicht so aufgefallen.« Und ich antworte: »Aber mir schon!« Weiterlesen auf sz-magazin.de

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