Kommen wir nun zum Kern des Ganzen

Mit viel Gespür hat es der Clubbetreiber Michi Kern zum König des Münchner Nachtlebens gebracht. Begegnung mit einem Mann, dessen Mission nicht nur die perfekte Party ist, sondern auch: der innere Frieden.
christina-waechter

Michi Kern trägt graue Shorts und ein weißes T-Shirt, auf dem in sehr großen Buchstaben »Choose Life« steht. Er ist barfuß, auf die Zehen seines rechten Fußes ist das Wort »Sandy« tätowiert. Vor ihm auf dem Boden liegen vierzig Frauen und Männer, die gerade mal wieder versuchen, alles zu vergessen und sich nur auf ihren Atem zu konzentrieren. »Öffnet euch«, sagt Michi Kern, »spürt, wie sich euer Brustkorb weitet. Lasst los, lasst alles los.« Seine Stimme ist warm, ohne dabei weich zu sein. Sie erhebt sich etwas bayerisch knorrig und schwebt eine Weile im Raum. »Ccccchhhhhhhuuu uuhhh«, sagt Michi Kern, »ccccchhhhuuhh. Wie das Rauschen des Meeres.«Ccccchhhhhhhuuuuhhhhh. Alle atmen laut aus. Alle wollen werden wie das Meer. Es ist Montagabend in der Müllerstraße in München, und der Yogalehrer Michi Kern ist ein freundlicher, fast gütiger, geduldiger Mensch.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Aber gibt es nicht auch einen anderen Michi Kern? Wer ist der Mann, der um drei Uhr nachts an der Tür des »Pacha« steht und »Servus« sagt und »Schön, dass du da bist« und »Tut mir leid, nur für Stammgäste« und »Komm, geh weiter«, so wie er das seit zwanzig Jahren macht, vor dem »P1« oder dem »Babalu« oder dem »Tanzcafé Größenwahn«, lauter legendäre Münchner Nachtclubs? Wer ist der Mann, den alle nur Michi nennen, obwohl er jetzt auch schon 42 Jahre alt ist, und der das »Café Reitschule« betreibt und das »Kytaro« und das »Zoozie’z«, lauter legendäre Lokale? Wer ist der Mann, der mit den Leuten vom Kreisverwaltungsreferat so gut kann und mit den Brauereien und der eine Weile ganz ruhig in sein Handy spricht, und als er aufgelegt hat, nur sagt: »Da will uns mal wieder jemand verklagen.« Es muss auch einen anderen Michi Kern geben. Wie soll man zwanzig Jahre Nachtleben und Gastronomie überstehen ohne Feinde, Scherben, Wunden? Wie soll man überhaupt zwanzig Jahre ohne Feinde überstehen? Nach der Yogastunde steht Kern noch in einem dunklen Hinterzimmer des »Café King« gleich neben dem Yogastudio und raucht eine Zigarette nach der anderen. Draußen schneit es. Kern spricht mit Sandra Forster und Andreas Zappe, ihnen zusammen gehört das »Café King«. Sandra Forster ist die »Sandy« seiner Zehen, aber schon lange nicht mehr seine Freundin. Sie hat vor Jahren aus Eifersucht das Wort »Stricher« auf sein Auto gesprüht. »Es geht nicht ums Dogma, es geht um Sympathie«, hatte Kern bei einem unserer ersten Treffen gesagt und etwas anderes gemeint. Er meinte seine pragmatische Weltsicht und seinen wirtschaftlichen Erfolg, aber so genau lässt sich das bei ihm eben nicht trennen von Freundschaften und von Menschen.Kern und Forster und Zappe rauchen und reden, über ihnen dreht sich eine müde Discokugel, und schließlich sagt Kern: »Denkt dran, allen Bescheid zu sagen. Die Charity-Veranstaltung soll voll werden. Das Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem ist ein tolles Projekt, die behandeln dort jeden, egal ob Jude oder Moslem.« Kern verbindet, so würde es das Privatradio sagen, das Beste der Neunziger- und der Nullerjahre. Die gute Laune und das gute Leben in Einklang zu bringen, das ist sein Plan. Von Georg Diez Fotos: Dieter Mayr Hier kannst du weiterlesen.

  • teilen
  • schließen