Kritik der reinen Vernunft

Bisher galten Bibliotheken als hehre Tempel des Intellekts. Doch wenn der Besucher einmal von der Lektüre seines Wälzers aufblickt, so erkennt er, dass es dort mitunter recht amourös zugeht.
christina-waechter
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Von: ANDREAS BERNARD (Text), Florian Kolmer (Foto) 

Es gibt nichts zu trinken in diesem Raum, es läuft keine Musik, die Anwesenden dürfen sich nicht einmal miteinander unterhalten. Es herrscht eine Atmosphäre der Selbstbezogenheit; manche der Besucher tragen sogar Ohrstöpsel, um sich vollends abzuschotten, einige sind – ein trauriges Bild – an ihrem Platz einfach eingeschlafen und ihre Köpfe liegen wie große Lesezeichen zwischen den Buchseiten.

Die Lesesäle der Staatsbibliotheken – in München an der Ludwigstraße, in Berlin am Potsdamer Platz und Unter den Linden – wirken auf den ersten Blick keinesfalls wie Orte, an denen die Menschen einander näher kommen. Und dennoch werden sie in Zeitungen und Universitätsmagazinen regelmäßig als wichtigste »Kontaktbörse« unter Studenten, als »Heiratsmarkt« bezeichnet. Überall sonst, im Supermarkt, im Café, in einer Kneipe, scheinen die Voraussetzungen günstiger zu sein. Am Nachtleben nehmen die meisten mit dem ausdrücklichen Wunsch teil, jemanden kennenzulernen; in die Staatsbibliothek dagegen geht man, um in Ruhe zu lesen, um sich auf eine Prüfung vorzubereiten oder eine Abschlussarbeit zu schreiben. Jeder neue Besucher bemerkt allerdings schon nach kurzer Zeit, dass sich unter dieser Oberfläche der Konzentration eine zweite, unruhigere Schicht verbirgt, ein vielfältiges Geflecht von Blicken, Sehnsüchten, Hoffnungen, Zurückweisungen.

Der lange Mittelgang im Lesesaal der Münchner Staatsbibliothek etwa ist eine Art Laufsteg. Die Stühle in den Reihen links und rechts von ihm weisen zwar gar nicht in seine Richtung, die Zuschauer sitzen parallel zu ihm – dennoch ist das Interesse an den Vorbeilaufenden nicht viel weniger ausgeprägt als beim Publikum von Modeschauen. Vor allem um die Mittagszeit, auf dem Weg in die Pause und zurück, wird das Durchqueren des Gangs aufwendig inszeniert. Studentinnen der juristischen oder medizinischen Fakultät gehen in Zweier- oder Dreiergruppen den Gang Richtung Ausgang entlang, tuscheln miteinander, kichern leise, und man spürt, dass sie all die Köpfe links und rechts, die sich von den Büchern abwenden und kurz zur Seite blicken, genau registrieren. Sie sind ebenso sorgfältig gekleidet wie spätabends in den Bars und Clubs, hohe Stiefel über den Jeans, Perlenketten, weiße Blusen, der Lidstrich frisch nachgezogen (und geht die Tür zu einem der Toilettenräume im Saal auf, sieht man mittags die Ansammlung vor den Spiegeln). Souverän nehmen sie die Parade der Lesenden ab: ein Defilee ohne Ton.

 

Wenn der Lesesaal ein diskreter Ort der Beobachtung ist, sind die Randbereiche der Bibliothek, die Ausgabeschalter und Bücherregale, die Garderobenschränke und die schmucklose Cafeteria, umso aktivere Knotenpunkte, an denen sich die losen, durch Blickwechsel entstandenen Verbindungen verfestigen. Einer spricht ein Mädchen an, das wie er selbst schon immer kurz vor der Öffnung des Lesesaals an der Pforte steht, um einen der begehrten Einzelplätze am Fenster zu bekommen; ein anderer hat auf den Leihscheinen seiner Favoritin erspäht, welche Nummer ihr Bücherfach hat, und schleicht nun durch die Regale, um sie dort anzutreffen. Und später, nach der ersten Kaffeepause, findet jemand einen Zettel mit einer Handynummer an seinem Platz, »von deiner Nachbarin, drei Plätze rechts von dir, ruf doch mal an nachher«.

 

 

Auf SZ-Magazin.de kannst du den zweiten Teil des Textes lesen.

  • teilen
  • schließen