Liebe muss sich rechnen

Von wegen Romantik: Wenn es um Zwischenmenschliches geht, regiert das reine Ökonomiedenken. So machen wir das schönste aller Gefühle zur Verhandlungssache.
peter-wagner

Von Sabine Magerl (Text) und Rafael Krötz (Foto) Die große Liebe, da sind sich doch fast alle einig, hat nichts mit Kalkül zu tun. Sie lässt sich nicht einfach berechnen. Wo bliebe sonst die Romantik, die Sehnsucht nach dem einen Menschen, unserem Seelenverwandten, den es zu finden und zu erobern gilt? Die Liebe ist scheinbar eine der letzten Bastionen, die noch nicht von Wirtschaftsinteressen eingenommen wurde. Hier kann der Mensch unlogisch, irrational sein und mit Gedichten, Versprechungen oder mit selbst gepflückten Blumen handeln. Die romantische Liebe ist tief in der westlichen Vorstellung verwurzelt, obwohl sie erst rund 200 Jahre alt ist – eine recht kurze historische Phase. In einer vorromantischen Zeit zählten bei der Partnerwahl und Eheschließung pragmatische Beweggründe: der Wille der Familien, Stand, Vermögen oder Mitgift. Erst seitdem sich Liebende tatsächlich selbst suchen konnten, gab es Romantik nicht mehr nur in der Literatur. Die Gefühle nahmen ihren freien Lauf, und manchmal verirrten sie sich dabei auch unglücklich. Denn je selbstbestimmter die Wahl und je vielfältiger die Möglichkeiten, desto unberechenbarer wurde die Liebe zugleich. Man suchte nach Anzeichen des Zufalls, der Einmaligkeit der Liebe, fand die gleiche Wellenlänge, wurde wie vom Blitz getroffen, und da diese aus dem Geiste der Romantik stammenden Metaphern nicht immer halfen, entstand langsam eine Großfabrikation der Liebesratgeber.

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Illustration: Julia Schubert

Die Romantik ist nicht ausgestorben. Trotzdem hat sich, wenn wir heute von Gefühlen sprechen, längst ein ökonomisches Vokabular eingeschlichen: Partnerbörsen, Heiratsmarkt, Marktwert. Wir investieren in eine Liebe, fragen, ob die Rechnung noch aufgeht, und ziehen den Schlussstrich. »Es gibt kaum ein anderes menschliches Vorhaben, das so oft schiefläuft wie die Liebe«, sagt der amerikanische Ökonom Tim Harford. In seinem neuen Buch The Logic of Life beschäftigt er sich nun – wie auffällig viele Wirtschaftswissenschaftler derzeit – mit den Themen Liebe und Ehe. Ökonomen wollen die Liebe logisch und berechenbar machen. Sie versuchen, wirtschaftliche Begriffe wie Angebot, Nachfrage oder Wettbewerb auf Beziehungen anzuwenden, als handele es sich dabei um einen kalkulierbaren Warenaustausch. Zugleich wird die Liebe heute tatsächlich oft weniger von Romantik als von der Ökonomie bestimmt. »Wir werden die Paar-Therapeuten und Scheidungsanwälte nicht ablösen, aber vielleicht einige ökonomische Gedanken in emotionale Unsicherheiten bringen«, sagt Tim Harford. Die beginnen schon bei der Suche nach dem richtigen Partner. Margit Schröders letzte Beziehung ist drei Jahre her. »Drei Jahre auf diesem Singlemarkt zermürben einen völlig«, sagt sie. Sie hat sich bei einer Partnerbörse angemeldet, im Kochkurs und für Gitarrenunterricht, sie war auf »Essenseinladungen mit guter Männerquote«; sie ging zu Ausstellungs-eröffnungen, obwohl sie Kunst gar nicht interessiert, am Wochenende zum Skifahren, von der Arbeit erledigt, oder mit einer Freundin in die Hotelbar, denn auch dort komme es wie am Skilift zu zufälligen Begegnungen. Das Ergebnis? Zwei verheiratete Männer, ein Filmemacher, der Monate unterwegs war und ihr dann nächtelang seinen Rohschnitt erklärte, ein Anwalt, dessen Lebens-plan so ausgefeilt schien, dass sie unsicher wurde, ob sie da überhaupt noch reinpasst. »Ich betrachte die Suche inzwischen wie einen Job.« Die 39-Jährige arbeitet bei einem Immobilienmakler, fünf Tage die Woche. Am Abend sehnt sie sich manchmal nur nach dem Flimmern des Fernsehers und einem warmen Nudelgericht. In solchen Momenten überkommt sie die Angst vor der Einsamkeit, die ihr bleiben könnte, und die Frage, ob ihre erste Beziehung, die so romantisch begann im Alter von 25 Jahren, nicht bereits die richtige gewesen wäre. Ob sie nicht einfach Zeit verschwendet hat seither? Und ob sie jetzt nicht noch viel pragmatischer, wirtschaftlicher vorgehen müsste? Noch nie waren Partnerbörsen so gut besucht wie im Moment, mehr als sechs Millionen Deutsche gehen monatlich auf Liebessuche ins Internet. In der aktuellen Werbung von Neu.de wirbt die Partneragentur mit dem Slogan: »Herzklopfen oder Geld zurück«. Die Kategorisierung, wer zu einem passen könnte, ist auf solchen Websites systematisch nach Hobbys, Job, Wünschen geordnet. Denn ökonomisch gedacht, ist eine zu lange Partnersuche völlig ineffizient, vor allem weil der »Zeitwertverfall« droht. Wer mit zu hohen Ansprüchen und an den falschen Orten sucht, übersieht oft, dass der eigene Marktwert mit den Monaten und Jahren stark abnehmen kann. *** Die Fortsetzung des Textes liest du bei den Kollegen vom SZ-Magazin.

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