Mein Deutsch

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Von Kerstin Greiner, Christian Helten, Martin Langeder, Julia Rothhaas (Redaktion und Protokolle)

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Illustration: Julia Schubert

NANA MOUSKOURI, 74, Griechenland: Wunderschöner Mann Ich verwechsle oft wunderschön und wunderbar. Das ist peinlich. Ich sage: »Was für ein wunderschöner Künstler!«, obwohl ich jemanden für seine Kunst bewundere. Steckdose Das Wort erinnert mich an meinen ersten Auftritt in Deutschland Anfang der Sechziger. Ich griff nach dem Föhn, und jemand sagte: »Steck den Stecker in die Steckdose!« Was für ein Zungenbrecher! Genauso schwierig auszusprechen: »Verantwortung« und »unverbesserlich«. Anzeige Frau best den Schnee Ich dachte lange, dass es vom Wort »Besen« auch ein Verb gibt, und habe oft gesagt: »Die Frau best den Schnee zusammen!« VURAL ÖGER, 67, Unternehmer, Türkei Bockwurst Mein erstes Mittagessen in Deutschland waren Bockwürste. Für mich war das eigenartig: Das türkische Wort »Bok« hat eine sehr unfeine Bedeutung – das Sch…-Schimpfwort. Heizölrückstoßabdämpfung Das längste Wort der deutschen Sprache, in dem sich kein einziger Buchstabe wiederholt. So was lernt man im Deutschkurs am Goethe-Institut. Ich habe einige Tage gebraucht, um es aussprechen zu können. Grüß Gott Eine schöne Redewendung. Im Türkischen gibt es auch so viele Üs und Ös. Ich war stolz, dass ich diese Wörter so gut aussprechen konnte – im Vergleich zu den Engländern und Amerikanern in der Klasse. Die hatten Probleme: Aber ich? Konnte alles: »Übermacht«, »Übergröße«, »Überschwang«! Herrlich! Einreiseerleichterung Ein verdammt schwieriges Wort. Ein-reise-er-leicht-er-ung. Diese Silben auseinanderzuhalten oder überhaupt zu behalten. Ein Gräuel! Wie bei Aufenthaltserlaubnis, vertreibungsgeschädigt oder Genehmigungsverfahren. Hier habe ich statt Genehmigungsverfahren immer Genehmigungsverfahren betont. Diese langen, zusammengesetzten Wörter machen die deutsche Sprache sehr reich und sehr präzise. Für einen Ausländer ist es aber schrecklich, solche Wörter überhaupt zu verstehen und dann auszusprechen. Später entdeckte ich wunderbare Wortzusammensetzungen, die nur in der deutschen Sprache existieren. Zum Beispiel: Zeitgeist, Schadenfreude und Gemütlichkeit. Zigaretten trinken Im Türkischen raucht man Zigaretten nicht, man „trinkt“ sie. Man sagt: „Ich trinke eine Zigarette.“ Klingt blöd, ist aber so. Genauso isst man eine Suppe nicht, sondern man „trinkt“ sie. Als ich am Anfang versucht habe, solche Redewendungen eins zu eins zu übersetzen, haben mich die anderen ausgelacht. Weitere Beispiele: Im Deutschen sagt man: „Eine Frau bringt ein Kind zur Welt.“ Im Türkischen heißt es: „Eine Frau macht ein Kind.“ Im Deutschen: „Man schließt eine Ehe.“ Im Türkischen: „Man macht eine Ehe.“ GERALD ASAMOAH, 30, Fußballprofi, Ghana Abstoß, Anstoß Die Worte »Anstoß« und »Abstoß« waren mir lange ein Rätsel: Anstoß heißt im Englischen »kick-off«. Wenn man das deutsche Wort davon ableitet, landet man aber beim Abstoß. Völlig unlogisch! Bimbo In der Schule kam öfter jemand zu mir, Fabian Ernst zum Beispiel, und sagte: »Hast du gehört, der Junge da hat eben ›Bimbo‹ zu dir gesagt?« Lange wusste ich nicht, was das bedeutet, ob das nicht sogar was Nettes ist. Später habe ich dann richtig Stress gemacht. Darüber lachen Fabian und ich heute noch. Halb eins Ich habe ewig nicht kapiert, wie hier die Uhrzeiten bezeichnet werden. Auf Englisch bedeutet »halb eins« 13 Uhr 30. Wenn wir uns samstags zum Spiel getroffen haben, bin ich immer zu spät gekommen. Blöd war das bei Auswärtsspielen, wenn die Mannschaft schon abgefahren war. Das ging so weit, dass unser Trainer Guido Schustereit mich von zu Hause abgeholt hat. Schlaflosigkeit In Beipackzetteln von Medikamenten gab es immer wieder Wörter, mit denen ich nichts anfangen konnte: »Schlaflosigkeit« war so ein Wort. Schlaf, okay, das kannte ich. Aber was bitte ist »Losigkeit«? Das findet man ja auch in keinem Wörterbuch! Auf Schalke Ich habe schnell mitbekommen, dass es für Schalke nur eine einzige Ortsangabe gibt. Man muss immer »auf Schalke« sagen, bloß nicht »in Schalke« oder »nach Schalke«! Den ganzen Text kannst du hier im SZ-Magazin lesen

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