Morgenland ohne Morgen

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Von Dietmar Herz Im »L’ Atmosphère« werden an diesem Abend melancholische Chansons gespielt, auf der Speisekarte des französischen Restaurants stehen Froschschenkel und Weine. Alles aus Frankreich. Nur die Teppiche an den Wänden und die khakifarbenen Hemden einiger Besucher lassen vermuten, dass wir uns nicht in Frankreich befinden. Eher in einer ehemaligen französischen Kolonie – in Vietnam oder Westafrika. Es herrscht eine Atmosphäre kolonialen Wohlbehagens, einer gewissen Dekadenz – die Sicherheit, auch in der Ferne nicht auf das Gewohnte verzichten zu müssen, das Gefühl der zivilisatorischen Überlegenheit. Das Restaurant befindet sich nun aber nicht in einer früheren französischen Kolonie, es liegt in einem neueren Stadtviertel Kabuls. Deutschen Diplomaten wird geraten, die Gaststätte zu meiden. Sie gilt als ein Sicherheitsrisiko.

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Illustration: Julia Schubert

Festungsanlagen der afghanischen Hauptstadt Kabul, vor 90 Jahren. Das Land hatte sich gerade von der Kolonialmacht Großbritannien gelöst. Immer wieder hat es Drohungen gegen den Betreiber und die Gäste gegeben. Es ist daher nicht einfach, aus der gefährlichen Wirklichkeit Kabuls in die unwirkliche Atmosphäre eines Clubs zu gelangen, der an längst vergangene Kolonialzeiten erinnert. Vor der Beschwörung der Kulisse steht die brutale Härte der afghanischen Gegenwart: Am verbarrikadierten Eingang des Restaurants sitzen afghanische Wachen auf Plastikstühlen, sie lassen die Besucher in eine Art Schleuse treten. Dann schließen sie die eine Tür, eine Wache klopft an die gegenüberliegende Tür, die von innen geöffnet wird. Ein schwer bewaffneter Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes bat mich, meine Waffe abzugeben. Ich habe keine, er tastete mich misstrauisch ab, ich wurde eingelassen. Afghanen haben keinen Zutritt – es sei denn, sie besitzen einen ausländischen Pass. Im Garten gibt es einen Swimmingpool, und in der warmen Jahreszeit sonnen sich dort die Frauen westlicher Diplomaten. Wenn es den »Kampf der Kulturen« wirklich gibt, dann wird er hier sichtbar, im »L’ Atmosphère«, wo ich meinen ersten Abend in Kabul verbringe. Meine Reise nach Afghanistan fällt in eine Zeit des Übergangs: Die Taliban haben eine Offensive angekündigt, die US-Truppen wurden seit April mit 17 000 zusätzlichen Soldaten und 4000 Ausbildern für die afghanische Polizei und Armee vergrößert. Es ist jetzt Präsident Obamas Krieg. Im Sommer finden in Afghanistan Präsidentschaftswahlen statt – ob sie erfolgreich durchgeführt werden können, ist jedoch ungewiss. Denn Präsidentschaftswahlen, deren Ergebnis überwiegend akzeptiert wird, setzen voraus, dass in allen Teilen des Landes gewählt werden kann. Doch im Süden und Südosten des Landes herrscht ein erbitterter Krieg. Die Regierung in Kabul kontrolliert große Teile dieser Provinzen nicht, die Aufständischen haben sich dort eingegraben, Zentren für ihre Operationen errichtet und liefern der afghanischen Armee und den Truppen der dort kämpfenden NATO-Staaten heftige Gefechte. Beobachter schätzen, dass für ein Viertel der Bevölkerung die Teilnahme an der Wahl gefährdet ist. Und die Kämpfe rücken immer näher an Kabul heran. Viele Gebiete um die Hauptstadt werden bereits von den Taliban kontrolliert, viele der paschtunischen Stämme unterstützen deren Aufstand. Die Nachrichtenkanäle informieren kaum noch aus erster Hand über die umkämpften Regionen. Dabei entscheidet sich dort die Zukunft des ganzen Landes. Was bewegt die Menschen, was denken die lokalen Stammesfürsten? Wie stehen sie zu den Taliban, zur Regierung Karsai in Kabul, zum Einsatz der westlichen Soldaten? Afghanische Freunde raten mir, nach Paktia zu fahren, um das herauszufinden. Vor einigen Jahren noch war die Provinz ruhig, jetzt fährt fast kein Ausländer dorthin. Die Straßen gelten als unsicher. Die Stimmung in der Bevölkerung hat sich geändert – mehr oder weniger, so heißt es, sympathisiert sie nun mit den Taliban. Nach meiner Rückkehr aus Paktia will ich über Kabul nach Islamabad weiterreisen. Auch an die pakistanische Hauptstadt rückt der Krieg immer näher heran. Die amerikanische Regierung hat Afghanistan und Pakistan zu einer zusammenhängenden Krisenregion erklärt und mit der Vorliebe der Amerikaner für Abkürzungen die Region und ihre Konflikte »AfPak« getauft. Wie ich von Kabul nach Islamabad komme – mit dem Flugzeug oder auf dem Landweg über den Khaiberpass –, ist zunächst noch offen. Lies weiter im SZ-Magazin: Das Leben in Kabul scheint von Besuch zu Besuch komplizierter zu werden

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