Nachhilfe in der Problemschule

Die Berliner Rütli-Schule galt als schlimmste Schule Deutschlands. Seit vier Jahren versuchen Politiker, Pädagogen und Architekten, sie zu retten. Ein Experiment, das zeigt, wie man vielleicht ganzen Stadtvierteln helfen kann.
jetzt-redaktion

Im ersten Stock des Rathauses von Berlin-Neukölln, hinter hölzernen Flügeltüren, steht ein etwas rundlicher Mann mit Goldrandbrille und erzählt Besuchern stolz, das »Ur-Ei« für den sogenannten Campus Rütli habe er genau hier, an seinem Schreibtisch gelegt. Heinz Buschkowsky, der berühmte Klartextredner und SPD-Bezirksbürgermeister, kann seine Freude nur schwer für sich behalten über dieses einzigartige Modellprojekt, diese Schule für die Zukunft, die den Abgehängten, den Hartz-IV- und Migrantenkindern, eine Chance geben soll. Denn mit guter Bildung hatte der Name Rütli bislang nichts zu tun. Im Gegenteil.

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Illustration: Julia Schubert

Vor vier Jahren wurde die ehemalige Hauptschule deutschlandweit bekannt, weil ein Brief des Kollegiums an die Presse gelangt war, der sich als Kapitulation interpretieren ließ. Darin schrieben die Lehrer, sie seien »am Rand ihrer Kräfte« und dass sie sich teilweise vor ihren eigenen Schülern fürchteten. Spricht man Heinz Buschkowsky auf diese Zeit an, weicht der Stolz einer mimischen Demonstration von Ekel und Hass. Wie fühlte er sich, als im Frühjahr 2006 die Journalisten sein Viertel belagerten und der Name Rütli über Nacht zum Synonym für die schlimmste Schule Deutschlands wurde? Buschkowsky kneift die Augen zusammen, beißt sich auf die Lippe und schweigt erst mal. Dann sagt er: »Sie müssen sich die Situation damals wie im ersten Film von Sylvester Stallone als Rambo vorstellen: Rambo findet den Ausgang aus der Mine. Dann schaut er von diesem Berg hinab und sieht ein Heerlager unter sich. Alle warten gierig auf den Gewaltexzess.« Die Geschichte von »Rütli gestern« und »Rütli morgen« erzählt Klaus Lehnert am liebsten in Schienenverkehrsmetaphern, was wohl daran liegt, dass der Mann, der nun für die Erneuerung der Schule zuständig ist, früher mal bei der Bahn gearbeitet hat. »Die Schule war aus dem Gleis gelaufen«, sagt Lehnert über die Vergangenheit. Wichtig sei es nun, für die Schüler »Weichenstellungen ins Berufsleben« zu schaffen. Hier, in Nord-Neukölln, sind rund 35 Prozent der Menschen arbeitslos. Als Projektleiter hat sich Lehnert das pädagogische Design des Campus Rütli ausgedacht, den Heinz Buschkowsky und die Schirmherrin Christina Rau vor zwei Jahren das erste Mal öffentlich vorstellten, und der zeigt, was möglich ist, wenn sich politischer Wille bündelt: Damals hat Klaus Lehnert als Erstes die Rütli-Hauptschule mit der Realschule zusammengelegt, die ohnehin im selben Gebäude untergebracht war. Dann hat er eine Abiturklasse eingerichtet, 2015 erlangen nun die ersten Rütli-Schüler ihre Hochschulreife. Und in Zukunft sollen auf dem neu entstehenden Campusgelände die Kinder von 8 bis 21 Uhr betreut werden können, von der Kita bis zur Berufsausbildung. Es ist der Versuch, einem abgeschriebenen Ort Hoffnung einzuimpfen: durch pädagogische Reformen, aber auch durch Architektur und Design. Wer sich einen Eindruck vom Rütli-Istzustand machen will, muss die Rütlistraße nur ein paar Meter hineingehen, an zwei goldenen, garagentorhohen Froschstatuen vorbei, dann ragt auf der linken Seite das hundert Jahre alte Schulgebäude auf wie eine große Klammer aus Stein. Davor wachsen ein paar Büsche aus zylinderförmigen Betongefäßen, deren Außenseiten auf Deutsch, Türkisch und Arabisch mit Begriffen wie »Liebe«, »Respekt«, »Zukunft« beschriftet sind. Rechts hinter der Schule sieht man ein umzäuntes, weites braunes Feld, auf dem zwei einsame Dixi-Toiletten stehen. Die Bagger haben hier gerade einen alten Schrottplatz abgerissen, aber wann auf dem Gelände, das etwa so groß ist wie sechs Fußballfelder, tatsächlich gebaut wird, weiß niemand so genau. Die Kleingärtner von gegenüber sind jedenfalls dagegen und haben Transparente an die Hecken ihrer Schrebergärten gehängt. »Bildung für alle – keine Leuchttürme«, steht da geschrieben. Im Inneren der Schule riecht es noch immer nach Nachkriegsdeutschland, eine Mischung aus Sauerkraut, Gummi, Kreide und Farbe liegt in der stockigen Luft. Folgt man den Emailschildern mit der Aufschrift »zum Amtsleiter«, gelangt man in Cordula Heckmanns Büro. Die Zukunft, die draußen nur zu erahnen ist, kann man erst hier, vom Schreibtisch der neuen Gesamtschulrektorin aus, sehen: den Erweiterungsbau, die Sportplätze, die Turnhalle, ein Elternzentrum, die Flachbauten mit Werkstätten für die Berufsausbildung – alles noch virtuell. Heckmann hat sich die Entwürfe, mit denen das Berliner Architektenbüro Plus 4930 gerade zwei Wettbewerbe gewonnen hat, gerahmt und an der Wand aufgehängt. Es mache sie froh, da hinzuschauen, sagt sie. Aus Tschechien, Norwegen, Polen, Holland und Frankreich kamen jetzt schon Besucher, um sich zeigen zu lassen, was hier passiert. In ganz Europa scheint sich herumzusprechen, dass in Neukölln etwas entsteht, das eine Lösung sein könnte für Stadtviertel, die in der Krise sind: München-Hasenbergl, Duisburg-Marxloh oder Hamburg-Wilhelmsburg. Im Kern geht es um eine einfache Frage: Wie gibt man jedem Kind, unabhängig von seiner Herkunft, eine Chance? Früher muss die Rütli-Schule selbst den engagiertesten Menschen wie eine Strafe vorgekommen sein. Hier arbeiteten zwangsversetzte Lehrer aus dem Ostteil der Stadt, manche von ihnen weit über 50 Jahre alt. Lehrer, die in der DDR ausgebildet worden waren, auf ihre Rente warteten und noch nie einen arabischen oder türkischen Halbstarken von Nahem gesehen hatten. Hier kannst du weiterlesen. Autor: Fabian Dietrich

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