Neue Mitte

Hochzeitstorten, Eheringe, Bürgeridyll: Eigentlich sind Schwule längst die besseren Spießer. Über das neue Selbstverständnis einer Minderheit, die von Abgrenzung nichts mehr wissen will.
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Text: David Baum; Foto: Andreas Lux Endlich, die Schwulen kommen! Schon seit einer Stunde steht da ein älteres Ehepaar am Rand des Hamburger Glockengießerwalls und hat seinen Platz wacker verteidigt, um ja nichts zu verpassen. Jetzt aber: Lederkerle, knutschende Matrosen, Technogedonner, Federboas. Es ist CSD, Christopher Street Day, jene einst provozierend-kämpferische Gay-Parade, die heute als moderner Themen-Karneval auf der ganzen Welt stattfindet. Eine ziemlich großbürgerlich anmutende Frau dreht sich zu dem Ehepaar um und sagt strahlend: »Das ist schon eine tolle Kultur – auch wenn man selbst natürlich nicht involviert ist.« So ist das mit den Homosexuellen 2008 in Deutschland: von praktisch allen geliebt, geschätzt und toleriert. Sind doch herzig, die Schwulen.

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Illustration: Julia Schubert

Als Modevögel und Trendsetter, als angenehme Nachbarn mit Sinn für Gartenpflege. Man akzeptiert sie, auch als Politiker, evangelische Pröpste oder Quasi-Ehepaare. Bunte und Gala berichten ausführlich, wenn der Promi-Friseur Udo Walz seinem jungen Lebensgefährten in einem Fünf-Sterne-Hotel in Charlottenburg standesamtlich das Jawort gibt. Der DFB-Präsident Theo Zwanziger plant eine Kampagne gegen Homophobie, und der Nationalspieler Philipp Lahm lässt sich sofort für ein schwules Lifestyle-Heft fotografieren. Wenn der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in der FAZ eine Todesanzeige für seinen verstorbenen Sohn schaltet, ist es ganz normal, die Lebensgefährtin seiner Tochter mit in die Zeile der Familienangehörigen zu setzen. Die Homosexuellen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und das bedeutet auch: Sie inszenieren sich immer klassischer, legen Wert darauf, einfach nur die Nachbarn von nebenan zu sein. Der Stolz der Minderheit schwindet und macht Platz für ein neues, bürgerliches Selbstverständnis. Aber nicht alle Schwulen fühlen sich damit richtig wohl. »Schwule als Vorreiter einer neuen Spießbürgerlichkeit, als Vorzeige-modell fürs brave Leben im Familienkreis?«, fragte vor Kurzem das Szenemagazin Hinnerk in einer Titelgeschichte und stellte fest: »Heute geht die Mehrheit der Schwulenszene weder in die Schwulenkneipe noch auf die Schwulendemo. Höchstens auf den CSD – wenn der Sekt gut gekühlt ist.« In einer Designerwohnung am Hamburger Leinpfadkanal im feinen Stadtteil Harvestehude ist die friedliche Stimmung des Spätsommertags aus ähnlichen Gründen gerade empfindlich gestört. Hier lebt Peter Maßmann, als SPD-Lokalpolitiker Vorreiter für die sogenannte Hamburger Ehe, die ab 1999 die erste staatlich anerkannte Form des gleichgeschlechtlichen Zusammenlebens war, mit seinem Gatten Alexander Nebe. Gerade ist Maßmann in Rage – er spricht darüber, dass er jahrelang für Gleichberechtigung kämpfen musste und heute ausgerechnet die CDU einen schwulen Bürgermeister stellt und immer mehr Schwule dort Parteimitglieder werden. Sehr hässliche, nicht druckbare Dinge hat er eben über diese aus seiner Sicht politisch verwirrte Gruppe gesagt. Nebe, von Beruf Redakteur bei der Zeitschrift Gala, kommt auf den Balkon und sagt grinsend: »Du redest dich wieder um Kopf und Kragen!« Lies weiter - bei den Kollegen vom SZ-Magazin!

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