Nummer Eins der Publikums-Gunst: Hitler als Witzfigur

Nach dem Anblick von "Unsere Mütter, unsere Väter" fragt sich unsere generell äußerst ironie-begeisterte Autorin, ob Hitler wirklich zum Lachen ist.
jetzt-redaktion

Seit Monaten steht eine Hitler-Satire weit oben in den Bestsellerlisten und das ist natürlich toll: dass die Deutschen Gefallen am Lachen finden. An Ironie und Satire. Wie immer und überall lässt sich über Humor nicht streiten. Der eine hat ihn, der andere nicht, selten haben zwei den gleichen, wenn er überhaupt als solcher verstanden wird.

Wie Hitler im Berlin des Jahres 2012 erwacht, das hat Timur Vermes in Er ist wieder da sehr ausgiebig zusammen fabuliert. Und mit großem Erfolg. 400.000 Mal hat sich as Buch mittlerweile verkauft. Das Hörbuch mit der hitlernden Stimme von Christoph Maria Herbst steht immer noch auf Platz 1 der Hörbuch- Listen. Und gerade wird der Text in 28 Sprachen übersetzt. Das ist gar nicht so einfach. Nicht weil der Text lang ist und über weite Strecken im hitlerschen Jargon verschwurbelt und etwas selbstverliebt und auf den Witz hin nicht immer à point. Sondern auch, weil sich für Übersetzer typische Schwierigkeiten auftun: Wie übersetzt man Ironie in eine andere Sprache, besonders wenn sie durch Wortspiele entsteht, also durch Mehrdeutigkeiten? Und wie übersetzt man Jargons, in diesem Fall: Kreuzberger Jugendjargon, aber auch die Begriffe der Nazis?

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Illustration: Julia Schubert

Wie viel Satire vertragen wir?

Claus Sprick kennt sich mit diesen Problemen aus, er ist Richter und Übersetzer und Sinn für Humor hat er auch, nicht nur, weil er Asterix ins Rheinische übertragen hat. Er hat auch das Treffen der Übersetzer mit ihrem deutschen Autor geleitet, im Übersetzer-Kollegium in Straelen. Da waren vor Timur Vermes schon Günter Grass, Eugen Ruge oder Juli Zeh, um mit ihren Übersetzern heikle Stellen zu besprechen. Und die Hitler-Parodie, sagt Sprick, sei besonders heikel, denn: „Wenn die Satire in den Übersetzungen nicht deutlich wird, dann kann das unserem Ansehen im Ausland schaden.“ Also ging die Runde Seite für Seite des Textes durch, auf der Suche nach Übersetzungs-Problemen.

Hitler sitzt vor seinem Fernseh-Auftritt in der Maske und es fällt der Satz: „Haben Sie da nicht ein bisschen dick aufgetragen?“ Dieses ambivalente Bild, sagt Sprick, lasse sich überraschenderweise in fast alle Sprachen übertragen. Schwieriger: Hitler ist auf dem Oktoberfest und es wird ihm ein Dirndl-Dékolletée hingehalten „wie ein Klingelbeutel“. Den gibt es in der chinesischen Kirche nicht, weil es die Kirche da ja traditionell nicht gibt und also auch nicht das Ding, das dem Mann da hingehalten wird. Als ob die Frauen, die ein Dirndl ausfüllen, gern hätten, dass man da einen Obolus rein wirft, auf dass die Glocken klingeln. Aber egal, auch wenn das Bild ein bisschen na ja ist: Im Chinesischen Er ist wieder da muss ein anderes gefunden werden. Gleiches gilt für den „Volksgenossen“ im Italienischen. Der Genosse “del popolo” hat da einen kommunistischen Anklang. Noch immer. Nicht wie im Deutschen, wo der sozialistische Kamerad von den Nazis verunglimpft wurde. Also haben sie einen „Blutsgenossen“ im Italienischen aus ihm gemacht, sagt Sprick. Und auch für viele andere Begriffe aus jener verheerenden Zeit vor 70 Jahren. Wie beispielsweise die „Fliegenden Festungen“ (damals: Bomber der US-Luftwaffe) oder den „Pimpf“ (heute: „Alter, yo“). Für diese heiklen Feinheiten nutzten die Übersetzer ein für sie zusammen gestelltes Glossar gebräuchlicher Wörter des NS-Deutschen. Das leider offiziell vergriffen ist.

Über all solche Verständnis- und Übersetzungprobleme ließe sich weiter debattieren. Und auch über den Fakt, dass wir 70 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs manche seiner Begriffe oft selbst nicht mehr kennen und verstehen. Aber dennoch großen Spaß an Hitler-Satiren haben. Und dann sendet das deutsche Fernsehen einen Film über den Krieg Hitlers und der Deutschen. Und das ist so entsetzlich, so grausam und gut dargestellt, dass man denkt: Vielleicht sollte man das mit dem Spaß an Hitler doch relativieren. So fern ist die “Er-ist-wieder-da”-Witzfigur von dem, was sie verursacht hat.

Text: jetzt-redaktion - Text: Nataly Bleuel, Foto: dpa

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