Offene Fragen 2007

Das Jahr 2007 hat viele Fragen offen gelassen. Hier kommen die Antworten:
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Illustration: Julia Schubert

Wo sind Britneys Haare? Den Ventura Boulevard in Tarzana, dem schmuddeligen Randgebiet des San Fernando Valley, benutzen die Prominenten von Los Angeles lediglich, wenn sie sich in einem der Tattoo-Studios tätowieren lassen wollen. Oder wenn der Stau den Highway nach Malibu verstopft. Britney Spears fuhr am 16. Februar um halb acht abends den Ventura Boulevard Richtung Pazifik, und was genau in ihrem Kopf vorging, wissen wir nicht – obwohl ein Heer von Psychologen seit diesem Tag versucht, ihr Benehmen zu analysieren. Am Morgen war die Sängerin aus einer Entzugsklinik in Antigua abgereist und checkte angeblich am Samstag im Cedars-Sinai Medical Center in Beverly Hills ein. In der Zwischenzeit muss sie furchtbar unzufrieden mit ihrer Frisur gewesen sein. Also wies sie spontan ihren Fahrer an, den Jeep auf den Parkplatz vor dem kleinen Hinterhoffriseur namens »Esther’s Haircutting Studio« zu steuern. Die Paparazzi stellten ihre Autos in ein paar Metern Entfernung ab. Der Rest ist Legende: Weil die Friseurin sich weigerte, selbst Hand anzulegen, drückte ihr der Bodyguard fünfzig Dollar in die Hand und Britney rasierte sich den Kopf eigenhändig kahl. Durch die Tür fotografierten Paparazzi. Zehn Monate später möchte Esther Tognozzi über die ganze Angelegenheit nicht mehr lange reden. CNN war da und wohl ziemlich jeder Journalist der westlichen Welt, so kommt es ihr vor. Tognozzi, Typ italienische Mamma aus einem Schwarz-Weiß-Film, hat auf dieselben Fragen zu oft dieselben Antworten geliefert: Britney saß auf dem dritten der vier Frisierstühle; sie weinte; sie sagte, ihre Mutter werde sicher wütend reagieren wegen der Glatze; sie wollte weder über die Kinder sprechen noch über das Wetter. Nachdem der Kopf geschoren war, ließ sich Britney eine Tüte geben, stopfte die Haare hinein und verschwand, um sich ein paar Blocks weiter im Tattoo-Studio »Body and Soul« Lippen auf das Handgelenk tätowieren zu lassen. »Ich dachte nur noch, hoffentlich holt die Mutter ihre Tochter bald nach Hause und päppelt sie wieder auf«, sagt Tognozzi. In der Eile hatte Britney viele Haare auf dem Boden liegen gelassen. Tognozzi holte Besen und Schaufel und sammelte die Reste der schmutzig blonden Strähnen ein. Sagenhafte Idee: Sie würde Britneys Haare im Internet versteigern und ein Vermögen damit verdienen. »Was heißt schon ›Britneys Haare‹?«, sagt Tognozzi. Ihre echten Haare waren doch höchstens zehn Zentimeter lang gewesen, und angeschweißt waren noch mal zehn Zentimeter künstliche Verlängerungen. Bereits am Sonntag, den 18. Februar, hatte Esther Tognozzi die Website www.buybritneyshair.com freischalten lassen, über die sie die zusammengeklaubten Haare zum Mindestgebot von einer Million Dollar beim Internetauktionshaus Ebay anbot – das von der Sängerin zurückgelassene Bic-Feuerzeug, die Haarclips und eine Dose Red Bull im Preis inbegriffen. Die Website versprach: »Die ultimative Britney-Spears-Erfahrung! Dieses Stück Geschichte kann niemals kopiert werden.« Doch in der Woche bis zum 23. Februar boten Hunderte Leute aus aller Welt Haare von Britney Spears auf Ebay zum Verkauf. Ein Anbieter behauptete, die Schwester eines Freundes habe ein paar Locken an der Schuhsohle kleben gehabt – und forderte 30 000 Dollar. Schließlich, so Ebay-Sprecherin Catherine England, musste das Auktionshaus sämtliche Angebote verbannen – auch das von Tognozzi. Es waren ohnehin keine Gebote eingegangen, gibt die Friseurin zu. »Dabei hätte ich so gern einen Teil des Geldes an ›Locks Of Love‹ gespendet. Das ist eine Organisation, die Kindern hilft, wenn sie unter Haarausfall leiden.« Anfang Dezember listete Ebay sechs Angebote auf für »Fotos von Britney inklusive Haar« zum Preis ab 4,09 Dollar. Doch vor diesen Offerten warnt Tognozzi. Schließlich kennt nur sie den Ort, wo sich das echte Haar befindet: »Es liegt an einem sicheren Platz.«


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Illustration: Julia Schubert

Ist Borat nach den vielen Klagen am Ende? Der Komiker Sacha Baron Cohen hat vorläufig keine weiteren Pläne mehr mit seiner Figur »Borat«. Zuletzt verklagte ihn der Fahrlehrer, der im Film Borat zu sehen war, auf Schadenersatz in Millionenhöhe. Im Augenblick bereitet Cohen ein größeres Projekt vor mit »Bruno«, dem von ihm bereits gelegentlich verkörperten schwulen österreichischen Modejournalisten. Läuft es gut für das 13-jährige Fußballwunderkind aus Peru beim FC Bayern? Pier Larrauri Corroy lebt seit dem 16. August mit seinem Vater in München, einem Arzt, der sich dafür ein Jahr freigenommen hat. Der Vertrag seines Sohnes läuft eine Saison, bis zum Frühjahr, mit der Option auf Verlängerung. Er wird vom Nachwuchstrainer des FC Bayern, Christian Barth, betreut. Der ist bislang zufrieden mit Pier, sagt aber: »Ob sich einer bis zu den Profis durchsetzen kann, weiß man erst nach der A-Jugend« – also in fünf Jahren. Denn mit 13 ist Pier zwar genauso alt wie einst Lionel Messi, als der Argentinier zum FC Barcelona ging. Heute ist Messi einer der besten Spieler der Welt und die Ablösesumme für den FC Bayern unbezahlbar. Mit 13 Jahren steht Pier aber auch ein Zweikampf bevor, bei dem ihm all seine Schnelligkeit und seine Ballbeherrschung nicht helfen: die Pubertät. Diese Phase fürchten Nachwuchstrainer mehr als Kreuzbandrisse, weil die Jungen auf einmal nicht mehr nur von ihren Fußballhelden träumen, sondern auch von deren Spielerfrauen. Nicht wenige Karrieren enden in Diskotheken. Vorerst trainiert Pier aber dreimal in der Woche, am Wochenende ist meist ein Spiel. Dabei stehen die Nachwuchsspieler immer unter Beobachtung: »Pier, how many goals today?«, fragt der Trainer den jungen Peruaner bei einem Übungsspiel. »Five«, antwortet Pier. »And your Team?« – »34«. Dass Bayern-Spieler selbst im Training jedes Tor zählen, hat Pier jedenfalls verinnerlicht.


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Illustration: Julia Schubert

Wie geht es dem Mädchen, das bei einem S-Bahn-Unfall beide Beine verlor? An den 7. Mai 2007, den Tag ihres Unfalls am S-Bahnhof Possenhofen, ihren täglichen Weg vom Starnberger See in ein Münchner Gymnasium, kann sich Daisy Princess Krieg nicht mehr erinnern. »Ich weiß nur noch, wie ich morgens vom Parkplatz zum Bahnsteig gegangen bin, von da an ist alles weg.« Zehn Tage später erwacht sie nach und nach aus einem künstlichen Koma, man erzählt ihr, was passiert ist, sie liest die Zeitungsartikel über sich, als wäre es eine andere. In denen steht: Eine 18-jährige Schülerin fiel am Bahnsteig vor die einfahrende S-Bahn, wegen einer Kreislaufschwäche, beide Beine wurden an den Unterschenkeln abgetrennt, die Schülerin zog sich danach sogar noch selbst auf den Bahnsteig und wurde mit einem Hubschrauber in die Unfallklinik Murnau gebracht. »Am Anfang war es schwer, die Geschichte zu glauben, sich damit zu identifizieren, obwohl ich im Krankenbett ja sehen konnte, was passiert war.« Nach 16 Operationen kann Daisy heute, mit zwei Prothesen, wieder gehen. Sie wollte keine Krücken und auch die beiden Stöcke, die ihr anfangs bei der Balance halfen, hat sie nun abgelegt, »das sah zu sehr nach Nordic Walking aus«. »Es geht mir gut«, diese Antwort hat sie ihren Mitschülern, ihren Lehrern oft gegeben, auf die immer gleiche Frage. »Aber das Wichtigste ist, dass man weitermacht.« Sie hat die Klausuren nachgeholt und zusätzliche Fahrstunden genommen, um einen Automatikwagen fahren zu können. Nächstes Jahr will sie Abitur machen, danach hat sie vor, Jura zu studieren. Ihre Ziele treiben sie weiter in die Zukunft, in »ein anderes, ein neues Leben«, wie sie sagt, und doch bleibt die Gegenwart von jenem 7. Mai bestimmt. Als Daisy sich in der Intensivstation das erste Mal am Rand des Bettes aufsetzte, damit man sie in einen Rollstuhl heben konnte, wurde ihr schwindlig, es befiel sie eine unendliche Panik. »Ich merkte, dass ich falle, vielleicht nicht so tief wie vom Mount Everest, aber jedenfalls so, dass ich mich nicht auffangen kann.« Als sie wenig später das erste Mal aufstehen sollte, stand sie auf zwei Prothesen, stützte sich mit den Händen an einem Barren seitlich ab, Ärzte und Therapeuten, denen sie viel verdankt, standen um sie herum, sagten ihr, wie sie gehen solle. »Das klang für mich absurd, völlig abstrakt.« Sie versuchte es, hob ein Bein, setzte es ab, dann das andere. Aber wie? »Einer hat dann gesagt, ich soll einfach nach vorn schauen, nicht auf meine Beine. Ich wusste nicht, wie ich laufen sollte, aber dann bin ich gelaufen.« Kurz nach ihrem Unfall fragte Daisy ihre Mutter einmal: Warum ich? Und warum beide Beine? Aber Daisy merkte, dass es auf die Frage nach dem Warum keine Antwort gab. Wie bei ihren ersten Gehversuchen begann sie, nach vorn zu blicken. »Irgendwann hörte ich auf, immer nur nachzudenken, ich hörte auf zu weinen, vielleicht weil es keine Tränen mehr gab.« Aber die dunklen Momente kann sie nicht einfach abschalten. Daisy sagt, dass sie durch den Unfall erwachsen geworden sei, noch mehr, sie sei nun, wie der Vater, die Mutter und ihr Freund, ein anderer Mensch als zuvor. Früher regte sie sich über Kleinigkeiten auf, etwa wenn es ein Paar Schuhe nicht mehr in ihrer Größe oder einer bestimmten Farbe gab. Jetzt lacht sie über ihren jüngsten Schuhkauf. Der Verkäufer schwärmte, wie bequem man mit diesem und jenem Schuh abrollen könne. Er hatte nicht gemerkt, dass Daisys Füße starre, gefühllose Prothesen sind. Wenn Daisy, mit ihren Röhrenjeans, mit den Paillettenturnschuhen von ihrem Zimmer die Treppe nach oben ins Wohnzimmer steigt, würde einem im ersten Moment auch nichts auffallen, außer dass sie sich am Geländer festhält, ihre Beine vorsichtig aufsetzt, als wären sie zerbrechlich. Aber für sie ist der Anschein des Alltäglichen schwer, schwer wie ein unebener Untergrund, auf dem sie immer wieder aus der Balance kommen kann. »Man wird jeden Abend und jeden Morgen beim An- und Ausziehen, das mühsam ist und oft ewig dauert, daran erinnert.« Daisy sagt, Menschen mit einer schweren Krankheit, die diese überstanden haben, können vielleicht damit abschließen, »aber meine Situation geht nicht vorbei«. Vor Kurzem war sie wieder auf dem Bahnsteig, aber die Erinnerung kam nicht. Vielleicht sei es besser, sagt Daisy, wenn sie sich nicht an alles erinnere – aber doch an einen Moment wenigstens, zum Beispiel, wie sie ohnmächtig wurde. »Dann könnte ich mich daran festhalten, um abzuschließen und in mein neues Leben zu gehen.« Weitere offene Fragen aus dem Jahr 2007 findest du auf sz-magazin.de

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