"Publikumsliebling sein - wer will das nicht?"

Es heißt, Michael Ballack ist arrogant und mag keine Journalisten. Doch seine Fans liebt er. Für sie unterbrach er sogar dieses Interview.
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Illustration: Julia Schubert

Von: ANDREAS BERNARD UND GERALD SELCH (Interview), David Drebin (Fotos) 

London, »Millennium Hotel« auf dem Gelände des Chelsea-Stadions, ein Uhr mittags: Von der Bar im ersten Stock aus sieht man Michael Ballack vorfahren, in einem weißen Porsche mit Stuttgarter Kennzeichen. Als er die Treppe heraufkommt – teure schwarze Lederjacke mit Kapuze, zerrissene Jeans, die Haare wieder länger, Dreitagebart –, verstummen die Gespräche im Raum. Erster Eindruck: Wenn es immer heißt, dass Menschen in Wahrheit wesentlich kleiner sind, als sie im Fernsehen wirken, gilt für ihn das Gegenteil. Er soll zunächst ein paar Fragen von einem Radioreporter beantworten. Routine, eigentlich. In der Bar unterhält Ballacks Berater Michael Becker derweil die Runde mit internen Informationen über den Wechsel Beckhams nach Los Angeles, die kümmerliche Wahrheit hinter dem angeblichen 250-Millionen-Dollar-Transfer, und nach einer Weile dämmert der jungen Chelsea-Pressesprecherin, dass Ballack ja noch im Nebenzimmer sitzt. Der stürmt auf einmal aus der Tür, schimpft über den Journalisten – »Der wollte doch tatsächlich wissen, wann ich geboren bin« – und dass keiner das Interview unterbrochen habe. Der Fototermin im Chelsea-Stadion mit dem kanadischen Starfotografen David Drebin und unser Gespräch stehen kurzzeitig auf der Kippe: akuter Journalistenüberdruss plötzlich bei Ballack, Lust, jetzt doch eher gleich heim zu den Kindern zu fahren. Er lässt sich aber besänftigen und posiert zwei Stunden lang bei knapp über null Grad für den begeisterten Drebin. Anschließend geht es zurück in die Spielerlounge neben der Hotelbar, zum ausführlichen Gespräch bei Mineralwasser und Cappuccino (den Ballack so lange umrührt, bis kein Schaum mehr zu sehen ist).

SZ-Magazin: Ihr rechtes Auge ist ja total blutunterlaufen.

Michael Ballack: Ein Zusammenprall mit dem eigenen Mann, beim Torjubel letztens. Nichts Schlimmes.

Mal sehen, wie das dann auf den Fotos aussieht.

Warum?

Es heißt doch immer, Sie seien so eitel.

Genau! Und arrogant dazu.

Sagt man.

Sagt man das? Ganz am Anfang meiner Karriere hat ein Journalist mal so etwas geschrieben: Ich sei eitel und arrogant. Dabei kannte mich der Kollege doch überhaupt nicht. Ich habe anfangs noch versucht, mich zu wehren, und gefragt: Warum soll ich arrogant sein, nenn mir ein Beispiel? Nichts. Trotzdem: Zwei Wochen später wieder der gleiche Vorwurf – einfach abgeschrieben – in einer anderen Zeitung. Irgendwann dachte ich mir: Ihr könnt mich mal mit euren Vorurteilen. Schreibt doch, was ihr wollt.

Klingt ernüchtert.

Nicht grundsätzlich, aber manchmal wundere ich mich schon, was Leute schreiben, mit denen ich noch nie in meinem Leben ein Wort gewechselt habe. Die sehen mich spielen und schreiben einfach drauflos.

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Illustration: Julia Schubert

Sie hatten es besonders im letzten Jahr beim FC Bayern nicht immer einfach. Es scheint so zu sein: Entweder man mag Sie. Oder eben nicht. Es gibt wenig dazwischen.

Wenn ich an Leverkusen zurückdenke: Da haben bei meinem Abschied vor fünf Jahren viele geweint, die Fans und ich. Bei Bayern war das zum Schluss nicht mehr so, das stimmt schon, was ich aber nicht verstehen kann.

 

Bei Bayern München, Ihrem Ex-Verein, hatte zuletzt Trainer Felix Magath alle Kritik abgekriegt. Bis er entlassen wurde.

Als ich weg war, da hat es ihn erwischt (lacht). Aber ernsthaft: An wem konnten sich Presse, Fans und Vereinsbosse in München denn noch reiben nach meinem Abgang? Vielleicht an Oliver Kahn? Also ist der Druck auf Felix Magath noch größer geworden, als er ohnehin schon war.

 

Man liest in Deutschland öfter, es laufe in Chelsea nicht hundertprozentig, Sie würden sogar hin und wieder ausgebuht werden.

Das müsste ich doch eigentlich hören in den engen Stadien, oder? Nein, die Fans sind sehr fair zu mir, obwohl ich noch nicht meinen besten Fußball gezeigt habe.

 

Bei der Weltmeisterschaft, im Deutschland-Trikot, wurden die Spieler der Nationalmannschaft von allen gefeiert. Hat es damals gutgetan, einmal die uneingeschränkte Zuneigung zu spüren in der Öffentlichkeit?

Ja.

 

Wären Sie gern ein Publikumsliebling wie zum Beispiel Mehmet Scholl?

Publikumsliebling sein – wer will das nicht? Ganz klar. Aber, wie soll ich sagen: Der eine ist’s halt, der andere nicht.

 

Auf SZ-Magazin.de kannst du den zweiten Teil des Interviews mit Michael Ballack lesen.

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