»Ratten und Wölfe jagten mich«

Arnhild Lauveng war zehn Jahre lang schizophren, heute arbeitet sie als Psychologin. Ein Gespräch über ihre schlimmen Erfahrungen und die Hoffnung für andere.
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Illustration: Julia Schubert

Von: Lars Reichardt (Interview); Foto: Jeanette Landfald; Illustration: Mario Wagner 

SZ-Magazin: Frau Lauveng, wie gering ist die Chance, von Schizophrenie geheilt zu werden?

Arnhild Lauveng: Das sollten Sie nicht mich fragen, ich glaube nicht an Zahlen.

Einige Ihrer Kollegen halten Schizophrenie immer noch für unheilbar.

Andere sehen die Chance bei zehn Prozent. Ich denke eher, ein Drittel wird wieder gesund. Aber all diese Zahlen besitzen kaum Aussagekraft. Es kommt immer auf den Einzelfall an.

Wie hoch also war Ihre persönliche Heilungschance?

Einige Ärzte diagnostizierten mich als hoffnungslosen Fall, darunter auch der bis heute renommierteste Psychologe Norwegens, der empfahl, mich wegzusperren. Man sagt ja, je früher eine Schizophrenie auftritt und je langsamer sie sich entwickelt, desto schlimmer sei ihr Verlauf. Insofern war meine Prognose sehr schlecht; man diagnostizierte Schizophrenie bei mir mit 17 Jahren, und ich war sicher schon einige Zeit zuvor krank. Allerdings besitzen erkrankte Frauen eine leicht günstigere Prognose als erkrankte Männer.

Erklären Sie sich diesen Umstand mit den weiblichen Hormonen?

Eher damit, dass Frauen sich immer noch leichter tun, über sich und ihre psychischen Probleme zu reden. Männer werden auch leichter paranoid, ihr Drogen- und Alkoholmissbrauch ist traditionell höher. Aber niemand kennt die genaue Ursache für die unterschiedliche Gefährdung von Frauen und Männern und ihre unterschiedlichen Genesungschancen. Die Wissenschaft weiß überhaupt noch recht wenig über diese Krankheit.

Sie waren zehn Jahre lang schizophren, verbrachten etwa sieben Jahre davon in geschlossenen Anstalten, studierten anschließend Psychologie und behandeln heute, im Alter von 36 Jahren, in einem Vorort von Oslo selbst psychisch kranke Menschen. Betreuen Sie dort auch Patienten mit Schizophrenie oder leichteren Psychosen?

Ja, etwa zwanzig oder dreißig, die meisten von ihnen werden sich erholen. Ich arbeite in einer psychiatrischen Ambulanz, mit Menschen, die oft noch allein leben können, da ändert sich die Patientenzahl laufend.

 

Könnte es sein, dass Sie die Heilungschancen bei Schizophrenie aufgrund Ihrer eigenen Krankengeschichte sehr viel optimistischer einschätzen als die meisten Ihrer Kollegen?

Vielleicht. Aber selbst wenn nicht jeder Schizophrene wieder ganz gesund werden kann, so führen doch viele Kranke durch unsere Hilfe ein besseres Leben, ein Leben mit weniger Beschwerden und mehr Kontakten zu Familie und Freunden. Allein darauf kommt es doch an.

 

Sind zehn Jahre eine vergleichsweise lange Krankenzeit bei Schizophrenie?

Etwa ein Drittel aller Patienten leiden ein Leben lang an dieser Krankheit, da nehmen sich zehn Jahre recht kurz aus. Einige Menschen erleben nur einmal eine kurzzeitige Psychose, die dann nie wieder auftritt – im Vergleich dazu erscheinen zehn Jahre als sehr lang. Aber ich will mich nicht beklagen. Nur wenige werden nach zehn Jahren Behandlung mit schweren Medikamenten überhaupt wieder gesund.

 

Den Rest des Interviews findest du auf sz-magazin.de.

 
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