Schwer: in Ordnung

Seit Ewigkeiten lassen wir uns vom Mythos Idealgewicht knechten. Dabei ist längst klar: Fitte Dicke sind gesünder als schlappe Dünne. Höchste Zeit, dass die Verfechter des Schlankheitswahns ihr Fett wegkriegen.
christina-waechter

Von Werner Bartens Zur Vorspeise gab es Salz und Öl. Die Gäste konnten zwischen verschiedenen Körnungen und Herkunftsregionen wählen, der Hausherr erläuterte die Details. Die Öle kamen aus kretischen und apulischen Hanglagen, das Salz aus dem Himalaja und aus Norwegen. Zudem war Fleur de Sel im Angebot, die abgeschöpfte Sole von verdampftem Meerwasser. Man tropfte sich einen Klecks Öl auf übergroße weiße Teller, tunkte italienisches Brot hinein und nahm mit der feuchten Pampe ein paar Salzkörner auf.

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Illustration: Julia Schubert

Unter den Anwesenden war niemand, dessen Body-Mass-Index jenseits der 25 lag. Alle sahen schlank, gesund und gut aus. Die Oberschicht hat sich ein paar neue Abgrenzungsrituale zugelegt. Natürlich erzählt man immer noch gern vom aufwühlenden Konzerterlebnis oder der letzten Vernissage, aber Menüfolgen und ausgefallene kulinarische Vorlieben sind längst genauso beliebt, um sich der Zugehörigkeit zu einer höheren sozialen Schicht und Einkommensklasse zu vergewissern. Allein das connaisseurhafte Geschwätz über Wein ist etwas in Verruf geraten, seitdem auch Lohnbuchhalter und Diplomingenieure Weinseminare buchen. Die gespaltene Gesellschaft zeigt sich aber nicht nur daran, ob jemand Fasan statt Fastfood kauft. Wichtig ist nicht nur, was in den Körper hineinkommt, sondern auch, wie der Körper geformt ist. In der aktuellen Debatte um dicke Deutsche und die Volkskrankheit »Übergewicht« geht es nicht nur um eine Massen-, sondern auch um eine Klassenfrage. Im Streben nach Schlankheit verbindet sich die protestantische Verzichtsethik einer aufstrebenden Mittelschicht mit dem Genussideal der Toskana-Fraktion. Erlaubt ist, was kulinarisch-kulturell adelt - und nicht dick macht. Gerade erst hat das Kabinett sogar einen »Nationalen Aktionsplan« vorgestellt, mit dem das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Bundesbürger bis 2020 verbessert werden soll. Dabei müsste man den Begriff »Übergewicht« aus medizinischer Sicht längst streichen - oder ihn umbenennen: in Idealgewicht. Hier kannst du weiterlesen.

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