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Unter dem Himmel über Berlin

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Schon das zweite Fahrrad im Straßengraben. Einige hatten es also nicht geschafft. Wir traten noch kräftiger in die Pedale. 22 Kilometer lagen bereits hinter uns, vorbei an Kuhwiesen, Fischteichen, Bauernhöfen, es dämmerte bereits, die Nacht zog herauf. Der Weg zu einer Open-Air-Party kann manchmal harte Arbeit sein.

Wir waren mittags aufgebrochen und hatten im Edeka am Berliner Hauptbahnhof noch ein paar Flaschen Sekt und Nudelsalat gekauft. In der Regionalbahn Richtung Neustrelitz saßen Wochenendausflügler und studierten ihr Kartenmaterial, um den passenden Ausschnitt in den Kartenhalter ihres Trekkingfahrrads zu klemmen. Wir hatten keine Karte, aber immerhin ein internetfähiges Handy und vor ein paar Stunden eine E-Mail erhalten, in der der Name des Ortes stand, an dem die Schnitzeljagd zur Technoparty losgehen sollte. Während der Sekt in unseren Rucksäcken wärmer wurde, freuten wir uns, es endlich mal wieder aus der Stadt geschafft zu haben.

Nun muss man nicht für jede Open-Air-Party mit dem Zug bis nach Mecklenburg-Vorpommern fahren, um dann mit dem Rad an einer Rallye teilzunehmen. Im Sommer werden in Berlin an jedem Wochenende in irgendeinem Park ein paar Boxen, Plattenspieler und ein Generator aufgestellt. Aber je beschwerlicher der Weg, desto größer die Freude anzukommen. Nach fünf Stunden und 35 Kilometer Landstraße war es bei uns so weit. Kurz vor dem Dorf Schweinrich bogen wir in einen Waldweg ein, sternenklare Nacht, zwischen den Tannen hörten wir Stimmen. Dann öffnete sich eine Lichtung, und wir mussten aufpassen, nicht über die Schnüre der Zelte zu stolpern. Statt Nudelsalat aßen wir einen Ökoburger, den ein Hippie in seinem Bauwagen gebrutzelt hatte. Wie er seinen Bauwagen auf diese Wiese mitten im Wald gefahren hatte, wussten wir nicht, nur dass dieses Fest hier als Demonstration gegen den Krieg und nicht als Technoparty angemeldet war. Satt und zufrieden krochen wir in unsere Schlafsäcke.

Bis auf einmal die Musik vor unsere Zelte schwappte und uns hinauszog in den Sonnenaufgang. Hinter dem DJ-Pult, über das ein weißes Laken gespannt war, lag tatsächlich ein See, den hatten wir in der Dunkelheit gar nicht gesehen, und in dem See standen nackte Menschen und wuschen sich. Der Waldboden federte, als wir zu tanzen begannen, das passte gut zur Musik, die hier weicher, erdiger klang als zwischen den Betonwänden eines Clubs. Nach kurzer Zeit waren unsere Füße ganz braun und sandig. Das Haar klebte uns auf der Stirn, einige hatten Glitzerstaub unter den Augen. Es tat gut, das Lächeln auf den Gesichtern der Menschen zu sehen, und es nicht nur erahnen zu können wie in einem dunklen Club.

Am Nachmittag spazierten wir um den See, lagen im Moos, und als wir wiederkamen, tanzten 600, 700 Leute. Wir verloren uns und fanden uns beim Ökoburgerhippie wieder. Als wir gerade die letzte Flasche Sekt geöffnet hatten, kam ein junger Mann mit Pausbäckchen und roten Haaren und einem Skater-T-Shirt von Cleptomanicx auf uns zugerannt. Wir kannten ihn nicht, aber teilten den Sekt mit ihm, so war die Stimmung. Dann zeigte der Rothaarige auf die Sonne, die so tief stand, dass die Kiefernwipfel zu glühen schienen. Er sagte: »Schön wars!« Und er hatte recht – mit der Sonne verschwand auch die Musik.

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Text: max-scharnigg - Fotos: Fabian Zapatka

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