Wenn der Vater mit dem Sohne

George Clooney fliegt ins Krisengebiet Darfur, spricht vor dem UN-Sicherheitsrat und setzt sein Lächeln für die Politik ein. Das hat er von seinem Vater. Ein Hausbesuch bei den Clooneys. von Philipp Oehmke
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Schließlich, am Ende dieses Tages in Kentucky, ist George Clooney doch noch am Telefon. Damit hatte nun keiner mehr gerechnet. George habe nämlich wirklich keine Zeit im Moment, hatte seine Mutter am Nachmittag mit der nur Mütter eigenen Nachsicht erklärt. Es sind ja dies immerhin die Tage der letzten Dreharbeiten von Ocean’s 13, der Fortsetzung der Fortsetzung von Ocean’s 11 also, einem immens wichtigen Film für George. Mit dem müsse er jetzt mal wieder Geld verdienen, hatte die Mutter gesagt. George verdiene nämlich sonst kaum Geld, ganz wenig, hatte der Vater ergänzt, die Filme seien zwar toll – zuletzt die politischen Filme Good Night, And Good Luck über das Amerika der McCarthy-Ära und Syriana über Amerikas finsteren Kampf um seine Ölressourcen –, aber diese Filme brächten kein Geld. Good Night, And Good Luck hat George mit Teilen seines Privatvermögens finanziert, bei Syriana hat er seine Gage dem Regisseur zuliebe, seinem Freund Steven Soderbergh, auf ein Zehntel des ihm angemessenen Tarifs von 25 Millionen runtergeschraubt. George Clooneys Feinde – und davon, das werden wir sehen, gibt es einige – fragen deswegen, was der Typ denn eigentlich wolle. Der hatte in den letzten zehn Jahren exakt zwei kommerzielle Erfolge: Die Komödie Ocean’s 11 und deren lahme Fortsetzung Ocean’s 12. Bisschen wenig, nicht? Jetzt muss also Ocean’s 13 ein Erfolg werden und am besten auch der schon abgedrehte The Good German, aber das ist wieder so ein Soderbergh-Film. 

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Illustration: Julia Schubert

George Clooneys Mutter Nina glaubte also, George wäre nun mit Ocean’s 13 zu sehr beschäftigt, um sich jetzt noch mal bei seinen Eltern zu melden. Doch Clooney – auch das wird mit zunehmender Zeit, die man hier in Kentucky mit seinen Eltern verbringt, noch deutlicher werden – ist nicht nur der perfekte Schwiegersohn, er ist vor allem auch: der perfekte Sohn. Und deshalb ist George nun doch noch am Telefon; aus Las Vegas ruft er auf dem Handy seines Vaters an.

»Hey, Pop! How’s my old man doin’?« George Clooneys Stimme ist so laut und so gut gelaunt, dass man sie versteht, selbst wenn man nur daneben steht; sie donnert. »Wie geht es denn meinem alten Mann?« So redet der?

Über George Clooney weiß die Weltöffentlichkeit ungeheuer viel – über seine Exfreundinnen (Talia Balsam, Céline Balitran, Lisa Snowdon), sein Haus am Comer See (15 Zimmer, 18. Jahrhundert), sein Hausschwein (gerade gestorben), seine Opposition zum konservativen Amerika (gegen den Irakkrieg, für einen UN-Einsatz in Darfur). Clooney ist eigentlich fast jeden Tag in der Zeitung, er dementiert nie etwas, lässt sich als die neue Identifikationsfigur der amerikanischen Liberalen, als neuer Kennedy, genauso feiern, wie er sich von allen und jedem zum Sexiest Man Alive wählen lässt; zwischendurch fährt er nach Darfur oder redet vor dem UN-Sicherheitsrat: All das stimmt wirklich, all das ist bekannt, doch gleichzeitig hebt sich alles irgendwie gegenseitig auf. Das ist der Clooney-Trick. Am Ende bleibt ein Wust an Clooney-Infos, aus dem der wahre George Clooney, falls es ihn gibt, gut gelaunt hervorwinkt. Jetzt kommt zu diesem Wust auch noch hinzu, dass George Clooney offenbar spricht wie ein Trottel in einer amerikanische Vorabendserie. »Hey Pop, how’s my old man doin’?«

Vielleicht spricht George Clooney so auch bloß, wenn er seinen Vater anruft. Vielleicht spricht er dann, wie man hier spricht, in Augusta im Bundesstaat Kentucky, wo George Clooney aufgewachsen ist, wo seine Eltern – Vater Nick, Fernsehjournalist in Rente; Mutter Nina, Exmodel – noch leben, wo Amerika so altertümlich erscheint, wie es in Wirklichkeit ist. Hier ging George auf die Augusta Highschool, hier erntete er in den Ferien auf den Tabakfeldern die Stauden, hier küsste er in den Siebzigern in der Nähe der Highschool, gleich am Fluss, die ersten Mädchen.

 

Die Eisenbahnstrecke nach Chicago zerschneidet Augusta genau in der Mitte, am nördlichen Rand begrenzt es der Ohio River; die nächste Brücke über den Fluss ist einige Meilen flussaufwärts, an der Bundesstraße 8 Richtung Maysville. In Augusta werden die Grundstücke teurer, je weiter sie von den Schienen entfernt sind, denn einmal in der Stunde pfeift mit Getöse eine Lok durch den Ort, auch nachts: Wer hier nicht sein Leben lang gewohnt hat, schläft nur im Stundentakt. Es gibt einen Saloon, einen Gemischtwarenhandel, ein Souvenirgeschäft, ein plüschiges Hotel, eine Schule. Außerdem kommen aus dem Ort dreieinhalb Stars; sie heißen, geordnet nach ihrer Bedeutung:

 

1. Rosemary Clooney, Georges 2002 verstorbene Tante, Sängerin und Schauspielerin, eine Art weiblicher Johnny Cash (Alkohol, Tabletten, Gesang und Film), ihr ist das einzige Museum des Ortes gewidmet, das Rosemary Clooney Museum; 2. Heather French Henry, Miss America 2000, ihr ist die Suite im Hotel gewidmet; 3. George Clooney, Schauspieler, aber, so die lokale Meinung, in teilweise etwas komischen Filmen (der Vampirfilm <i>From Dusk Till Dawn</i> kam in Augusta nicht gut an, auch nicht bei den Eltern). Der halbe Star schließlich ist Nick Clooney, Rosemarys Bruder und Georges Vater, Nachrichten-Anchorman, Talkmaster und Zeitungskolumnist.

 

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