Wir Kinder von Traurigkeit

Jahrhundertelang feierten die Menschen heiter und unbeschwert. Erst die Moderne brachte uns Autonomie, Fortschritt und Reflexion. Aber leider auch eine unheilbare Traurigkeit, die wir bis heute fühlen.
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Illustration: Julia Schubert

Von: Barbara Ehrenreich 

Im 17. Jahrhundert wurde zunächst England und dann ganz Europa von einer Plage heimgesucht, die man heute als eine Depression von epidemischem Ausmaß bezeichnen würde. Das Übel befiel junge wie alte Menschen, stürzte sie über Monate oder Jahre in einen Zustand krankhafter Lethargie und verursachte furchtbare innere Qualen. Besonders betroffen schienen erfolgreiche und hochbegabte Männer – und sei es nur, weil sie mehr als jede andere gesellschaftliche Gruppe publizierten und in Publikationen beschrieben wurden. Der puritanische Schriftsteller John Bunyan, der politische Führer Oliver Cromwell, die Dichter Thomas Gray und John Donne, der Essayist und Theaterautor Samuel Johnson gehören zu den ersten und bekanntesten Opfern dieses Leidens. Den Medizinern war die Krankheit ein Rätsel, besonders beunruhigend erschien sie auch deshalb, weil sie im schwersten Verlauf zum Selbstmord führte.

1733 behauptete Dr. George Cheyne, schuld seien das englische Klima sowie ein von sitzenden Tätigkeiten bestimmter Lebensstil und die Verstädterung: Diese Faktoren hätten »eine Art der Übellaune mit furchtbaren und beängstigenden Symptomen hervorgerufen, wie sie unsere Vorfahren kaum kannten und die nun in einem völlig neuartigen und verhängnisvollen Ausmaß die Menschen aller Nationen plagt. Zählungen zufolge leidet fast ein Drittel aller Engländer mit gesundheitlichen Problemen unter diesen nervlichen Störungen.« In England nannte man das Leiden denn auch »die englische Krankheit«. Doch nicht nur die verregneten Britischen Inseln waren betroffen, sondern auch das übrige Europa – bis heute.

Für das 20. Jahrhundert zeigen Statistiken, die nun erstmals einigermaßen verlässlich sind, eine sprunghafte Zunahme der Krankheitsfälle. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Depression heute weltweit die fünfthäufigste Todesursache. Besonders dramatisch sind natürlich Selbstmorde bei Schwerstdepressiven, aber auch die mildere Form der Depression, die Dysthymie, eine chronische Niedergeschlagenheit und Störung der Affektivität, ist potenziell tödlich, da sie die Anfälligkeit der Betroffenen für schwere körperliche Leiden wie Krebs und Herzkrankheiten erhöht.

 

Heute weiß man, dass es sich bei der Depression keineswegs um eine Krankheit der Erfolgreichen und Berühmten handelt, dass vielmehr die Armen öfter als die Reichen betroffen sind, Frauen häufiger als Männer. Die »epidemische Depression« des 17. Jahrhunderts hängt höchstwahrscheinlich auf vielerlei Weise mit der Verdrängung gemeinschaftlicher Rituale und Festlichkeiten aus dem Alltag zusammen. Möglich wäre etwa, dass depressive Menschen als Folge ihrer Krankheit das Interesse an solchen Festen verloren und sie am Ende sogar mit Abscheu betrachteten. Das ist natürlich nur eine von vielen möglichen Erklärungen. So könnten die Zunahme der Depression und der Untergang der Festkultur beispielsweise auch gemeinsame Symptome einer tief greifenden psychischen Veränderung sein, die vor rund 400 Jahren einsetzte und bis heute fortwirkt.

 

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