Raúl Krauthausen testet, wie es wäre, im Heim zu leben

Foto: Andreas Weiland / Sozialhelden e.V.

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Bevor er ins Pflegeheim ging, musste aus Raúl Frederik werden. Fünf Tage lang nahm Raúl also die Identität seines Jugendfreundes an, um unerkannt zu bleiben. Und um ausprobieren zu können, wie es wäre, statt selbstbestimmt in der eigenen Wohnung in einem Heim für assistenzbedürftige Behinderte zu leben.

Bei Raúl dreht es sich um Raúl Krauthausen, einen bekannten Aktivisten, der sich für mehr Rechte für Menschen mit Behinderungen einsetzt. Durch seine Glasknochenkrankheit ist der 36-jährige Autor, Moderator und Blogger rund um die Uhr von einer persönlichen Assistenz umgeben. Dies ermöglicht ihm ein selbstbestimmtes Leben. "Im Moment ist es so: Ich  verlasse das Haus, wann ich will, und komme wieder, wann ich will. Und ich muss niemanden darüber Rechenschaft ablegen", erklärt Krauthausen in einem Video zu seiner Aktion, die er #Heimexperiment nennt.

Genau das aber sei Krauthausen zufolge durch eine Änderung des neuen Bundesteilhabegesetzes, das im kommenden Jahr die Rechte von Menschen mit Behinderungen eigentlich stärken soll, gefährdet. Betroffene könnten zum Beispiel dazu gezwungen werden, in einem Heim zu leben, erklärte der Aktivist uns in einem Interview. Und mit dieser Änderung habe die Regierung lediglich Kostenersparnis im Sinn, übersehe dabei aber, dass eine Teilhabe an der Gesellschaft dadurch erheblich eingeschränkt werden würde.

Um unerkannt zu bleiben, verbrachte Krauthausen also als Frederik getarnt fünf Tage lang in einem Pflegeheim. Dabei wolle er nicht das Pflegeheim oder die Angestellten bloß stellen, heißt es auf Stern TV. Ihm gehe es darum, die Vor- und Nachteile in einer Einrichtung dieser Art herauszufinden. Der 36-Jährige hatte eine versteckte Kamera dabei, die kompletten Ergebnisse sind auf Stern TV zu sehen.

Von Selbstbestimmung bleibt nicht viel übrig

Was Krauthausen während seines Aufenthalts feststellt: dass die Pfleger sehr sorgsam mit ihm umgehen. Aber dass seine Privatsphäre und Unabhängigkeit extrem leiden. Das Heim fühle sich wie ein Krankenhaus an, er selbst sei zum Pflegefall degradiert worden, so Krauthausen. Im Video für Ability Watch, einem Netzwerk von Menschen mit Behinderungen, erzählt der Aktivist: "Die Essenszeiten sind relativ flexibel, aber der Kühlschrank ist abgeschlossen. Immer, wenn ich einen Joghurt möchte, muss ich einen Mitarbeiter fragen." Wenn er auf Toilette musste, sei die Klotür offen gelassen worden. Und spontane Treffen mit Freunden außerhalb des Heims waren nicht möglich, weil das Personal schlicht keine Zeit hatte. "Selbstbestimmt leben", fasst Raúl zusammen, "ist das wirklich nicht."

Schlimm, könnte man jetzt denken. Aber auch: Mich geht das ja eigentlich nichts an. Raúl warnt jedoch in einem weiteren Video von Ability Watch: Treffen könne es jeden. Denn: "90 Prozent aller Behinderungen passieren im Laufe des Lebens, ob durch Unfall oder Krankheit." Und sich dann das Recht auf Selbstbestimmung nehmen lassen? "Nicht über uns, ohne uns", sagt Raúl.

mew

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