Traurige Routine?

Terroranschläge treffen Europa mittlerweile in erschreckend hoher Frequenz. Wie sich die Social-Media-Reaktionen dadurch verändern.
Von Josef Wirnshofer

Spurensicherung – eine Routinemaßnahme nach Terroranschlägen. Bei manchen Social-Media-Kommentaren bekommt man den Eindruck, als würde sich unter den Menschen auch eine gewisse emotionale Routine einstellen.

Foto: AP

Gerade kamen noch Eilmeldungen aus Manchester, dann die Terrorwarnung bei „Rock am Ring“, einen Tag später verlieren sieben Menschen ihr Leben bei einem Anschlag in London. Extremistische Anschläge treffen Europa in erschreckend hoher Frequenz. Terrormeldungen sind zur traurigen Konstante in Newsfeeds und Nachrichtenspalten geworden.

Im Netz drücken Menschen ihre Emotionen über solche Anschläge aus. Lange waren das vor allem Solidarität und Mitgefühl. Doch die Reaktionen scheinen sich zu verändern. Inzwischen stößt man auch auf Resignation und Routine.

Januar 2015, der Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo: Um ihre Trauer zu bekunden, setzten unzählige User Tweets mit dem Hashtag #JesuisCharlie ab oder färbten ihre Profilbilder blau-weiß-rot. Zehn Monate später, nach den Anschlägen in Paris, boten Bürgerinnen und Bürger über Twitter und Facebook auch aktive Hilfe an. Mit dem Hashtag #porteouverte signalisierten sie jenen, die auf der Straße festsaßen: Hier ist eine offene Tür, hier kommt ihr unter.

Dieser Open-Door-Geist zeigt sich seitdem immer wieder bei Anschlägen und Terrorwarnungen. Auch diesmal. Unter dem Hashtag #SofaForLondon haben Dutzende Londoner in der vergangenen Nacht anderen Menschen einen Schlafplatz angeboten.

Am Tag nach dem Terrorangriff klingen in den Social-Media-Kanälen aber auch andere Gefühle an. Hetzer und Anti-Islam-Trommler sind damit nicht gemeint. Dass sie solche Ereignisse instrumentalisieren? Eh klar. Auch nicht die Politzyniker. Dass sie darüber witzeln, wie bei den Rechten wohl gerade die Korken knallen? Liest man jedes Mal.

Neu ist dagegen die Resignation. Eine Userin verliert das Vertrauen in die Menschheit:

Oder die Resignation einer jungen Frau, für die die Welt ein „terrible terrible place“ ist. 

Vor allem scheint sich eine gewisse Terrorroutine einzustellen. Da wären etwa User, die belächeln, dass sich Angela Merkels Trauerbekundungen nach verschiedenen Anschlägen in ihrem Wortlaut ähneln würden. Oder letztens auf Twitter: der „European Terror Cycle“. Ein Diagramm, das Anschläge unter dem Hashtag #PrayFor_ subsummiert: 

Man kann solche Reaktionen als Beleg dafür lesen, wie sehr wir uns an Terrormeldungen gewöhnt haben. Als Ausdruck dessen, wie Menschen versuchen, mit dieser Regelmäßigkeit umzugehen. Gefährlich ist nur, wenn Terror in #PrayFor_ zur Leerstelle wird, beliebig austauschbar, fast banal. Gerade das ist er schließlich nicht.

 

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