„Sie griffen mir in jede Körperöffnung“

Ein US-Student wurde aus einem Flugzeug eskortiert und verhört. Weil er auf Arabisch telefoniert hatte.
Interview: Matthias Fiedler
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Wurde vom FBI wegen Terrorverdacht verhört: Student Khairuldeen Makhzoomi

Foto: Khairuldeen Makhzoomi

Khairuldeen Makhzoomi, Muslim und Politik-Student an der University of Berkeley, wollte Anfang April mit Southwest Airlines von einem Kongress in Los Angeles zurück zur Uni nach Oakland fliegen. Aber er durfte nicht. Er wurde vom Personal der Fluggesellschaft aus der Maschine eskortiert, von der Polizei gefilzt und vom FBI verhört, weil die Behörden glaubten, er sei ein Terrorist.

Der 26-jährige gebürtige Iraker ist kein Einzelfall. Erst vergangenen Donnerstag zog das Sicherheitspersonal einen US-Professor wegen Terrorverdachts aus einem Flieger. Im Interview erzählt Khairuldeen, warum man ihn für verdächtig hielt, wie brutal ihn die Polizei behandelte und was er gegen die Airline unternehmen will.  

jetzt: Khairuldeen, was genau hast du getan, bevor Flug 4620 von Los Angeles nach Oakland ohne dich abhob?

Khairuldeen Makhzoomi: Ich habe mit meinem Onkel in Bagdad telefoniert. Auf Arabisch.  

Klingt unverdächtig. Was hast du ihm gesagt?

Ich erzählte ihm von dem World-Affairs Council – einem Kongress in Los Angeles, auf dem ich an jenem Tag gewesen bin. Und dass ich UN-Sekretär Ban Ki Moon eine Frage gestellt hatte. Das Gespräch dauerte keine zwei Minuten. Am Ende sagte ich ‚Inschallah‘ – eine auf Arabisch gebräuchliche Verabschiedung, die so viel bedeutet wie: So Gott will.

Kann man das falsch verstehen?

Offenbar. Vor mir, in der ersten Reihe, saß eine weiße Frau, vielleicht Ende fünfzig. Sie starrte mich an, als würde sie den Teufel persönlich sehen. Dann eilte sie plötzlich aus der Maschine.

Hast du da bereits geahnt, was dich gleich erwarten würde?

Ich vermutete, dass sie wohl zu jenen gehört, die Arabisch sprechende Menschen mit Terroristen gleichsetzen. Außerdem hatte ich mich ein paar Tage nicht rasiert, trug einen längeren Bart. Für sie offenbar eine gefährliche Mischung.

Und ein Anlass, etwas zu unternehmen?

Ja. Sie meldete mich beim Personal der Fluggesellschaft. Zwei Minuten später stand dieser Manager von Southwest Airlines vor mir. Er drängte mich aus dem Flugzeug in die Gastbrücke, fragte mich, mit wem ich gesprochen hatte und warum auf Arabisch – das sei gefährlich. Er meinte: ‚Schau, was du getan hast, du hältst den ganzen Flug auf.‘ Ich traute meinen Ohren nicht und sagte zu ihm: ‚So weit ist es mit der Islamophobie in diesem Land schon gekommen.‘ Darauf wurde sein Ton aggressiv, er schimpfte mit mir wie mit einem Hund und sagte: ‚Du fliegst heute nirgendwo mehr hin.‘

Was ist dann passiert?

Am Gate Nummer 10 wartete schon eine Handvoll Polizisten und Sicherheitsleute. Dann kam ein Spürhund, der durch mein Handgepäck schnüffelte. Die Polizisten nahmen mir meine Geldbörse ab, drückten mich vor den Augen anderer Reisender, die um uns herum warteten, gegen eine Wand, fixierten meine Hände auf dem Rücken. Sie tasteten mich nach Waffen ab. Jeden Zentimeter, jede Körperöffnung. Sie griffen mir in den Schritt, in den Hintern. Es war widerlich und erniedrigend.  

Was hast du in diesem Moment gedacht?

Ich hatte eine Scheißangst, habe geschwitzt. Die Polizisten behandelten mich wie einen Schuldigen, nicht wie einen, für den die Unschuldsvermutung gilt. Sie verboten mir zu telefonieren, drohten mir mit Gefängnis. Ich habe mich völlig machtlos gefühlt. Irgendwann kamen mir die Tränen.

Welche Rolle hat das FBI gespielt?

Das waren drei Leute. Sie brachten mich nach der Leibesvisitation in einen Durchgangsraum am Gate, der für Airline-Mitarbeiter reserviert und nur mit einem Code zu öffnen war. Vor den Türen des Raumes postierten sich Polizisten. Dann begannen mich die FBI-Agenten zu befragen. Eine Stunde lang.

Was wollten sie wissen?

Wann ich in die USA gekommen bin, mit wem und warum. Wo und was ich studiere. Sie fragten mich nach Details zu meiner Mutter, zu meinen Geschwistern und zu meinem Vater Khalid Makhzoomi. Er war früher irakischer Diplomat. Der damalige irakische Staatspräsident Saddam Hussein hat ihn im Gefängnis Abu Ghraib einsperren und später töten lassen.

Wie war der Ton der FBI-Agenten?

Sehr ruhig, sehr freundlich. Sie wissen genau, welche Fragen sie stellen müssen, um an Informationen zu kommen.

"Die FBI-Agenten sagten: ‚Sprechen Sie auf Flügen nie wieder Arabisch.‘"

Was haben sie dich zu dem Vorfall im Flugzeug gefragt?

Einer der FBI-Agenten sagte – und das hat mich überrascht: ‚Herr Makhzoomi, Sie müssen jetzt ehrlich mit uns sein. Was haben Sie an Bord der Maschine über Märtyrertum gesagt? Sagen Sie uns alles, was Sie dazu wissen.‘

Märtyrertum?

Die Frau, die mich dem Airline-Personal gemeldet hatte, soll gesagt haben, dass ich darüber an Bord gesprochen hätte. Ich sagte dem FBI, dass ich das Wort nie in den Mund genommen habe. Dass ich zur Verabschiedung meines Onkels lediglich ‚Inschallah‘ gesagt hatte. Nachdem das FBI meine Sozialversicherungsnummer überprüft hatte, durfte ich gehen und bekam noch einen Hinweis: ‚Sprechen Sie auf Flügen nie wieder Arabisch.‘ Unglaublich.

Dein Flug zurück nach Oakland war weg. Wie bist du nach Hause gekommen?

Ich bin zum Schalter von Southwest Airlines gegangen und habe mir mein Ticket erstatten lassen. Das hat exakt derselbe Manager getan, der mich aus dem Flugzeug gebracht hatte. Danach habe ich mir für denselben Tag einen Flug bei Delta Air Lines gebucht. Am Abend war ich zurück in Oakland – acht Stunden später als geplant. Alle Uni-Seminare und ein Gespräch mit meinem Tutor über meine Abschlussarbeit hatte ich natürlich verpasst

Hat sich die Airline bei dir entschuldigt?

Bis heute weder der Southwest-Airlines-Manager noch die Fluglinie. Werden sie sicher auch nicht, weil dann wohl viele Leute eine Entschuldigungen einfordern würden. Ich bin ja nicht der erste Muslim, dem so etwas passiert ist.

 

In diesem Jahr gab es mindestens sechs vergleichbare Fälle, in denen Menschen islamischen Glaubens aus zweifelhaften Gründen ein Flug verweigert wurde. Southwest Airlines ist dabei wiederholt aufgefallen. Hat das Misstrauen gegenüber Muslimen dein Bild von den USA verändert?

Nein, aber diese Vorfälle machen mir Sorge. Meine Familie ist 2010 in dieses Land gekommen, weil wir überzeut waren, hier Frieden, Glaubensfreiheit und Rechtsstaatlichkeit zu finden. Und jetzt das.

 

Willst du jetzt noch irgendetwas unternehmen in der Sache?

Ich werde ein Gerichtsverfahren anstrengen, mit Hilfe der Anwälte meiner Universität Berkley und der Bürgerrechtsorganisation CAIR – des Rates für amerikanisch-islamische Beziehungen. CAIR hat mir bereits Unterstützung zugesichert.

 

Das heißt, du willst diesen Vorfall nicht auf dir sitzen lassen?

Mir geht es weniger um mich, sondern um das Bild der Muslime in den USA generell. Amerika hat ein Problem mit uns. Und klar, Politiker wie der Republikaner Donald Trump nutzen das im Präsidentschaftswahlkampf für sich. Aber es kann nicht sein, dass Fluggesellschaften und die Polizei Menschen islamischen Glaubens diskriminieren und wie potentielle Terroristen behandeln, nur weil sie Arabisch sprechen oder einen langen Bart tragen. Das ist lächerlich und entwürdigend.

 

Hat Southwest Airlines jetzt einen Kunden weniger?

Ich fliege nie mehr mit dieser Fluggesellschaft.

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